© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Vater des Rübenzuckers
Marggrafs Entdeckung stieß auf Vorbehalte

Als der Chemiker Andreas Sigismund Marggraf im Jahre 1747 seine Beobachtungen über den Zuckergehalt in der Runkelrübe in Berlin vortrug, konnte er noch nicht wissen, wie segensreich seine Entdeckung einmal werden würde. Segensreich deswegen, weil seine Entdeckung die Länder, die Runkelrüben anbauten, von der Einfuhr des Zuckerrohrs aus Übersee unabhängig machte. Diese Unabhängigkeit bewährte sich bereits 1806, als Napoleon die sogenannte Kontinentalsperre als Wirtschaftsblockade gegen England errichtete, aber dadurch auch auswärtige Waren vom europäischen Festland fernhielt.

Marggraf wurde am 3. März 1709 in Berlin geboren. Sein Vater, der Hofapotheker Henning Christian gab ihm schon früh Unterricht in der Pharmazie und weckte sein naturwissenschaftliches Interesse. Marggraf studierte dann zunächst für kurze Zeit am „Collegium medico-chirurgicum“ in Berlin, und dann Chemie in Straßburg und Halle. In der von Friedrich dem Großen neu belebten Akademie der Wissenschaften wurde er nach seiner Rückkehr nach Berlin Mitglied  und erhielt neben seinem (dürftigen) Gehalt immerhin ein eigenes Laboratorium, in dem er eine mietfreie Wohnung beziehen konnte.

Den Zuckergehalt der Runkelrübe entdeckte Marggraf, indem er Pflanzen untersuchte, die auf mittelmäßigem Boden, wie er ja in der Mark Brandenburg reichlich vorhanden war, noch unproblematisch aufwuchsen. Dabei richtete er seine Aufmerksamkeit auf den weißen und roten Mangold, in dessen Wurzeln er „… wirklichen Zucker, der dem bekannten aus Zuckerrohr gewonnenen genau gleicht“ feststellte. Seine Schlußfolgerung, „… daß dieses süße Salz in unserer Heimat gerade so bereitet werden kann, wie in Gegenden, wo das Zuckerrohr wächst“, wurde dann von seinem Schüler, Francois Charles Achard, bis zur Errichtung der ersten Rübenzuckerfabrik im Jahre 1802 in Cunern an der Oder weitergeführt.

Marggraf verkündete seine Entdeckung im Jahre 1747 in einer Sitzung der Akademie und legte damit die Grundlage für die Runkelrüben-Zuckerindustrie. Allerdings ging es ihm wie vielen Genies: Seine Entdeckung stieß jahrzehntelang auf Mißtrauen und Vorbehalte. So heißt es noch im Jahre 1858 in dem seinerzeit maßgeblichen Lexikon, der „Oekonomischen Encyclopädie“ des Johann Georg Krünitz: „Über die Vorteile des Anbaus der Runkelrübe für den Landwirt im allgemeinen kann man noch kein ganz entschiedenes Urteil fällen.“

Marggraf dürfte der erste deutsche Forscher gewesen sein, der das Mikroskop, das Anfang des 17. Jahrhunderts in Holland erfunden worden war, konsequent genutzt hat. Im Laufe seines Forscherlebens erfand er vor der Entdeckung des Zuckers in der Runkelrübe eine verbesserte Methode zur Phosphorgewinnung (1743), ein Verfahren zur Herstellung von Zyankali (1745) und ein Verfahren zur Zinkproduktion (1746). Nach der Beschäftigung mit der Zuckerrübe untersuchte Marggraf das Platin (1752), wies die Salpetersäure im Regenwasser nach (1764) und beschäftigte sich eingehend mit den Eigenschaften von Phosphor. Außerdem ermittelte er den Unterschied zwischen Ameisensäure und Essigsäure.

Marggraf starb am 7. August 1782. Heute gehört Deutschland mit etwa 500000 Hektar Anbaufläche neben Frankreich und Polen zu den Hauptproduzenten von Zucker in Europa.  Jürgen Ziechmann


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