© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Vom U-Boot zur Friedensdemo
Weit war der Weg Martin Niemöllers vom nationalgesinnten Marineoffizier zum vom Ostblock gefeierten Pazifisten

Selten trifft das Wort „Protestant“ im vollsten Sinne des Wortes auf einen Menschen so zu wie auf Martin Niemöller, der vor 25 Jahren am 6. März 1984 in Wiesbaden starb. Der als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Friedensaktivist bekannt gewordene evangelische Pfarrer begann seine berufliche Laufbahn als Offizier der kaiserlichen Marine. Ein Lebenslauf mit erstaunlichen Wendungen und Wandlungen.

1892 kommt Niemöller in Lippstadt/Westfalen im Hause eines evangelischen Pfarrers zur Welt. Nach dem Umzug der Familie nach Wuppertal-Elberfeld im Jahr 1900 und dem Abitur beginnt Niemöller jedoch zunächst kein Theologiestudium, sondern eine militärische Laufbahn in der kaiserlichen Marine. So erlebt und überlebt er den Ersten Weltkrieg größtenteils im Bauch von U-Booten, die feindliche Kriegs- oder Handelsschiffe bekämpfen. Im letzten Kriegsjahr 1918 wird Niemöller zum U-Boot-Kommandanten befördert. Kurz nach Kriegsende allerdings endet seine militärische Karriere abrupt. Er lehnt die neue demokratische Regierung ab und weigert sich, „sein“ U-Boot im Rahmen der Reparationsleistungen an die Briten abzuliefern. Ein erster vehementer Protest mit nachhaltigen Folgen.

So steht Niemöller vor einem totalen Neuanfang. Er beginnt eine landwirtschaftliche Lehre, heiratet seine Frau Else, mit der er sieben Kinder haben wird. Noch 1919 beginnt er ein Studium der evangelischen Theologie in Münster, da der Erwerb eines eigenen Hofes aussichtslos erscheint. 1920 wird der Theologiestudent als Freikorps-Kommandant noch einmal militärisch aktiv. Er bekämpft aufständische Arbeiter im Ruhrgebiet. Vier Jahre später wird Nie­möller zum protestantischen Geistlichen ordiniert. Einer orientierungslos wirkenden Gesellschaft will er durch die christliche Botschaft wieder Sinn und den kirchlichen Strukturen Ordnung vermitteln. Er arbeitet zunächst als Geschäftsführer der „Inneren Mission“ und so – wie die meiste Zeit seines Lebens – als kirchlicher Funktionär. Noch immer kritisch gegen die demokratische Ordnung eingestellt unterstützt er ab 1924 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und begrüßt 1933 die Einführung des „Führerstaates“.

Mit dem Jahr 1933 beginnt für Niemöller die erste Zeit eines grundlegenden Wandels, einer Konversion vom antidemokratischen ehemaligen Marineoffizier zum Widerstandskämpfer. Er kämpft nicht mehr mit militärischen Mitteln wie in den ersten drei Lebensjahrzehnten, sondern mit den gewaltlosen Mitteln der mutigen Rede, von Protesten, Resolutionen und Demonstrationen. 1933 gründet er zusammen mit 70 Pfarrern den „Pfarrernotbund“, eine wichtige Keimzelle der späteren Bekennenden Kirche, die sich gegen den totalitären Anspruch der nationalsozialistischen Diktatur stellt. Er übernimmt den Vorsitz dieser Organisation und setzt sich zunächst gegen den Ausschluß jüdischer Christen aus der Kirche und die Verfälschung biblischer Bücher ein.

1934 nimmt Niemöller noch an einem Treffen hoher Kirchenführer mit Adolf Hitler teil, bevor er im gleichen Jahr wegen seines Widerstandes gegen den sogenannten Arierparagraphen aller seiner kirchlichen Ämter enthoben wird. Er erhält Redeverbot, was ihn aber nicht daran hindert, weiter Predigten zu halten. Als 1935 die Bekennende Kirche in seiner Heimat, in Wuppertal-Barmen gegründet wird, gehört er zu ihren aktivsten Vertretern. Zusammen mit mehreren hundert Pfarrern wird er noch im selben Jahr als Reaktion auf kritische Stellungnahmen gegen die Schriften des NS-Hauptideologen Alfred Rosenberg für drei Tage inhaftiert. Zwei Jahre später kommt Niemöller als „persönlicher Gefangener Adolf Hitlers“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Seine eigentlich schon beschlossene Ermordung können Eingaben prominenter Politiker und Kirchenleute aus dem In- und Ausland verhindern. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Einsatz des heute weitgehend vergessenen britischen Bischofs George Bell, der wenige Jahre später zu den engagiertesten Gegnern der Vertreibung der Ost- und Sudetendeutschen außerhalb Deutschlands gehören sollte. Bell und die anderen Helfer Niemöllers sehen in diesem zusammen mit Dietrich Bonhoeffer einen der wenigen evangelischen Christen in Deutschland, die sich glaubwürdig der Diktatur entgegenstellen.

Von 1941 bis 1945 wird Niemöller in das Konzentrationslager Dachau überstellt, wo rund 2500 Geistliche (davon rund 80 Prozent katholisch) inhaftiert sind. Amerikanische Truppen befreien ihn schließlich, kurz bevor seine schon befohlene Ermordung ausgeführt wird. Schnell steigt Nie­möller nach dem Krieg in führende Positionen in der sich neu formierenden Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf. Er wird Mitglied im Rat der EKD und Leiter des kirchlichen Außenamtes, arbeitet an der „Stuttgarter Schulderklärung“ (1947) mit, die eine Mitschuld der evangelischen Kirche an den Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit eingesteht. Reisen in Länder Skandinaviens und in den Ostblock stehen in der Zeit ab 1950 auf seinem Programm. Versöhnung zu predigen und zu vermitteln ist das Hauptmotiv seines Wirkens in der Zeit des beginnenden „Kalten Krieges“.

Damit beginnt eine dritte Lebensphase, eine weitere Wandlung Niemöllers vom Kirchenmann zum linken Friedenskämpfer. Er ist gegen die Gründung der Bundesrepublik: „In Rom gezeugt und in Washington geboren.“ Anfang der 50er Jahre stellt er sich gegen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dessen Pläne zur Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr. In der Kirche protestiert er gegen die Restaurierung der Volkskirche und will eine urdemokratische Verfassung mit „Bruderräten“ einführen. Mit diesen Protesten kann sich Niemöller jedoch nicht durchsetzen, weswegen es um ihn immer einsamer wird. 1955 gibt er seinen EKD-Ratssitz ab und 1964 seine Funktion als Kirchenpräsident in Hessen-Nassau. Sein Herz ist jedoch schon in diesen Jahren bei der Friedensbewegung. 1958 nimmt er am ersten Ostermarsch der Friedensbewegung gegen das Kernforschungszentrum im englischen Alsterhom teil. Mit der 1959 geäußerten Aussage „Und darum ist heute die Ausbildung zum Soldaten die hohe Schule der Berufsverbrecher“, handelt sich Niemöller eine Anzeige des damaligen Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß ein.

Dieser Linie bleibt Niemöller bis zu seinem Tod Mitte der 80er Jahre treu. Proteste gegen den vermeintlichen Militarismus des Westens, gegen die sogenannte „Nachrüstung“ der 80er Jahre bilden die Hauptinhalte seiner Reden. Gleichzeitig scheint er weitgehend blind für die Aufrüstung und Bedrohung durch den Warschauer Pakt. Der erstaunliche Wandel des einstigen kaiserlichen Marineoffiziers zum Kirchenmann und schließlich zum pazifistischen Kämpfer und protestierenden Protestanten wirkt wie eine doppelte Konversion. Durch die sozialistische 68er-Protest-Bewegung findet der knorrige alte Mann schließlich ein breites Betätigungsfeld und eine neue Heimat. In den 70er Jahren wird er zum Ehrenpräsidenten des vom Ostblock dominierten „Weltfriedensrates“ ernannt und erhält unter anderem den Lenin-Friedenspreis der UdSSR und die DDR-Friedensmedaille in Gold. 1980 überläßt er dem Anführer der Studentenrevolte Rudi Dutschke seine eigene Grabstelle auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem.

Hiermit vollzieht Niemöller eine symbolische Sympathiebekundung für die sozialistische 68er-Bewegung. Berühmt und immer wieder sinngemäß zitiert wird sein Aufruf zum Protest: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja kein Kommunist. Als die Nazis Gewerkschafter/So­zia­listen/Ju­den/Katholiken holten, habe ich geschwiegen … Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Wer Niemöllers doppelte Konversion vom Marineoffizier zum Kirchenmann und schließlich zum Friedensaktivisten verstehen will, erhält aus seiner Sozialethik Antworten. Vom Elternhaus lutherisch geprägt, mit einer klaren Trennung zwischen Kirche und Politik im Sinne von Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre, geht er unter dem Einfluß des reformierten Theologen Karl Barth neue Wege. So werden politische Entscheidungen immer mehr zu Glaubensentscheidungen. Die Frage „Was würde Jesus dazu sagen?“ wird zu einem Markenzeichen von Niemöllers politischem Denken, das andererseits viele andere Christen, die andere Meinungen vertreten, ausgrenzt. So sehr Niemöller dadurch die Anerkennung der linken Protestkultur, von Friedensbewegungen und staatssozialistischen Diktaturen des Ostens findet, so sehr löst er damit Widerspruch bei Andersdenken oder Andersglaubenden aus.

Hinrich E. Bues

Foto: Pfarrer Martin Niemöller: Auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main 1956


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