© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Kein Zankapfel mehr
Nationale Minderheiten bereichern Europa – FUEV seit 1949 aktiv

Rund 100 Millionen Europäer gehören einer der etwa 300 nationalen Minderheiten des Kontinents an. Die Zeiten, in denen die Volksgruppen Zankapfel zwischen rivalisierenden Nationalstaaten waren, sind weitgehend vorbei. Für ihren Schutz setzt sich seit Jahrzehnten die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) besonders ein.

Bis 1990 hieß das 22. französische Departement Côtes-du-Nord, dann wurde es umbenannt in Côtes-d’Armor. Das hat nichts mit „amour“ zu tun; „armor“ ist bretonisch und bedeutet in der Sprache dieser keltischen Minderheit „Land am Meer“. Die Umbenennung war für die knapp 270000 Bretonen, die ihre Sprache noch sprechen, mehr als ein Achtungserfolg. Sie signalisierte die lange verweigerte Anerkennung als eigenständige Volksgruppe. Heute ist das auch überall in diesem so aufregend schönen Küstenstreifen sichtbar: alle Orts- und Straßenschilder sind zweisprachig, hinter St. Malo wird man begrüßt mit „Degemer mad“ und verabschiedet mit „Kenavo“.

Vielleicht war es ja kein Zufall, daß zur Zeit dieser Wende in den Beziehungen zwischen der zentralen französischen Staatsmacht und der aufmüpfigen Region am Atlantik der Bretone Pierre Lemoine Präsident der „Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen“ (FUEV) war. Diese 1949 gegründete Organisation setzt sich intensiv für die Belange nationaler Minderheiten in Europa ein.

Anfangs stand der eher defensive Schutzgedanke im Vordergrund, das damals durchaus zeitgemäße „Nie wieder“. Die bitteren Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Umgang mit wie immer definierten Minderheiten sollten aufgearbeitet werden. Man wollte verhindern, daß Menschen wegen sprachlicher, kultureller oder historischer Besonderheiten benachteiligt, unterdrückt oder verfolgt würden.

Doch längst geht es um mehr, nämlich um die offensive Förderung. Schon früh hatten die Mitglieder der Organisation erkannt, daß nationale Minderheiten auch eine Bereicherung darstellen können (was übrigens nichts mit den späteren rot-grünen Multikulti-Utopien zu tun hat, siehe Kommentar auf Seite 8). Wenn heute sogar das traditionell zentralistische Frankreich sich behutsam seinen bislang ignorierten Minderheiten zuwendet, ist dies nicht zuletzt ein Verdienst der FUEV.

Wesentliche Impulse kamen aus Deutschland, wo die Organisation auch ihren Sitz hat. Im äußersten Norden, in Flensburg, hat die FUEV das Paradebeispiel für den Umgang mit Minderheiten sozusagen vor der eigenen Haustür: In Schleswig-Holstein leben 50000 Dänen, nördlich der Grenze rund 25000 Deutsche. Beide Minderheiten können ihre kulturelle und sprachliche Identität uneingeschränkt entfalten. Da sie zugleich in die jeweilige Rechtsordnung integriert sind, gibt es weder auf beiden Seiten keine  nennenswerte Probleme mit der Bevölkerungsmehrheit.

Die Bundesrepublik Deutschland hat noch ein weiteres Vorbild für den Umgang mit Minderheiten aufzuweisen. In der Lausitz (Sachsen und Brandenburg) leben heute noch schätzungsweise 60000 westslawische Sorben (Wenden). Sie waren bereits in der DDR-Verfassung formell als Minderheit anerkannt, doch erst nach der Wiedervereinigung erlangten sie vollen und europaweit vorbildlichen Minderheitenschutz.

Schutz und Förderung von nationalen Minderheiten ist übrigens kein Randthema. Nach Angaben der FUEV gibt es in Europa über 300 solcher Volksgruppen, mit rund 100 Millionen Menschen. Der Organisation, vor 60 Jahren in der Nachfolge des Europäischen Nationalitätenkongresses (1925 bis 1938) gegründet, gehören heute 84 Gruppierungen aus 32 Staaten an. Beim Europarat, bei den Vereinten Nationen und bei der OSZE genießt sie als sogenannte NGO (non-governmental organization) offiziellen Status. Wichtige Beiträge hat die FUEV zur Formulierung der vom Europarat beschlossenen Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen geleistet, die bislang aber leider erst von der Hälfte aller europäischen Staaten ratifiziert wurde, sowie der Europäischen Konvention zum Schutz der nationalen Min-derheiten. Übrigens berücksichtigt die FUEV auch die Rechte vertriebener Minderheiten, zu deren Menschenrechten sie sich ausdrücklich bekennt. Hans-Jürgen Mahlitz

Foto: Wo ein Wille ist: Seit kurzem gibt es auch in Nordfriesland zweisprachige Ortsschilder.

 

Zeitzeugen

Christoph Pan – Der 1938 in Bozen geborene Soziologe ist seit 1961 Leiter des Südtiroler Volksgruppen-Instituts in Bozen. Er lehrte an den Universitäten Innsbruck und Salzburg. 1994 bis 1996 war er Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen. Er veröffentlichte zu den Themen Minderheitenrechte sowie zu wirtschafts- und sozialpolitischen Aspekten Südtirols.

 

Flemming Meyer – Gehört seit 1966 dem Südschleswigschen Wählerverband, der dänischen Minderheitenvertretung in Schleswig-Holstein, an. Als Sohn des linken SSW-Landtagsabgeordneten Karl Otto Meyer im dänischen Sonderburg geboren, trat er nach dem Studium in Flensburg in den Dienst des Dänischen Schulvereins. Er befürwortet eine Teilnahme des SSW an Bundestagswahlen.

 

Maximilien de Robespierre – Vertrat ab 1789 den dritten Stand (Bürger und Bauern) in der Nationalversammlung. Als Ober-Jakobiner und Inbegriff eines Menschen, der nicht verstand, warum Minderheiten schützenswert sind, legte er die aufklärerischen Ideale Rousseaus nach eigenen Vorstellungen aus und regierte mit Terror. 1794 setzte das Parlament seinem Handeln ein Ende. Er kam durch die Guillotine ums Leben.

 

Hermann Niermann – Schon früh faßte der 1905 geborene Düsseldorfer Kaufmann und Industrielle den Entschluß, mit dem aus der elterlichen Firma erwirtschafteten Vermögen eine Stiftung zur Förderung deutscher Minderheiten zu errichten. Die nach ihrem 1985 verstorbenen Gründer benannte Stiftung unterstützt soziale, kulturelle und Bildungseinrichtungen sowie wissenschaftliche Institutionen, und fördert heute nicht mehr nur deutsche Minderheiten.

 

Winston Churchill – Wenig minderheitenfreundich nannte der britische Kriegspremier die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich der Oder und aus der Tschechoslowakei als „befriedigendstes und dauerhaftestes Mittel“, um Minderheitenprobleme in Ostmitteleuropa zu lösen: „Es wird reiner Tisch gemacht werden.“ Allerdings handelte es sich bei den rund 14 Millionen Betroffen überwiegend garnicht um Angehörige von Minderheiten.


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