© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Schatzsuche in der Heimat
Auch nach 65 Jahren wird noch vergrabener Familienbesitz geborgen – Eigentumsrecht völkerrechtlich klar

Sind die Vertriebenen noch Eigentümer ihrer Hinterlassenschaften in ihrer Heimat? Die Bundesregierung drückt sich um ein „Ja“ oder „Nein“ in dieser grundlegenden Frage herum. Daß diese auch heute noch aktuell ist, belegen die Fälle, in denen Betroffene alte Familienschätze bergen, was nach deutschen Recht und nach Völkerrecht gewiß kein Diebstahl ist. Nach polnischen und wohl auch russischem Recht sieht es anders aus. Wir dokumentieren einen aktuellen Fall aus dem „Ebenroder Heimatbrief“ (gekürzt und etwas bearbeitet).

Am 14. Juli 2008 fuhr unsere Gruppenach nach Tutschen und Kattenau, Kreis Ebenrode, um nach den Kostbarkeiten zu suchen, die unsere Familie bei der Flucht 1944 hatte zurücklassen müssen. Die erste Nacht in Trakehnen war vorbei. Wir hatten in unseren Privatquartieren gut geschlafen. Zu unserem großen Bedauern regnete es leicht und wir hatten uns für den Tag doch so viel vorgenommen. Wir suchten unsere „sieben Sachen“ zusammen, Otto kaufte in letzter Minute noch mit Hilfe von Gerhard Scheer einen Spaten, und dann fuhren wir schwer bepackt in einem großen Auto Richtung Tutschen, zu unserem ersten Ziel. Unterwegs machten wir einen kurzen Stopp am Trakehner Bahnhof.

Die Spannung stieg, als wir uns Kattenau näherten. Für Nicole, Annemarie und Adi war es der erste Urlaub in Ostpreußen, wir „Alten Hasen“ kannten mittlerweile die Strecke und wunderten uns nicht mehr so sehr über die holprigen Straßen. In Kattenau bogen wir am ehemaligen Gutshaus „von Lenski“ nach links ab in Richtung Tutschen. Ob der Ort noch existiert wußten wir nicht. Ich wußte nur aus den Aufzeichnungen meiner Eltern, daß Tutschen vier Kilometer von Kattenau entfernt lag.

Als wir die Kattenauer Höhen erreicht hatten, sahen wir bereits vor uns erste Häuser, also gab es doch noch den Ort Tutschen. Nicole konnte es gar nicht glauben – ihre Freude war ansteckend. Wir ließen uns langsam durch den Ort bis zum Ende fahren und stiegen aus. „Spürnase“ Otto fand auf Anhieb den alten Friedhof, der auf der rechten Seite am Ortsende liegt. Auf dem Friedhof sah es wie auf dem Kattenauer Friedhof aus. Es gab keine Grabsteine mehr. Wir fanden allerdings die gemauerten Eingangspfosten des Friedhofes. Wir fanden sogar noch blühende Bartnelken – vielleicht stammen sie noch aus der guten alten Zeit!?

Unser nächstes Ziel war der  Friedhof, der am Ortsausgang auf der rechten Seite friedlich, aber trostlos und vergessen liegt. Wir gedachten der dort ruhenden Rutkowskis und legten ihnen zu Ehren den mitgebrachten Kranz nieder. In der Ferne sahen wir bereits die Anhöhe und die Gebüschgruppe, wo bis zum 17. Oktober 1945 die Familie Rutkowski wohnte.

Nach dem letzten Haus verließen wir die Straße  und folgten einem Feldweg. Direkt hinter dem großen Kolchosestall hat sich ein riesiger See gebildet. Das Laufen bereitete uns erhebliche Mühe, denn der Boden war vom Regen sehr rutschig geworden. „Aussteuer wir kommen!“ Ich hätte es Otto nicht verübelt, wenn er sich mehr Zeit gelassen hätte, aber er rannte mit seinem Metallsucher, als ob jemand hinter ihm her ist. Wir fünf ließen es langsamer angehen, freuten uns, daß wir angekommen waren, schauten uns um und fanden wieder die Pflaumen-, Äpfel- und Sauerkirschenbäume. Wir ließen uns die Pfälzer Worscht mit Mostrich schmecken, kämpften mit Stechmücken und Wespen und sahen Otto zu, wie er mit seinem Suchgerät immer auf und ab ging. Plötzlich nahm er einen Spaten und fing zu graben an. Bis wir ihn erreichten, hatte er bereits das erste Stück gefunden und hielt es triumphierend hoch: Ein Töpfchen (Menagerie) für Salz, Pfeffer und Mostrich – später tauchte noch der passende Porzellanlöffel auf.

Dann ging es relativ schnell – der braune Sauerkrauttopf lag in der Erde und mußte zerbrochen werden, damit wir an den Inhalt kamen. Danach mußte die daneben liegende Milchkanne freigelegt werden. Otto konnte sie nach 64 Jahren befreien. Sie war sehr verrostet, es hatten sich schon Löcher gebildet, und der Deckel ließ sich nur mit roher Gewalt öffnen – heraus kamen viele Gläser. An dieser Stelle muß ich unserem Otto ein dickes Lob aussprechen, denn er hat die meiste Arbeit gehabt. Er hat sich mit Hilfe der von seinem Opa Wilhelm hinterlassenen „Schatzkarte“ sehr gut vorbereitet und ist mit großem Eifer an die Arbeit gegangen. Wie Schliemann einst Troja ausgrub, so arbeitete Otto fachmännisch und vorsichtig mit der russischen Schippe – ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit benutzte er seine bloßen Hände, bis der Erfolg sichtbar wurde.

Wir waren bereits im Aufbruch, da piepste es bei Otto wieder, nicht so stark, aber einen Versuch war es wert. In zirka 60 Zentimeter Tiefe erschienen Teile von einem Holzdeckel, der bereits vermodert war. Nach kurzer Zeit tauchte der Boden einer Kaffeekanne auf, Otto legte sich auf den Boden und grub mit den Händen weiter, bis die Kaffeekanne freigelegt war. Als nächstes war ein Stapel Dessertteller mit Goldrand zu sehen.

Nun stellte sich die Frage: Wie bekommen wir die vielen Porzellan- und Glassachen weg. Nicole hatte die rettende Idee: Wir konnten große Blätter der hier sehr verbreiteten Kletten als Verpackungsmaterial verwenden. Wir mußten allerdings viele Blätter einsammeln, um unsere „Schätze“ verpacken zu können. Glück hatten wir auch, daß Nicole, Annemarie und Adi mit uns nach Kattenau gekommen waren. Sie unterstützten uns sehr, teilten unsere Freude über den sensationellen Fund und halfen uns auch beim Abtransport.

Erna Conradi

Foto: „Aussteuer, wir kommen!“: Schatzsucher wie einst Schliemann in Troja.


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