© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

in diesen Januartagen gehen unweigerlich die Gedanken an das Geschehen zurück, das unser ganzes weiteres Leben bestimmt hat: die Flucht. Allen wird es so ergehen, die damals die Heimat verließen oder verlassen wollten – und dann doch den Russen in die Hände fielen und, wenn sie überlebten, erst Jahre später ausgewiesen wurden. Gleich, ob man damals erwachsen oder noch Kind war, das aber bereits mit wachen Sinnen das Furchtbare wahrnahm. Im Schlaf, aber auch in Wachträumen kommt alles wieder, und erst recht, wenn man die Aufzeichnungen liest, die in jener Zeit entstanden, wie die Briefe und Karten der Königsbergerin Hedwig Ewert. Ihr Neffe Klaus Nachtigall hat sie im Nachlaß seiner Mutter gefunden, und ich habe in unserer Kolumne bereits auf diese Zeitdokumente hingewiesen, zumal wir nach Zeugen gefragt hatten, die im Februar/März 1945 mit Hedwig Ewert im Raum Königsberg zusammen waren. Leider vergeblich – es hat sich niemand gemeldet. Vielleicht jetzt, denn wir wollen auf diese letzten Briefe der Hedwig Ewert noch einmal eingehen, aber das ist nicht der Hauptgrund, warum wir ihnen in dieser Kolumne so viel Platz einräumen. Sondern sie stehen als Antworten für viele Fragen, die immer wieder von der nachfolgenden Generation an uns gestellt werden: Wie war denn das damals in Ostpreußen? Habt ihr denn wirklich nicht gewußt, daß der Russe kommt? Weshalb habt ihr denn nicht früher Ostpreußen verlassen? Warum bliebt ihr denn noch im zerbombten Königsberg?

Mehr noch als alle dadurch geweckten Erinnerungen und Rückbesinnungen geben bewahrte Zeitdokumente wie die Briefe von Hedwig Ewert eine authentische Antwort, denn sie kommen aus dem „Damals“ und nicht dem „Heute“. Das Rad dreht sich zurück und hält in jenen Januartagen vor nunmehr 64 Jahren, als die in ihrer Heimatstadt Gebliebene an ihre Angehörigen, die nach der Ausbombung ihres Wohnhauses auf der Lomse nach Sachsen evakuiert worden waren, die letzten Briefe schrieb. Es handelte sich um ihre beiden Schwestern, junge Mütter mit Säugling und Kleinkindern – eines davon der damals vierjährige Klaus Nachtigall –, zu denen sich kurz vor Weihnachten 1944 ihre Eltern gesellten, die von Königsberg nach Frankenberg fuhren, um das Weihnachtsfest mit den evakuierten Töchtern und Enkeln zu verleben! Sie wollten danach nach Ostpreußen zurückkehren! Hedwig und ihr Mann Fritz Ewert durften als Berufstätige Ostpreußen nicht verlassen. Sie arbeitete bei der Ponarther Brauerei, er auf der Schichau-Werft, wurde dann zum Volkssturm einberufen. Als kinderloses Ehepaar kümmerten sie sich sehr um die Familie, wie die 35 Briefe beweisen, die Hedwig Ewert zwischen dem 31. Oktober 1944 und dem 25. Januar 1945 an die „armen Auswanderer“ in Sachsen schrieb, sowie die Päck­chen und Pakete, die sie sandte. Und Optimismus strahlte sie aus. So hatte sie zu Weihnachten noch geschrieben: „Nun, euch Lieben, alle gesunde, und soweit möglich, auch frohe Feiertage. Es ist noch kein Grund vorhanden, zu verzagen, also Parole: Kopf hoch! Verderbt euch nicht den Magen. Wir werden unser letztes Kaninchen braten. Herzlichste Weihnachtsgrüße Eure Ponar-

ther!“ Noch glauben alle, daß die Großeltern von ihrem Weih­nachtsbesuch in Frankenberg nach Königsberg zurückkehren können. „Tante Heta“, wie Hedwig in der Familie genannt wurde, schreibt am 4. Januar an ihren Vater: „Ich habe vorgestern und gestern Pakete an euch abgeschickt und hoffe, an alles gedacht zu haben. Auch Geld habe ich geschickt, 90 Mark, die 37 Mark, die mehr sind, ist die Differenz zwischen der 2. und 3. Klasse. Nehmt also wieder 2. Klasse für die Rück­fahrt. Jeder Zug wird doch nicht so voll sein.“ Und am 12. Januar übersendet sie die Rückreisegenehmigung. „Also nun könnt Ihr ungehemmt den Resturlaub verleben, die Rückfahrt ist gesichert.“ Einen Tag später, am 13. Januar, begann die Großoffensive der Russen. Immerhin schließt Hedwig eine Rückkehr ihrer Eltern jetzt doch aus. Schrieb sie noch am 17. Januar: „Alles ist hier in bester Ordnung – unsere Soldaten schaffen das schon!“, so folgt zwei Tage später der Rat: „Die Eltern sollen jetzt noch bleiben, sollte es brenzlich kommen, dann bin ich wenigstens allein. Ich glaube aber nicht, daß es dazu kommen wird. Das glauben hier alle.“

Und sie glaubt an ein baldiges Wiedersehen, das belegen geschilderte Nebensächlichkeiten: „Fräulein G. schrieb mir gestern, daß sie für mich Strümpfe gekauft hat. Nun hat sie aber Größe 10 bekommen, einen schönen festen Strumpf, für mich aber doch zu groß. Sollte Oma ihre noch nicht gekauft haben, soll sie doch zusehen, für mich eine Größe 9 zu kaufen, ich gebe ihr dann meine.“ Belanglosigkeiten, wie es scheint. Aber gerade diese kleinen Dinge zeigen, wie sie die tatsächliche Situation nicht einschätzen kann oder nicht will. Wie: „Unser gutes Malzbierchen ist jetzt sehr knapp geworden, das gibt es nur hin und wieder, dann decke ich mich schon ein.“ Sie sendet sogar noch Päckchen an die Evakuierten in Sachsen. „Ich hätte gerne etwas Kartoffelmehl mehr mitgeschickt, aber ich hatte keins. Heute bekam ich welches, aber ich habe weder Papier noch Bindfaden.“ Als ihr Mann Geburtstag hat, backt sie ihm eine „feudale Buttercremetorte. Ich hatte zu diesem Zweck schon lange gespart!“

Sie schreibt nun täglich, es ist, als ahne sie doch, daß ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Aber betrügt sie sich nicht selber, wenn sie am 20. Januar „liebe Grüße in alter Frische“ sendet. Allerdings mit dem Zusatz: „Hier ist alles noch wohl und munter. Hoffen wir, daß es so bleibt.“ Zwei Tage später: „Auch sind Vorkehrungen getroffen worden, daß wir fortkönnen, wenn es nötig ist. Ich weiß ja, daß es ohne dieses nicht abgeht. Vor allem glaubt nicht allen Gerüchten. Hier ist es schlimm in dieser Beziehung. Wenn man glauben wollte, was erzählt wird, dann müßte Königsberg von den Russen schon überrannt sein. Manche Leute sind total verrückt!“ Noch immer wird in der Brauerei gearbeitet: „Eben hat uns Herr Generaldirektor die Mitteilung gemacht, daß wir nicht fort brauchen und daß wie üblich weiter gearbeitet wird.“ Im nächsten Brief dann schon die Zweifel: „Es sind kritische Tage, aber wir hoffen das Beste. Sollte es zum Türmen kommen, werde ich versuchen, zu euch zu kommen. Aber wir werden ja gemeinsam mit dem Betrieb flüchten, hoffen wir, daß es dazu nicht kommt.“

Dann die letzte Karte, am 25. Januar geschrieben, einen Tag, bevor die russische Artillerie Königsberg beschießt: „Jetzt ist bald Zeit, daß etwas Einschneidendes geschieht, sonst können wir doch türmen. Fritz kann für mich Platzkarten auf einem Dampfer bekommen, ich muß aber noch abwarten, denn Berufstätige dürfen noch nicht fort. Es sind noch viele Frauen und Kinder hier, also ist es noch nicht so schlimm. Wenn’s auch brenzlig wird, wird’s schon irgendwie werden. Wir haben ja noch Pferdchen im Stall. Nun Euch allen Lieben viele Grüße Eure Heti.“

Es war der letzte Gruß. Hedwig Ewert verstarb nach Auskunft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) am 26. März 1945 auf dem Gebiet der damaligen UdSSR. Das bedeutet, daß die 38jährige vor dem Fall Königsbergs in die Hände der Russen fiel. Wo und wie – niemand weiß es. Auch unsere Ostpreußische Familie hat es nicht klären können. Bisher – vielleicht erinnert sich nun doch noch jemand an die resolute Frau, die ihren Arbeitsplatz in der Brauerei Ponarth erst verlassen durfte, als es zu spät war? Hat sie mit den „Pferdchen im Stall“ vielleicht die Pferde der Brauerei gemeint – falls die nicht requiriert waren –, oder gebrauchte sie nur die Redensart? Diese ersten Januarwochen erschienen mir geeignet, noch einmal auf das Schicksal der Königsbergerin einzugehen. Die mit ihren Briefen bewahrt hat, wie es damals wirklich war. Und manchem von uns damit vielleicht hilft, die eigene Erinnerung zu festigen. Damit wir das Geschehen jener furchtbaren Zeit auch authentisch an Jüngere vermitteln können.

Denn „das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte kennen die meisten Menschen nur noch aus Büchern“. So sieht es auch der Reporter der Wochenendzeitung „Hannover Sonntag“, der über einen kürzlich gehaltenen Vortrag von Horst Potz im Misburger Gymnasium berichtet. Vor Schülern der 12. Klasse, also 17/18jährigen, die ein überraschend großes Interesse an dem Thema „Flucht und Vertreibung“ zeigten, das der heute in Hannover lebende Ostpreuße eben nicht aus Büchern, sondern aus eigenem Erleben als Halbüchsiger, der sich für den von ihm zusammengestellten Treck verantwortlich fühlte, behandeln konnte. Wir haben über den agilen 79jährigen schon so oft berichtet, daß ich hier nicht näher auf diese Veranstaltung eingehen möchte, die aber erneut beweist, daß diese Art des Geschichtsunterrichts durch Zeitzeugen einen immer breiteren Raum gewinnt. Was für die jungen Zuhörer besonders interessant ist: Horst Potz weicht keinen Fragen aus, weder nach seiner Jugend im Nationalsozialismus noch nach den Erlebnissen auf der Flucht und in der Nachkriegszeit, noch nach der heutigen Verbindung zu seinem Heimatdorf Popelken, dessen soziale Einrichtungen er unterstützt. „Auf diese Weise kann der Geschichtsunterricht um authentische Informationen und mehr Unmittelbarkeit ergänzt werden“, bestätigte auch der Leiter des Misburger Gymnasiums.

Die gefundene „Kokarde“ hat große Begeisterung bei der nach dem Gedicht Suchenden ausgelöst, für sie war es das schönste Weihnachtsgeschenk. Auch Frau von Wrisberg ist keine Ostpreußin, liest aber die PAZ seit einem Jahr, als sie unsere Zeitung auf einem Treffen der ehemaligen „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ fand. Das Gedicht sandte uns, wie schon erwähnt, Herr Klaus Liehs aus Duisburg zu, Schlesier, aber mit einer Ostpreußin verheiratet, deren Vater Lehrer in einem Dorf am Kurischen Haff war. So ist er zu einem frühen Leser des Ostpreußenblattes geworden und ihm treu geblieben. Und so werde ich ihm auch seinen Wunsch erfüllen können, denn Herr Liehs sucht das Lied vom „armen Dorfschulmeisterlein“. Allerdings kenne ich es nur als Gedicht, habe es mit Sicherheit im Archiv, das ich danach durchforsten werde. Noch ein klein wenig Geduld, lieber Herr Liehs. Das Gedicht, das wir für unsern Landsmann Fritz Mickat suchten, hat sich leider noch nicht gefunden – sehr zu meiner Verwunderung, denn ich hatte geglaubt, daß es irgendwo in unserm Leserkreis auftauchen würde: Deshalb frage ich noch einmal danach: „Wer aus dem Becher der Fremde trinkt, dem wird der Wein im Munde schal.“ Wer kennt das Gedicht? Auch auf seine Fragen nach ehemaligen Schülern der Schillgaller Schule erhielt er keine Antwort. Was auch kaum zu erwarten war, denn die Aufnahme, auf die sich seine Frage bezog, stammte aus dem Jahr 1909 (nicht 1912 wie angegeben). Einen Abdruck des im Jahre 1974 als Erinnerungsfoto Nr. 19 im Ostpreußenblatt veröffentlichten Bildes bekam Herr Mickat vor langer Zeit zugesandt. Er vermutet, daß sein Vater als Schüler auf der Aufnahme zu sehen ist, aber es hat sich leider noch niemand aus dem früheren Schillgallen/Schwedenfeld gefunden, der ihm weiterhelfen könnte. (Fritz Mickat, Obrunnweg 15 in 64739 Höchst/Odenwald.)

Eure Ruth Geede

Foto: Ein ostpreußisches Gutshaus im Winter: Dieses Foto wurde in einem Archiv entdeckt und uns übergeben, denn es könnte für manche Leser von Bedeutung sein. Es dürfte sich um eine Schulungsstätte handeln, die Abgebildeten sind vielleicht Absolventen eines Lehrganges. Wer sich oder jemand anders auf dem Bild erkennt und weiß, wie das Gut hieß und in welcher Gegend es lag, der schreibe der Preußischen Allgemeinen Zeitung, Stichwort „Gutshaus im Winter“, Oberstraße 14 b, 20144 Hamburg.


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