© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Kreuzotter und Zebra
Ein Dorfphilosoph und seine Sicht auf die Welt – Bauernschläue hilft nicht immer

Es soll hier nochmals erzählt werden von Emil Matejka aus dem masurischen Borutten, der dortselbst einige Jahrzehnte tätig war als ebenso tüchtiger Gemeindeschuster wie auch als eine Art von Dorfphilosoph mit meist etwas verschrobenen Ideen, die ihn zu manch überraschenden wie verblüffenden Denkergebnissen führen konnten.

Allerdings gab es im Laufe der Zeit Fragen, bei denen dieser neunmalschlaue Emil Matejka trotz seines unbestreitbaren Gripses scheitern mußte. Selbst tagelanges Grübeln und Sinnieren ließen ihn keine Antwort finden, die eine Lösung für das anstehende Problem bedeutete. Davon soll hier das eine oder andere berichtet werden.

Unser masurischer Dorfphilosoph saß wieder einmal in seiner Werkstatt auf dem dreibeinigen Schusterschemel und mit eins ging ihm diese Frage durch den Kopf: „Angenommen, da ist eine Giftschlange, eine Kreuzotter meinswegen. Und die frißt einen Fliegenpilz rein auf. Der ist ja, wie jedermann weiß, auch sehr giftig. Was aber passiert dann?“

Emil Matejka betrachtete gedankenverloren den derben Arbeitsschuh seines Nachbarn Abromeit, dem er gerade eine neue Sohle verpassen wollte. Dann meinte er für sich: „Es sind hier zu erwägen zwei Möglichkeiten. Entweder, die Kreuzotter stirbt an diesem Fliegenpilz. Andererseits kann auch sein, daß sie wird noch giftiger als vorher. Wer kann aber wissen, was da richtig ist und was falsch?“

Um es ohne Umschweife zu sagen, der Dorfschuster von Borutten konnte es nicht, obwohl er hin und her überlegte. Und fragen, fragen wollte und durfte er niemand, denn er hatte als allgemein anerkannter Schlaukopf einen gewissen Ruf zu verlieren. Deshalb blieb für ihn dieses Problem ungelöst, und er vergaß es erst, als er sich sozusagen in einen anderen Fall verbeißen konnte.

Der aber kam mit dem Wanderzirkus „Admira“ nach Borutten. Dieser stand unter der Leitung von Adolar Ferdinand Gonski und war beileibe kein Weltunternehmen. Ganze vier Planwagen, von struppigen Panjepferdchen gezogen, enthielten die gesamte Ausstattung. Und die Artisten, welche das Programm zu gestalten hatten, gehörten durch die Bank zur Familie des Herrn Direktor.

Auf dem Dorfanger direkt neben der Schule und dem Turnplatz wurde das mehrfach geflickte Zelt aufgebaut. Und dann wartete das Akrobaten-Ensemble des Herrn Gonski auf sein Publikum, welches zur ersten Vorstellung herbeiströmen sollte. Was auch geschah, denn nahezu die gesamte Einwohnerschaft von Borutten erschien und nahm erwartungsvoll rund um die Manege Platz.

Darunter befand sich selbstverständlich auch Emil Matejka, der sogar sein Eheweib mitgebracht hatte. Und wie alle anderen bestaunte er mit offenen Mund die dargebotenen Attraktionen und klatschte nach jeder Programmnummer begeistert mit. Das dauerte bei dem philosophierenden Schuster freilich nur so lange, bis ein dressiertes Zebra hereingeführt werde, welches einige Kunststückchen zu zeigen im Stande war.

Von diesem Augenblick an schenkte der Schuster den übrigen Darbietungen in der Zirkusmanege keinerlei Aufmerksamkeit mehr. Denn ein solches Wildpferd aus den Steppen Afrikas hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Was übrigens gleichermaßen für fast alle anderen Bewohner dieses masurischen Landstriches galt, in dem auch Borutten zu finden war.

Bei Emil Matejka mischte sich jedoch die Bewunderung für das Unbekannte alsogleich mit einer bohrenden Frage, die ihn fortan nahezu ununterbrochen beschäftigte. Und diese lautete so: „Ist das Zebra nu’ ein weißes Tier mit schwarzen Streifen oder aber ein schwarzes mit weißen Streifen?“

Auch hier ist der Dorfphilosoph auf dem Schusterschemel trotz andauernder Grübelei zu keinem abschließenden Urteil gekommen. Zumindest aber hat der Herr Gonski davon profitiert. Weil nämlich Emil Matejka sämtliche Vorstellungen besuchte, welche der Zirkus „Admira“ in Borutten gab. Und das nur, weil ihm das Rätsel um das schwarzweiß oder auch weißschwarz gestreifte Zebra nicht aus dem Kopf wollte.

Nur wenig später animierte ihn gar ein Toppchen Kaffee erneut zum Spekulieren. Eigentlich handelte es sich dabei um „Plärtsch“, wie man in Masuren und auch sonstwo in Ostpreußen ein Getränk nannte, welches im wesentlichen aus mit heißem Wasser überbrühter Zichorie bestand. Emil Matejka mochte es dennoch, allerding nur, wenn es mit reichlich Farin gesüßt war.

Gedankenvoll rührte der Herr Schustermeister in der heftig dampfenden Steinguttasse und dabei ging ihm wiederum die Spur einer Idee durch den Kopf. „Wird er eigentlich süß, der Kaffee, durch den Zucker, den man hineintut?“, so fragte er sich und nahm einen ersten prüfenden Schluck. „Oder aber macht dies das Umrühren?“

Letzteres kam ihm nach einigem Sinnieren unwahrscheinlich vor, denn da erhob sich die Frage, warum man dann Farin brauche? Aber er fand schnell die Antwort: „Natürlich! Damit man weiß, wie lange man umrühren muß!“ Überaus zufrieden über diesen logischen Schluß nahm er erneut einen Schluck aus dem Toppchen. Und der schmeckte angenehm süß.

Seinen Mitbürgern allerdings erzählte er nichts von dieser neugewonnenen Erkenntnis. Und ebenso bewahrte er Verschwiegenheit über die Sache mit der Kreuzotter wie mit dem Zebra. Deshalb galt Emil Matejka in Borutten und Umgebung all sein Lebtag als kluger Kopf und gewiefter Denker – als weiser Philosoph eben!               

Heinz Kurt Kays


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