© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Das Reich der Mitte in der Krise
China ist von der Krise objektiv weniger betroffen als die USA, dennoch sind die Folgen dramatisch

Nur noch um wenige Prozent  dürfte die chinesische Wirtschaft in diesem Jahr wachsen. Was für den Rest der Welt immer noch ein Erfolg wäre, kann im bevölkerungsreichsten Land der Welt gravierende Erschütterungen auslösen. Die regierenden Kommunisten fürchten um die Legitimation ihrer Macht.

Nach einem 40prozentigen Exporteinbruch im Januar wurden nach dem chinesischen Neujahrsfest rund 20 Millionen Wanderarbeiter, das heißt 15 Prozent jener Riesenarmee von 130 Millionen, die heute die billigen Vorprodukte und Verbrauchsgüter der Weltwirtschaft herstellen, entlassen. Sie sitzen jetzt in ihren entlegenen Dörfern im Westen des Landes und leben wieder in Armut ohne sinnvolle Beschäftigung. In der Provinz Guangdong, in dessen Perlenflußdelta ein Drittel der chinesischen Exporte gefertigt werden, schlossen 2008 allein 62000 Betriebe und Zweigwerke, darunter die Hälfte der Schuhindustrie. Vor allem Kleinfirmen mit geringem Eigenkapital sind betroffen. Sie können im Verdrängungswettbewerb und Preiskampf um die rapide schrumpfenden Exportaufträge nicht mithalten. Falls die Exportkrise weiter anhält, dürften weitere fünf bis 25 Millionen Arbeitsplätze in diesem Jahr verschwinden. Trotz einiger örtlicher Krawalle haben die Betroffenen ihr Schicksal erstaunlich ruhig hingenommen. Die Ortsbehörden haben von der Partei strikte Anweisung erhalten, für die Auszahlung des letzten Monatsgehalts und des Entlassungsgeldes von einem weiteren Monatsgehalt zu sorgen. Meistens, wenn auch nicht immer, passiert das auch.

Die offizielle Arbeitslosenrate liegt in China noch bei 4,2 Prozent, dies entspricht neun Millionen Arbeitssuchenden. Es werden in jener Statistik jedoch nur die Städter gezählt, die keinerlei Einkommen haben. Die tatsächlichen Zahlen kennt niemand.

Die neuen großstädtischen Mittelschichten, 300 Millionen an der Zahl, die im vergangenen Jahrzehnt zu bescheidenem Wohlstand gekommen sind, fühlen sich von der Krise noch nicht betroffen. An den um 70 Prozent gefallenen Börsenkursen hat nur eine Minderheit verloren, und das Schicksal der in ihren Wohnheimen kasernierten Wanderarbeiter, deren Dialekte die meisten Großstädter nicht verstehen, betrifft sie nur am Rande. Die im Vorjahr noch bedrohliche Inflation ist dank der Krise auf ein Prozent gefallen. Die Öl- und Energiepreise sind gar rückläufig. Mit einer Sparquote von 25 Prozent haben die meisten genügend auf der hohen Kante, umgerechnet 2100 Milliarden Dollar sind es in Summe. Größere Konsumwünsche werden zunächst einmal nur aufgeschoben, doch auch das läßt nun die Nachfrage einbrechen. Noch wird die Krise von der Öffentlichkeit und den Staatsmedien nicht zu Unrecht den Amerikanern angelastet, deren schuldenfinanzierter öffentlicher und privater Konsumrausch die Chinesen, Japaner und Europäer vorfinanziert hatten.

Mit der ungeliebten KP und ihren arroganten Funktionären können die meisten Großstädter leben, vorgesetzt, sie läßt sie ihren Wohlstand mehren und ungestört Geld verdienen. Doch hält die Partei ihr Wohlstandsversprechen nicht mehr ein, das ihre diktatorische und selbstsüchtige Herrschaft legitimiert, dann könnten die ihrer Zukunftsaussichten beraubten frustrierten Massen der Millionenmetropolen, im Gegensatz zu den unorganisierten Wanderarbeitern der Provinzen  schnell unangenehm werden.

Das befürchtet zumindest die sichtlich nervös gewordene Partei. Sie operiert mit Zuckerbrot und Peitsche. Die Presse- und Internetzensur wurde deutlich verschärft. Die Armee, die als Parteiarmee hauptsächlich im Inneren eingesetzt wird, wurde zu bedingungslosem Gehorsam vergattert. Gleichzeitig hat die Regierung im November ein 450-Milliarden-Europrogramm aufgelegt, das dringende Infrastrukturprojekte, wie Eisenbahnlinien, Krankenhäuser, den sozialen Wohnungsbau und bessere Gesundheitsdienste finanzieren soll. Auf dem Land subventioniert die Regierung den Kauf billiger Elektrogeräte, die sonst auf Halde lägen. Das sollte das Wachstum retten, bis die Auslandskonjunktur, die mehr als die Hälfte des chinesischen Wachstums schafft, wieder anspringen würde. Doch die Auslandsnachfrage brach seither noch weiter ein.

War die chinesische Wirtschaft 2007 noch um 13 Prozent gewachsen, und 2008 noch um neun Prozent, so sieht die Weltbank im laufenden Jahr nur noch 7,5 Prozent voraus, viele andere Experten gar nur noch fünf bis sechs Prozent oder weniger. Obgleich es an den chinesischen Statistiken gewisse Zweifel gibt, wäre ein solches Ergebnis für alle anderen Volkswirtschaften der Welt immer noch sehr erfreulich. Für China hingegen wäre eine solche Abschwächung des Wachstums angesichts seiner Überkapazitäten, der maroden Industriekredite und seiner rapide wachsenden Arbeiterheere sowie von Millionen an Hochschulabsolventen, die keine Arbeit mehr finden, eine politische und soziale Katastrophe. Die KP braucht dringend ein Wachstum von mindestens acht Prozent. Statt wie in der Vergangenheit US-Schatzbriefe zu kaufen, wird deshalb in aller Eile ein neues, riesiges Konjunkturprogramm aufgelegt. Nebenbei kauft man sich noch billig in internationale Rohstoffkonzerne wie Rio Tinto ein und sichert sich durch Milliardenkredite sibirisches Öl und Gas von den ebenfalls krisengeplagten Russen. Albrecht Rothacher

Foto: Der einstige chinesische Wettbewerbsvorteil „viele billige Arbeitskräfte“, birgt in wirtschaftlich schweren Zeiten das Potential sozialer Unruhen: Viele der chinesischen Wanderarbeite ist zur Zeit ohne Job.


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