© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Durchs Schlüsselloch geschaut
Hamburger Kunsthalle zeigt Bronzeplastiken von Edgar Degas – Zu Lebzeiten Publikum geschockt

Zeitlebens schuf der französische Impressionist Edgar Degas (1834–1917) neben seinen bekannten Pastellen und Gemälden auch zahlreiche Plastiken, die er jedoch der breiten Öffentlichkeit vorenthielt. Nun sind sie in der Hamburger Kunsthalle erstmals in Deutschland zu sehen.

Erst kurz nach dem Tod des Künstlers konnten die Tänzerinnen, Badenden und Rennpferde, die er aus Wachs modelliert hatte, gesichert und 1919 in Bronze gegossen werden. Die Ausstellung „Intimität und Pose“ zeigt den kompletten Bestand der 73 Originalabgüsse, allesamt Leihgaben des Museu de Arte de São Paulo Assis Chateaubriand in Brasilien.

Faszinierend ist allein schon die Präsentation der Plastiken. Auf einem s-förmigen Podest, das an einen Laufsteg erinnert, sind

28 etwa 20 Zentimeter große Bronzen aufgebaut. Durch den erhöhten Blick vom Eingangsbereich gewinnt man einen unvergleichlichen ersten Eindruck: die Truppe der kleinen Tänzerinnen scheint nur noch auf Musik zu warten, um dann elfengleich zu entschweben. Sie scheinen jede Bodenhaftung verloren zu haben, während sie die schwierigsten Schritte trainieren. Ein größeres Exemplar schließlich wurde auf eine Drehscheibe gestellt und so beleuchtet, daß der Schatten an der weißen Wand kunstvolle Tänze vollführt. Eine Idee, auf die schon Degas kam und die in Hamburg dankenswerterweise aufgegriffen wurde.

In Vitrinen schließlich stehen die großen Plastiken, darunter auch die unterlebensgroße einer „Tänzerin von 14 Jahren“. Als einzige seiner Plastiken hatte Degas sie 1881 im sechsten Impressionisten-Salon in Paris ausgestellt. Das Publikum war empört. Zu realistisch war die Tänzerin dargestellt, zumal Degas das Wachsmodell mit einer Perücke aus Pferdehaar, in dem eine Schleife prangte, mit echtem Mieder, Tutu und Ballettschuhen ausstaffiert hatte. In Hamburg schmückt nur eine Andeutung von Tüllröck-chen die Bronze.

„Einfach schrecklich“, urteilte damals die Kritik, und sprach von der „Häßlichkeit“ der Kleinen. Sittenstrenge Kritiker wollten gar „frühreife Verderbnis“ erkannt haben und „die furchtbare Verheißung eines jeden Lasters“. Degas selbst hatte diese Urteile (ungewollt) provoziert, hatte er doch neben die Tänzerin von ihm gezeichnete „Verbrecher-Physiognomien“ mit fliehender niedriger Stirn gehängt. Gewiß, schön ist die kleine Tänzerin nicht, eher selbstbewußt und entschlossen, ganz in ihre Kunst vertieft. Heute sieht man den modernen Ausdruck der Plastik und meint in der Haltung der Tänzerin einen gewissen Trotz herauszuspüren, ein „Jetzt erst recht“. Edgar Degas aber hatte seitdem seine Wachsmodelle nicht mehr öffentlich ausgestellt.

Für seine Arbeit als Maler und Zeichner brauchte er jedoch die Modelle, zumal seine Sehkraft seit dem 30. Lebensjahr kontinuierlich abnahm. An den Wachsmodellen studierte er die Bewegungsabläufe, die er dann in seinen Gemälden oder Pastellen so meisterhaft festhielt. Und so sind selbst an den Bronzen Gebrauchsspuren zu sehen wie etwa Fingerabdrücke des Malers oder herausgebrochene Stücke. An der einen oder anderen Plastik kommt sogar das Drahtgestell wieder zutage, das dem Wachs den nötigen Halt gab.

Das alles aber lenkt nicht ab von Degas’ meisterhafter Kunst, den weiblichen Körper aus einer einzigartigen Perspektive darzustellen. So richtete er seinen Blick nicht auf die inszenierte Pose, sondern auf die Körperhaltungen und Bewegungen im unbeobachteten Moment. „Bislang ist der Akt immer in Posen dargestellt worden, die ein Publikum voraussetzen, aber diese Frauen sind ehrbare, einfache Menschen, die sich allein für ihren körperlichen Zustand interessieren. Es ist, als ob man durch ein Schlüsselloch schaut“, hat er einmal gesagt. Entstanden sind „intime Posen“: Tänzerinnen, die Ballettpositionen proben, ihre Schuhe schnüren oder ihre Füße betrachten, und Frauen beim Kämmen oder Waschen. Seine Darstellungen sind jedoch keineswegs entblößend oder voyeuristisch, sie wirken eher distanziert. Die für seine Zeit außergewöhnliche, zuweilen Betrachter und Kritiker schockierende Sicht auf den ungeschönten Körper wird auch in der reichen Auswahl an Zeichnungen, Pastellen und Gemälden behandelt, welche die Bronzeplastiken ergänzen.

Neben der Einmaligkeit, diese Bronzen nun in Hamburg sehen zu können, gilt es ebenfalls als eine kleine Sensation unter Kunstfreunden, daß an Alster und Elbe nun sogar die äußerst empfindlichen Pastelle ausgestellt werden. Selbst das Musée d’Orsay in Paris trennte sich vorübergehend von 31 Pastellen, die seit 1971 das Haus nicht mehr verlassen hatten.

Wie sehr Arbeiten von Edgar Degas geschätzt werden, zeigte nicht zuletzt eine Auktion bei Sotheby’s in London, auf der Anfang Februar für 14,7 Millionen Euro die Bronze einer Tänzerin versteigert wurde. Sie war ein Einzelstück aus einer Privatsammlung und ging an einen Sammler in Asien. Von den 22 Serien, die nach dem Tod Degas’ angefertigt wurden (übrigens gegen den Wunsch des Künstlers), sind nur noch vier vollständig erhalten. Eine befindet sich in Brasilien, die jetzt den Weg nach Europa fand.    

Silke Osman

Die Ausstellung „Edgar Degas. Intimität und Pose“ ist bis zum 3. Mai im Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr zu sehen, Katalog 35 Euro.

Foto: Edgar Degas: Kleine Tänzerin von 14 Jahren (Bronze, um 1878– 1881; im Besitz des Museu de Arte de Sao Paulo


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