© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Des »Käfers« großer Bruder
Vor 75 Jahren wurde der Tatra 77 der Öffentlichkeit präsentiert

Der legendäre „Käfer“ hatte einen tschechischen Bruder, den V 570. Wie der „Käfer“ hatte auch dieses Auto einen luftgekühlten Boxermotor im Heck, der die Hinterräder antrieb, sowie eine aerodynamische Karosserie mit stromlinienförmig abfallender Front- und Heckpartie. Beim V 570 handelte es sich allerdings nicht um einen Volkswagen, sondern um einen Tatra; Tatra war 1923 aus der Fusion der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft mit der Ringhoffer AG in Prag-Smíchov hervorgegangen. Während der „Käfer“ von Ferdinand Porsche entwickelt wurde, war der V 570 von Hans Ledwinka konstruiert. Und hierin liegt auch die Erklärung für die Ähnlichkeit der beiden Produkte, denn die beiden Herren mit österreichischen Wurzeln waren miteinander befreundet und tauschten rege Ideen aus. Da der V 570 bereits 1933 entstand, wird er sogar als ideeller Vorgänger des „Käfers“ bezeichnet.

Neben der Tatsache, daß der Tatra im Gegensatz zum Volkswagen statt eines Vier- einen Zweizylindermotor hatte, besteht der viel wesentlichere Unterschied darin, daß der V 570 im Gegensatz zum millionenfach verkauften „Käfer“ nie über das Stadium des Prototypen hinauskam. Er diente jedoch einem anderen Tatra als Vorbild, dem Typ 77.

Vor 75 Jahren, am 4. März 1934 wurde dieses Fahrzeug auf dem Prager Automobilsalon zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Noch im selben Monat lief die Serienproduktion an – die weltweit erste eines Automobils mit aerodynamischer Karosserie.

Im Gegensatz zum V 570 und zum „Käfer“ war der Tatra 77 allerdings ein Fahrzeug der Oberklasse. So hatte der luftgekühlte V-Motor acht Zylinder. Aus den drei Litern Hubraum holte er 60 PS Leistung, die das 1,7 Tonnen schwere Fahrzeug 145 Stundenkilometer schnell machten.

Bereits im ersten Jahre nach der Markteinführung wurde das Auto modifiziert und dabei vergrößert. Karosserie und Radstand wurden länger, der Motor erhielt 0,4 Liter mehr Volumen, und das Gewicht stieg um 100 Kilogramm. 70 PS ermöglichten nun eine Höchstgeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern.

Nach insgesamt 101 Tatra 77 und 154 Tatra 77 A war 1938 Schluß mit der Produktion. Der Nachfolger, der ebenfalls mit der prägnanten Heckflosse ausgestattete Typ 87, war bereits ab 1936 im Programm. Doch das Grundkonzept, aerodynamische Karosserie mit luftgekühltem Heckmotor sowie angetriebener Pendelachse hinten, prägte noch für Jahrzehnte die Personenkraftwagen von Tatra. Erst 1999 stellte der tschechische Automobilbetrieb die Pkw-Produktion ein und konzentriert sich seitdem auf die Herstellung von Lastkraftwagen.  Manuel Ruoff


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