© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Präzise und schnörkellos
Auftragskillerin ohne Passion

Das feine Feuilleton macht immer noch einen Bogen um die Kriminalliteratur. Zwar lieben und lesen die Leute Krimis, doch die Kritiker stürzen sich lieber auf die sogenannte ernste Literatur, die gekauft, aber oft nicht gelesen wird. Dabei unterhalten gute Kriminalromane nicht nur, sie sagen auch etwas aus über die Gesellschaft, in der wir leben. Und das Schöne ist: In diesem Metier kann man immer noch Entdeckungen machen.

Heute ist es Mode geworden, Bücher über Gut und Böse, Verbrechen und Strafe mit Schweden oder Großbritannien in Verbindung zu bringen. Schon die amerikanischen Klassiker eines Dashiell Hammett oder Raymond Chandler sagen nur noch den Eingeweihten etwas. Eine Entdeckung wert sind aber auch die 70er-Jahre-Krimis des Franzosen Jean-Patrick Manchette, der 1942 in Marseille geboren wurde und bereits im Jahr 1995 an Lungenkrebs starb. Er steht für die Stilrichtung des néo-polar, einer Variante des roman noir. Viele seiner Bücher wurden verfilmt.

Viele ödet es an, wenn manche Mode-Autoren britischer oder schwedischer Herkunft 500 Seiten und mehr brauchen, um einen Mordfall zu schildern. Sie brauchen sie aber nur, weil sie nicht zur Sache kommen können, weil sie die Geduld des Lesers mit zig Rahmenhandlungen und den „privaten Problemen“ des Ermittlers strapazieren. Davon sind Manchettes Bücher weit entfernt. Seine Sätze sind präzise, ohne Schnörkel, wie der Körper eines Athleten, ohne ein Gramm Fett zuviel.

Zum Glück müssen Interessierte nicht in Antiquariaten kramen, um an Manchettes Werke zu kommen. Im Heilbronner Distel Literaturverlag liegen elf Bücher aus der Feder des umtriebigen Schriftstellers, Journalisten und Filmkritikers vor. Zum Beispiel der Roman „Fatale“, erstmals 1977 bei Gallimard erschienen. Aimée, die Hauptfigur, ist eine schöne Auftragskillerin. Sie mordet für Geld. Aimée wird uns nicht sympathisch, ja wir wissen nachher auch nicht, warum sie zur Mörderin wurde. Schwafelnde Charak-terstudien sind Manchettes Sache nicht, er treibt lieber die Handlung voran. Schwarz und Weiß lassen sich in diesem schmalen, nur 150 Seiten starken Buch nicht sauber voneinander trennen. Es gibt keine Moral, kein glückliches Ende, dafür viel Blut. Daß das von Aimée angezettelte, allerdings von den Honoratioren der Stadt initiierte Gemetzel in einer kleinen Provinzstadt stattfindet mit dem allgegenwärtigen Motto „Haltet Eure Stadt sauber!“, ist eine bitterböse Pointe.      Ansgar Lange

Jean-Patrick Manchette: „Fatale“, Heilbronn, Distel Literaturverlag, 148 Seiten, 14,80 Euro


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