© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Schwieriger Weg aus dem Ghetto
Studie: Vermieter in besseren Gegenden lassen Türken lieber nicht in ihre Häuser ziehen

Türken und Türkischstämmige, die  nicht mehr in den als Ghettos verschrienen Migrantenvierteln leben wollen, haben es schwer: Vermieter in den „besseren“ Vierteln begegnen ihnen mit erheblichen Vorbehalten.

Emsel Kilic studiert an der Berliner Humboldt-Universität Stadt- und Regional-Soziologie. Die junge Deutschtürkin schreibt gerade an ihrer Diplomarbeit zum Thema „Erfahrungen von türkischen und türkischstämmigen Migranten bei der Wohnungssuche in Berlin“.

Was sie herausfand, bildet weiteren Zündstoff für die ohnehin gereizte Debatte um Integration und Parallelgesellschaften: Wohnungssuchende mit türkischen Namen haben es spürbar schwerer als andere, in bevorzugten  Wohnquartieren eine Mietwohnung zu bekommen. Emsal Kilic: „Zunächst habe ich je zehn E-Mail-Adressen mit deutschen und türkischen Namen eingerichtet und von diesen aus dann je 100 Inserate für Wohnungen in Wilmersdorf und Neukölln mit ähnlichen Formulierungen beantwortet.“ Im Arme-Leute-Viertel Neukölln hatte sie mit den türkischen Namen meist Erfolg, während im gutbürgerlichen Wilmersdorf von zehn „türkischen“ Bewerbungen nicht eine zum Zuge kam. Die von der Studentin veranlaßten Bewerbungen mit deutschen Namen stießen in beiden Gebieten auf keinerlei Vorbehalte.

Selbst bei den Bewerbungen im migrantenreichen Neukölln taten sich noch leichte Unterschiede auf: Vermieter signalisierten 13mal den deutschen, aber nur elfmal den türkischen Bewerberinnen Interesse. Und: „Die Bewerberin mit türkischem Namen wurde vor Ort im Gegensatz zu meiner deutschen Freundin explizit auf die Notwendigkeit von Einkommensnachweis und Schufa-Auskunft hingewiesen,“ berichtet Kilic.

Die zutage geförderten Erkenntnisse riefen zahlreiche kritische Stellungnahmen in der Hauptstadt hervor. Nuran Yigit vom „Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin“ meint: „Die Suche nach Wohnungen in einer Wunschgegend ist für Menschen mit Migrationshintergrund ein ähnlich gravierendes Problem wie die nach Arbeit.“ Und Katharina Skerka vom „Bund für Antidiskriminierungs- und Bildungsarbeit“ bestätigt: „Wir verfassen oft zusammen mit den Betroffenen Beschwerdebriefe.“ Reiner Wild vom Berliner Mieterbund sieht jedoch wenig Chancen für Beschwerden über mutmaßlich gezielte Benachteiligung von Türken bei der Wohnungssuche: „Derartige Diskriminierungen bei der Wohnungsvergabe sind schwer zu beweisen, wie soll man nachweisen, daß unter vielen Absagen einige wegen der Herkunft gegeben werden?“

Hiltrud Sprungala vom „Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmer“ wies den Vorwurf der Diskriminierung zurück. „Es gehört zum Selbstverständnis der Mitgliedsunternehmen, niemanden aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Rasse abzulehnen.“ Dieter Blümmel, Sprecher der „Eigentümer-Schutzgemeinschaft Haus und Grund“ in Berlin, verweist indes darauf, daß seinen Mitgliedern die neuen Bestimmungen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes („Antidiskriminierungsgesetz“) deutlich gemacht worden seien. Allerdings ermögliche dieses Gesetz sehr wohl unterschiedliche Behandlungen von Bewerbern, wenn es darum gehe, die Bewohnerstruktur sozial stabil zu halten.

Auffällig an Kilics Diplomarbeit ist, daß sie sich nur mit türkischen Wohnungssuchern beschäftigt. Ob auch Migranten aus anderen Ländern benachteiligt werden, diese Frage behandelt sie nicht. Auch widmet sie sich nicht der Frage, was die deutschen Vermieter zu ihrer Haltung bewogen hat. Der schlichte Schlachtruf „Diskriminierung“ verkleistert mehr als er klärt. Daß Stadtteile, die im Straßenjargon nur noch als Ghettos bezeichnet werden, eine abschreckende Wirkung auf die Nachbarkieze ausüben, darf kaum verwundern. Vermieter in anderen Gegenden sprechen hinter vorgehaltener Hand von der Furcht, daß auch ihr Stadtteil eines Tages „umkippen“ könnte, und nehmen Angehörige jener Migrantengruppen, die in den Ghettos den Ton angeben, pauschal in Haftung. Auf diese möglichen Motive von Vermietern angesprochen, warnt der Pankower CDU-Abgeordnete René Stadtkewitz jedoch gegenüber der PAZ: „Da mag ja was dran sein, aber ich glaube dennoch, daß jeder Wohnungsbewerber es wert ist, einzeln begutachtet und nicht pauschalisiert zu werden.“

Besonders hart trifft das von Kilic aufgedeckte Phänomen paradoxerweise gerade jene Türkischstämmigen, die dem Ghetto entfliehen und ein Leben nicht neben, sondern innerhalb der deutschen Gesellschaft führen, sich integrieren wollen. Bevölkerungswissenschaftler beobachten seit längerem, daß längst nicht nur Deutsche aus Vierteln wegziehen, in denen ein türkisch-arabisches Milieu dominiert. Auch die türkischstämmige Mittelschicht sucht hier das Weite, schon damit ihre Kinder in Schulen und Kindergärten gehen können, in denen Deutsch die normale Verkehrssprache ist.

Daß integrationswillige Türken nun deutscherseits bei der Integration, etwa durch den Wegzug aus dem „Ghetto“, behindert werden, erscheint als tragische Überreaktion auf eine verfehlte Ausländerpolitik. Noch vor wenigen Jahren mußte sich als „Rassist“ beschimpfen lassen, wer öffentlich die Meinung äußerte, in diesem oder jenem Viertel gebe es möglicherweise „zu viele Ausländer“. Glaubt man Emsel Kilics Studie, drohen diese Viertel nun zum Gefängnis zu werden für die dort lebenden Migranten.        Hans Lody

Foto: Nicht alle über einen Kamm: Vielfach sind es gerade junge  Türkinnen, die aus Parallelgesellschaften und Großstadt-Ghettos ausbrechen wollen. Oft hindern integrationsunwillige Väter oder Brüder sie daran, manchmal aber auch deutsche Vermieter.


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