© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Die Gegenleistung
Berlin will ein Weltkriegsmuseum in Danzig unterstützen, doch dessen Konzept ist fragwürdig

Für die Genehmigung, in Berlin ein Dokumentationszentrum über Vertreibungen errichten zu dürfen, hat die Bundesregierung viele Zugeständnisse an Polen gemacht. Eines davon ist die Unterstützung eines Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Nun wurde seine Konzeption bekannt. Sie wirft viele Fragen auf.

Mit dem geplanten Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig hatte Polens Premierminister Donald Tusk das in Berlin geplante „sichtbare Zeichen“ eigentlich ganz verhindern wollen. „Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, ein weit umfassenderes Projekt zu realisieren, das an den Zweiten Weltkrieg erinnern würde“, erklärte Tusk im Dezember 2007.

Auch wenn die Bundesregierung nicht bereit war, das „sichtbare Zeichen“ ganz aufzugeben, nahm sie doch den Vorschlag des Museums in Danzig gerne auf. Anfang Februar 2008 äußerte sich Bundeskanzlerin Merkel „sehr beeindruckt“ über den Vorschlag Tusks, gemeinsam in Danzig ein solches Museum zu bauen. Diese Einladung an die Deutschen sei schon im Grundsatz „eine deutliche Geste der Versöhnung“, erklärte Merkel. Im weiteren Verlauf der Debatte wurde deutlich, daß die Beteiligung Deutschlands an diesem Museum eine politische Gegenleistung für die sogenannte „wohlwollende Neutralität“ Warschaus gegenüber dem sichtbaren Zeichen wäre.

Allerdings zeichnet sich ab, daß mit dem „gemeinsamen Bauen“ des Museums in Danzig wohl eher eine deutsche Beteiligung an den Baukosten gemeint ist als eine inhaltliche Mitwirkung, wie sie übrigens der BdV polnischen Historikern beim Projekt „Zentrum gegen Vertreibungen“ von Anfang an angeboten hatte.

In der neuesten Ausgabe des deutsch-polnischen Magazins „Dialog“ präsentieren nämlich der polnische Historiker Professor Pawel Machcewicz und sein Mitarbeiter Piotr M. Majewski das Konzept des geplanten Museums. Das komplett zweisprachige, vom Bundesverband der Deutsch-Polnischen Gesellschaft herauge­gebene Magazin hat offiziösen Charakter, im Impressum firmieren Rita Süssmuth und die SPD-Bundestagsabgeordnete Angelica Schwall-Düren. Der Historiker Machcewicz wird darin als „Bevollmächtigter von Premierminister Donald Tusk für das Museum des Zweiten Weltkrieges“ vorgestellt. Falls es dennoch eine deutsche Mitwirkung an dem Vorhaben geben sollte, dann wird sie hier jedenfalls nicht sichtbar.

Bei den Inhalten, und das wohl noch bedenklicher, schon garnicht. Neben viel Richtigem und Vernünftigem finden sich dort nämlich die aus Polen seit 64 Jahren sattsam bekannten Einseitigkeiten und Weglassungen, die geradezu unvermeidlich zu einem schiefen Bild über Ursachen, Verlauf und Folgen des Zweiten Weltkrieges (die allesamt von dem Danziger Museum abgehandelt werden sollen) führen.

Um mit dem Positiven zu beginnen: Es verdient Zustimmung, daß die rein westeuropäische Sicht, mit dem Jahre 1945 habe der Schrecken für Europa geendet, hier einer objektiveren Perspektive weicht. Die jahrzehntelange Unterjochung Ostmittel- und Osteuropas  sollen gebührend dargestellt werden. Dabei spricht Machcewicz zu Recht von der „Parallelität der deutschen und sowjetischen Repression gegen Polen in den Jahren 1939–1941“. Auch das Vorhaben, in dem auf insgesamt 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche angelegten Museum die historischen Ereignisse vorwiegend aus der Sicht der einfachen Menschen, Soldaten und Zivilisten, darzustellen, und damit „den verbrecherischen Charakter des Krieges zu verdeutlichen“, wird sicher allseitige Zustimmung finden.

Problematisch erscheint dagegen die sich abzeichnende sehr positive Wertung der durch den Versailler Vertrag geschaffenen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg. Zwar soll der erste der vier Hauptteile der Ausstellung der „umfassend verstandenen Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges gewidmet sein“. Doch dabei soll das „Hauptgewicht“ nur auf die Kräfte gerichtet sein, die die Versailler Ordnung beseitigen wollten, „also Nationalsozialismus, italienischen Faschismus, Kommunismus und japanischen Imperialismus“. Der interessierte Beobachter fragt sich, ob die international sehr kritische Bewertung der Pariser Vorortverträge – sowohl seitens der Historiker als auch seitens der Friedens- und Konfliktforschung – in einem solches Konzept Platz finden. Erst recht fragt er sich, ob bei dieser Schwerpunktsetzung Raum sein wird für eine polnische Politik in der Zwischenkriegszeit, die maßlose territoriale Ziele gegenüber der UdSSR verfolgte und durchsetzte und in der maßgebliche Kräfte offen von der Annexion der Freien Stadt Danzig, vom Gewinn Ostpreußens „ohne Menschen“ und von der Angliederung weiter Teile (Ober-)Schlesiens über das mit der (aus polnischer Sicht eigentlich verlorenen) Volksabstimmung vom März 1921 gewonnene Land hinaus träumten. Und nachdem heute selbst deutsche Standardwerke eine Politik Warschaus nach dem Ersten Weltkrieg verschweigen, die zur Verdrängung von gut einer Million Deutschen in den Jahren 1919 bis 1924 aus Polen führte, wird man auch diese (auch „kalte Vertreibung“ genannte) historische Tatsache in einem polnischen Museum kaum erwarten, so sehr und so eindeutig sie zum Erstarken des Nationalismus in Deutschland beigetragen hat und damit zu den Ursachen des Zweiten Weltkrieges gehört.

Der Umgang mit dem Thema „Vertreibung“ in der nun veröffentlichten Konzeption ist auch sonst delikat. Gewiß gehören zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs die vom NS-Regime organisierten Bevölkerungsverschiebungen, die Machcewicz mit jedem Recht „Vertreibungen“ hätte nennen können. Doch über „Flucht“ und „Aussiedlung“ der deutschen Zivilbevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg (auch hier wird der Begriff „Vertreibung“ gemieden), meint Machcewicz: „Die Ausstellung muß zeigen, daß diese Vorgänge nicht nur Folge des Bestrebens waren, national einheitliche Staaten zu schaffen, sondern vor allem eine Fortsetzung der Zwangsmigrationen, die Nazideutschland und die UdSSR in einem unerhörten Umfang eingeleitet hatten.“ Das ist mehr als schief: Deutsche wurden ja keineswegs nur aus mehrheitlich polnischem und tschechischem Land vertrieben. Die Vertreibung der Deutschen aus Danzig, den Oder-Neiße-Gebieten und dem Sudetenland diente vielmehr schlicht und einfach dem Ziel, den polnischen und tschechischen Siedlungsraum massiv zu vergrößern. Als „Fortsetzung“ der NS-Politik mag man ein solches Vorgehen sehr wohl bezeichnen – vorausgesetzt, es wird damit nicht der Eindruck erweckt, ein Unrecht könne das nächste rechtfertigen oder hier habe irgendein Automatismus bestanden. Gerade in diesem Punkt sind die größten Fragezeichen angebracht, wenn man den Verlauf der geschichtspolitischen Debatte in Polen der vergangenen Jahre bedenkt (siehe Kommentar auf Seite 8).             Konrad Badenheuer

Foto: In nationalen Grundsatzfragen keine große Unterschiede: Polens Ministerpräsident Donald Tusk (l.) und Staatspräsident Lech Kaczynski.


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