© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Plötzlich Springerstiefel
Mütter rechtsextremer Kinder berichten

„Es fing mit der Kleidung an – Haare, Musik und so weiter. Ich habe es am Anfang überhaupt nicht ernst genommen. Sven legte plötzlich seine Hiphop-Sachen ab und das fanden wir natürlich toll. Er trug dann schicke Cordhosen und diese Lonsdale-T-Shirts ... Aber wir kannten uns da ja nicht aus ... Wir dachten nur: Oh schön, das sieht ja wunderbar aus. So gepflegt!“ Dieser Bericht einer Mutter, die erkennen mußte, daß ihr Sohn sich in rechtsextremen Kreisen bewegt, beschreibt eindringlich die Unwissenheit und Hilflosigkeit so vieler Eltern in ähnlicher Lage. Die MDR-Journalistin Claudia Hempel bietet in „Wenn Kinder rechtsextrem werden – Mütter erzählen“ mehreren betroffenen Frauen die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen zu sprechen und so anderen Eltern eine Stütze zu sein.

Die sehr gefühlsbetonten Erlebnisberichte überzeugen durch Authentizität. Alle Frauen berichten unverblümt, was sie bewegte und noch heute bewegt, wenn es um die Veränderung im Verhalten ihrer Kinder ging. Einige versuchten, die Augen davor zu verschließen, oder erkannten nicht, was geschieht, andere empfanden es als Schande, daß gerade ihr Kind den Hitlergruß machend in der Öffentlichkeit gesehen wurde. „Was habe ich falsch gemacht“, fragen sich jedoch alle. Hilfe von der Schule oder vom Jugendamt bekommt keine der Betroffenen. Einige müssen sich gar sagen lassen, daß ihr Sohn als Scheidungskind verständlicherweise rebelliere, daß würde sich schon wieder verwachsen. Im Internet holen sie sich ihre Informationen, um zu erfahren, wie tief ihr Kind „drinsteckt“, doch auch diese Informationen sind nicht immer hilfreich.

Obwohl die Berichte der Mütter  aus ihrem eigenen Erleben heraus geschrieben sind, erkennt der Leser die Probleme dieser Frauen, die überwiegend aus den neuen Bundesländern stammen. In der DDR erzogen, können sie die Identitätssuche ihrer Kinder nicht nachvollziehen und diese auch nicht in normale Bahnen lenken. „Er sagt von sich, er sei nicht rassistisch, aber er wünsche sich für die Deutschen ein gesundes Nationalbewußtsein. Das ist ja nun tatsächlich so, daß wir das zu DDR-Zeiten nicht gelernt haben.“ Zuhause finden diese Kinder keine Befriedigung ihres natürlichen Bedürfnisses und landen dann in den falschen Kreisen, in denen ihnen flache Parolen eingetrichtert werden. Gewalt ist meist die Folge. „Ich wünsche mir einfach, daß er es nicht mehr braucht, sich an solchen ideologischen Dingen festzuhalten. Er hätte damals wahrscheinlich genausogut in eine linksextreme Gruppe geraten können. Er hat wirklich einen Halt gebraucht: Familie kaputt, Mutter setzt keine Grenzen mehr, kein Schulabschluß“, analysiert eine der Mütter die Entwicklung ihres Sohnes im Nachhinein. Die Mutigste unter ihnen, die sogar offen auf jene zugeht, die ihre 15jährige Tochter in ausländerfeindliche Kreise ziehen wollen, verliert fast ihren Mann, der mit der „braunen Scheiße“ in seinem Haus nichts mehr zu tun haben und ausziehen will. Eine andere resigniert nach langjährigem, zähen Kleinkrieg daheim: „Ich weiß nicht, in unserer Familie scheint irgendwas schief zu laufen. Vor ein paar Monaten ist meine Nichte zum Islam übergetreten, sie hat einen Marokkaner geheiratet und trägt jetzt Kopftuch. Meine Eltern verkraften das alles nur sehr schwer. Sie haben drei Enkelkinder – zwei sind rechts und eine ist Muslima.“

Claudia Hempel hat mit ihrem vorliegenden Buch eine aufschlußreiche Sammlung verschiedener Schicksale zusammengestellt, an deren Ende eine Liste mit Adressen angefügt ist, an die sich Betroffene wenden können. Und es sind überwiegend engagierte Mütter, die sich an jene Experten wenden, denn im „Ringen um das rechtsextreme Kind“ würden Väter nur eine „marginale Rolle spielen“, so die Autorin.           Bel

Claudia Hempel: „Wenn Kinder rechtsextrem werden – Mütter erzählen“, zu Klampen, Springe 2008, geb., 207 Seiten, 12,80 Euro


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