© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Russki-Deutsch (6):
Zar
von Wolf Oschlies

Natürlich kann ein Opern-Hit wie Lortzings „Zar und Zimmermann“ nur Russisches behandeln, genauer Peters des Großen „Große Gesandtschaft“ von 1697/98. Der 15 Jahre zuvor zum „Zaren“ gekrönte Herrscher nahm als einfacher Peter Michajlow daran teil, um zum Beispiel in Holland Schiffbau zu erlernen. Das von Meister Gerrit Claesz Pool signierte Gesellenzeugnis bescheinigt, daß „Pieter Miegaijlof unter meinen Augen in Schiffsarchitektur und Takelkunst völlig unterwiesen worden“. Ungewöhnlich für den „Zaren und Selbstherrscher von ganz Rußland“, wie der offizielle Herrschertitel seit dem frühen 15. Jahrhundert lautete. Aber ein russisches Eigengewächs ist der „Zar“ nicht.   

Sprachlich ist der russische „Zar“ (wie der deutsche „Kaiser“) ein Nachfahre des römischen Caesar. Lange vor den Russen haben andere Slawen den Titel geführt, etwa der Bulgare Simeon, der ihn 913 annahm, oder der Serbe Duschan, der sich am 16. April 1346 in Skopje zum „Zaren der Serben, Griechen, Bulgaren und Albaner“ krönen ließ. Doch erst die Russen prägten das Image des Zaren als eines allmächtigen Herrschers, der nur Gott verantwortlich ist. Etwas davon schwingt noch in unserem Sprachgebrauch mit, wenn wir von „Pressezaren“ oder ähnlichen Potentaten sprechen.

Zar Peter brachte eine Neuerung auf, als er sich ab 1722 „Imperator“ nannte, und die daraus entstehende Sprachverwirrung hat 1770 der deutsche Geograf Anton Friedrich Büsching vermerkt: „Das Wort Zar wird in der russischen Bibel von einem König gebraucht. Die Dolmetscher zu Moscau haben das Wort Zar allezeit durch Kaiser übersetzt. Peter I. nahm den kaiserlichen Titel an, welcher nun von ganz Europa anerkannt wird“.

In der Herrscherfamilie änderte sich nichts. Der Zar blieb der Zar, und eine Herrscherin wie (die geborene Deutsche) Katharina die Große war natürlich „Zariza“. Eine Zarentochter war eine „Zarewna“, ein Sohn der „Zarewitsch“, alle Angehörigen der Zarenfamilie die „Großfürsten“, denen andere nach Peters Adelstabelle folgten. Seit der Abdankung des Zaren Nikolaj II. 1917 gibt es den Titel nur noch in Tschaikowskis Festouvertüre „1812“, die mit der alten Zarenhymne ausklingt: Boshe Carja chrani – Gott schütze den Zaren. 


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