© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Beunruhigendes aus London
Großbritanniens Wirtschaft stürzt ab – Vorbote für Deutschland?

Nach wenigen eher ruhigen Wochen hat sich die Weltwirtschaftkrise wieder beschleunigt. In einem Tempo wie vergangenen Herbst von den Finanzmärkten kommen nun die Hiobsbotschaften von der realen Wirtschaft. Ein Blick nach Großbritannien zeigt, was uns noch bevorstehen könnte.

Ein Bundeswirtschaftsminister muß Zuversicht ausstrahlen, das ist seine Pflicht. Kein Wunder also, daß Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg widersprach, als Norbert Walter, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, erklärte, nur im günstigsten Falle könne der Einbruch der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr auf 5 Prozent begrenzt werden. Doch Walter ist ernstzunehmen, er hat nicht den Ruf eines Schwarzsehers.

Was den Deutschen bevorstehen kann, zeigt ein Blick nach Großbritannien. Das Vereinigte Königreich erlebt derzeit einen Absturz, der allenfalls in den schlimmsten Phasen der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 Parallelen hat.

Schon zwei Millionen Menschen haben seit Herbst ihren Job verloren, die Immobilienpreise sind im freien Fall. Der Kontrast zu früheren Jahren könnte größer nicht sein, als die im Vergleich zur übrigen Volkswirtschaft riesige Finanzbranche als Garant des Wohlstands galt. Das Land war stolz auf das Erreichte und sah sich nach 16 Jahren ununterbrochenen Wachstums als „postindustrielle“ und global ausgerichtete Dienstleistungsgesellschaft. Am Ende arbeiteten fast 6,5 Millionen Briten im Finanzsektor, und nur selten wurde die Frage gestellt, wie lange es gutgehen kann, wenn in einem Land nur noch der eine den anderen bedient und am Ende niemand mehr für die Produktion zuständig ist.

Die Lage wird dadurch erschwert, daß der arg zusammengestutzte britische Sozialstaat heute umgerechnet nur noch weniger als 70 Euro Arbeitslosengeld pro Woche zahlt. Platzende Kredite und Zwangsversteigerungen sind die Folge. Immer lauter wird nach Schuldigen gefragt, doch begründete Antworten sind schwer - zu jedem wertlosen Giftpapier gehört jemand, der einen Phantasiepreis dafür gezahlt hat und zu jedem unverantwortlichen Immobilienkredit ein Naiver, der ihn aufgenommen hat. Mit 1,5 Billionen Pfund stehen die Privathaushalte der Insel heute in der Kreide. Nun kursieren Geschichten über reich gewordener Banker, die sich bewaffnen, weil sie den Zorn der Armen befürchten. Da und dort hat sich der Unmut bereits zum Haß verdichtet.

Das ist kein Albtraum, es ist die Lage Großbritanniens im Februar 2009. Die angesehene „Times“ schreibt, das Land sei heute nicht mehr der kranke Mann Europas wie in den 1970ern, sondern „der kranke Mann der Welt“. Nicht immer, aber in mehreren Fällen eilte die britische Wirtschaft der deutschen um ein paar Quartale voraus. Daran ändern auch weiterhin bestehenden Unterschiede nichts, die die Krise in Deutschland milder verlaufen lassen dürften.Konrad Badenheuer


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