© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Unklare These, klares Motiv
Verdienen Frauen wirklich 23 Prozent weniger für gleichwertige Arbeit? – Irreführendes aus Brüssel

In Deutschland verdienen Frauen im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer, behauptet EU-Sozialkommissar Vladimir Špidla. Mit diesem Alarmruf will die EU-Kommission erkennbar das Feld für neue Antidiskriminierungsvorschriften bereiten. Es gibt indessen starke Argumente, daß die von Brüssel verkündeten Zahlen garnicht stimmen.

„Deutschland gehört nach wie vor zu den Staaten mit der größten Ungleichheit der Bezahlung von Männern und Frauen“, schreckte der für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit zuständige EU-Kommissar Vladimir Špidla vor wenigen Tagen die Deutschen auf. In Deutschland sei dieses Gefälle zuletzt sogar von 22 auf 23 Prozent gestiegen, aber selbst im EU-Durchschnitt liege es bei inakzeptablen 17,4 Prozent. Dabei, so der frühere tschechische Regierungschef, gehe es „nicht nur“ um unterschiedliche Bezahlung für gleiche Arbeit, sondern auch darum, daß die Frauen in Deutschland mehr in Teilzeit und gering qualifizierten Jobs arbeiteten als in anderen Ländern.

Diese quasi-amtliche Aussage eines mächtigen EU-Kommissars wurde in der deutschen öfentlichen Diskussion so gut wie nirgends infrage gestellt, sondern vielfach sogar unkritisch zur Schlagzeile „Frauen werden benachteiligt“ verkürzt. Allerdings werfen die Zahlen aus Brüssel eine Reihe von Fragen auf. So behauptet Špidla einmal, Frauen, die genauso qualifiziert seien und in denselben Jobs arbeiten wie Männer, erhielten weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Gleichzeitig erklärt der Kommissar, das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern liege daran, daß mehr Frauen teilzeit oder unterqualifiziert arbeiteten. Ja, was denn nun? Entweder sind die Verhältnise vergleichbar oder sie sind es nicht. Entgeltunterschiede bei unterschiedlicher Qualifikation sind - völlig unabhängig vom Geschlecht - unvermeidlich und durchaus nicht ungerecht.

Bemerkenswert ist, daß die EU-Kommission die aus ihrer Sicht erfreulich hohe deutsche Frauenerwerbstätigkeit argumentativ gegen Deutschland wendet. Aber klar ist: Wo insgesamt weniger Frauen arbeiten, verdienen diejenigen, die es dennoch tun, mehr. Gut für die Länder mit niedriger Frauenerwerbstätigkeit, schlecht für Deutschland. Auch hier fehlt der Argumentation die innere Logik, oder deutlicher gesagt: Die EU-Kommission argumentiert mit Taschenspielertricks.

Der Eindruck der Irreführung verstärkt sich noch angesichts der Tatsache, daß sich die EU-Kommission seit Jahren weigert, die Methoden offenzulegen, mit denen sie zu ihren Zahlen kommt.  Das dürfte allerdings auch schwierig sein, denn gegen unterschiedliche Entgelte für wirklich gleichwertige Arbeit spricht zwingend das kleine Einmaleins der Ökonomie: Jeder Arbeitgeber - vom Freiberufler und Handwerksmeister bis zum Großkonzern - würde natürlich bevorzugt Frauen einstellen, wenn diese dieselbe Arbeit für 23 Prozent weniger Lohn und Gehalt erledigen würden. Stattdessen würden Männer entweder entlassen oder bei ihrem Ausscheiden nicht mehr ersetzt. Das hat nichts mit Gefühlen zu tun, sondern mit dem Wetttbewerb, in dem jeder Arbeitgeber steht, und der ihn geradezu zwingt, solche Möglichkeiten - falls vorhanden - auszuschöpfen. Für Chauvinismus auf der einen oder unbegründete Nettigkeit zu Frauen auf der anderen Seite ist im harten Wettbewerb schlechterdings kein Raum.

Der beschriebene Mechanismus würde dann in sehr kurzer Zeit dazu führen, daß allfällige, duch die Produktivität nicht begründete Entgeltunterschiede innerhalb kurzer Zeit verschwänden. Die höhere Nachfrage nach weiblichen und die geringere Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften würde rasch den Ausgleich bewirken. Daß davon nichts zu bemerken ist belegt an sich schon hinreichend: Die beklagten Entgeltunterschiede gibt es in der von Špidla behaupteten Form garnicht.

Damit soll nicht gesagt werden, daß es in diesem Bereich keinerlei Handlungsbedarf gibt. Wenn beispielsweise viele Frauen familienbedingt nur teilzeitig arbeiten und dadurch nicht Aufgaben wahrnehmen können, für die sie ansich qualifiziert sind, dann kann hiergegen auch die Politik etwas tun - etwa indem sie die Wirtschaft dabei unterstützt, Familie und (vollzeitige) Berufstätigkeit von Frauen besser vereinbar zu machen. Doch selbst mit solchen Maßnahmen, die weit unterhalb dessen liegen, was die EU-Kommission offenbar im Sinne hat, wäre eine gewisse Zurückhaltung geboten. Zunächst müßte nämlich die Grundsatzfrage geklärt werden, ob wir die massenhafte Vollzeitbeschäftigung von Frauen überhaupt wollen, ja ob die Mehrheit der Frauen selbst diese will oder ob hier inzwischen ein gesellschaftlicher Druck zum Doppelverdienertum entstanden ist, der wenig mit echter Wahlfreiheit von Frauen und viel mit gesellschaftlichem Zwang zu tun hat.

Wer die Erklärungen und Aktivitäten der EU-Kommission auf diese Frage hin „abklopft“, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in Brüssel genau dieser gesellschaftliche Zwang nicht nur in Kauf genommen, sondern gewollt und angestrebt wird. Bei den unterschiedlichen familien- und gesellschaftspolitischen Konzepten, über die in Brüssel beraten wird, spielt nämlich das traditionelle Modell, bei dem Frauen zumindest zeitweise zugunsten der Erziehung ihrer Kinder auf Erwerbstätigkeit verzichten, so gut wie keine Rolle mehr - im Gegenteil: Die Minderwertigkeit dieser Situation wird regelmäßig einfach unterstellt und nur noch diskutiert, wie das angebliche „Problem“ zu lösen sei.

Diese Prämisse scheint denn auch der eigentliche Grund für Špidlas Klage über die angeblich um 23 Prozent niedrigeren Entgelte der Frauen zu sein. In den Brüsseler Schubläden liegen schon die Instrumente bereit: Dort schlummert ein Wust an ideologisch motivierten Antidiskriminierungsvorschriften, die tief in die Zuständigkeiten der EU-Mitgliedsstaaten eingreifen, Wirtschaft und Bürger gängeln, dafür aber die Klagemöglichkeiten angeblich benachteiligter Menschen (und ihrer organisierten Interessenvertretungen) ins schier Unermeßliche steigern würden. Mit den Rechten und Interessen der Frauen hat es wenig zu tun.

Anton Heinrich

Foto: Mit Kampagnen wie dem „Girlsday“ sollen junge Frauen für technische Berufe interessiert werden - meist gegen deren klare Neigung. Die so genannte „Antidiskriminierungspolitik“ der EU-Kommission zielt in genau dieselbe Richtung.


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