© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

es gibt Momente, da steht man betroffen da, obgleich die Angelegenheit nicht so gravierend erscheint, jedenfalls auf den ersten Blick. In diesem Fall handelte es sich um einen Brief, der zurück­gekommen war, wahrscheinlich falsch adressiert oder aus anderen Gründen nicht zustellbar. Und das ergab dann auch der postalische Vermerk. Eigentlich war es nur ein Kreuz, das an einem Vordruck, der die möglichen Gründe der Rücksendung auflistete, in dem Kästchen eingesetzt war, in dem als Begründung „Empfänger soll verstorben sein“ vermerkt war. Den Brief hatte ich an eine Leserin geschrieben, die mir ihre Lebens- und Leidensgeschichte geschildert hatte, in der es auch einige Suchfragen gab. Allerdings waren diese so gestellt, daß ich sie nicht entschlüsseln konnte, es fehlten Daten, Namen und andere Angaben, die zu einer gezielten Suche in unserer Kolumne notwendig sind. Da die Bearbeitung dieses Briefes viel Zeit in Anspruch nahm, verzögerte sich die Beantwortung. Und nun die Rücksendung mit dem schockierenden Vermerk. Natürlich macht man sich da den Vorwurf: Hättest du nicht schneller reagieren müssen? Aber wie sollte ich wissen, daß das Lebenslicht der Schreiberin schon am Verlöschen war? Ich habe ihren Brief noch einmal in Ruhe gelesen, er ist eine einzige Anklage an das Schick­sal, das von Flucht, Verschleppung, Gefangenschaft und der bitteren Enttäuschung über Menschen, denen sie vertraut hatte, bestimmt wurde. Vielleicht tat es schon gut, daß sie darüber einmal schreiben konnte, Ballast, der von der Seele fiel, wenn auch die Druckstellen blieben. Es ist mir ein Bedürfnis, über diesen Brief zu sprechen, dessen Antwort die Schreiberin nicht mehr erreichte. Ich habe das Gedicht „Gebet“ von Frida Jung hervorgeholt, das mit der Bitte beginnt: „Herr, gib mir helle Augen …“ und endet: „… und eine stille Seele, die deinen Frieden hat!“ Das ist eine bessere Antwort als die von mir geschriebene, die sie nicht mehr erreichte.

Fast jeder Suchbrief, der an unsere Ostpreußische Familie gerichtet ist, enthüllt ein Vertriebenenschicksal, das Seiten füllen könnte. Wie das unseres neuen Lesers Alexander Littner aus Garz, dessen Familie im Laufe des Zweiten Weltkrieges aus seinem damals noch so jungen Leben verschwand, so daß nicht einmal sein richtiger Name blieb. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Ahnenforschung und hat auch schon viel erreicht, aber es bleiben noch Fragen offen. Nun hofft er, daß unsere Ostpreußische Familie ihm helfen kann. Alexander Littner wurde als Alexius Freundt am 6. Juli 1941 in Wartenburg geboren. Sein Vater Eugen Freundt, * 1913 als Sohn des Viktor Rochus Freundt und seiner Ehefrau Agathe geborene Kullik in Allenstein, fiel im Krieg. Er erlag seinen bei Graigero erlittenen Verletzungen am 3. April 1944 im Luftwaffen-Lazarett in Bukarest und wurde auf dem Soldatenfriedhof „Pro Patria“ beerdigt. Mutter Agathe Freundt ging mit ihrer Schwester Maria und dem dreijährigen Alexius von ihrer Wohnung Bahnhofstraße 15/16 in Wartenburg auf die Flucht, auf der die Frauen verstarben. Die Mutter soll, wie sich Herr Littner erinnern will, kurz vor Stettin sitzend in einem Viehwagen verstorben sein. Die Tote wurde ausgeladen, am Bahndamm abgelegt und mit einem weinroten Mantel zugedeckt. Zwei junge Mädchen sollen sich zuerst des verwaisten Kindes angenommen haben, aber dann soll es in Stettin allein weinend auf dem Bahnhof gestanden haben, mutterseelenallein, bis es von irgendwelchen Hilfskräften in das Durchgangslager Bansin auf der Insel Usedom gebracht wurde. Von dort holte das dort lebende Ehepaar Gerda und Arthur Littner den Jungen zu sich nach Garz. Nach der Adoption 1949 erhielt Alexius den Namen Alexander Littner. Seine Großmutter Johanna Freundt hat versucht, noch vor der Adoption den Enkel zu sich nach Wedel zu holen, und schrieb deshalb im August 1948 an das Ehepaar Littner. Diesen Brief hat die Großmutter immer verwahrt, der Enkel fand ihn auf der Suche nach seiner Familie bei Verwandten in Hamburg, auch die Ablehnung der Behörden mit der Begründung, die Großmutter sei „zu alt“ für die Betreuung des Enkels. Die Verbindung erlosch nicht zuletzt durch den Eisernen Vorhang. Umso erfreulicher, daß Herr Littner jetzt so weit in seiner Familiengeschichte gekommen ist, aber eine Frage beschäftigt ihn noch immer sehr: Wo wurde seine leibliche Mutter Agathe Freundt begraben? Er schreibt dazu:

„In einem Brief schreibt eine Frau Kostrzewa 1948 aus Rosenweide an meine Oma Freundt, daß ihre Cousine Agathe auf dem Transport ins Reich kurz vor Stettin in Scheune verstorben sei. Ein Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Neumark (heute polnisch Stare Czanowa) ergab, daß dort Gebeine von Flüchtlingen, die in Scheune ums Leben kamen, beigesetzt wurden Herr Vandree aus Wilhelmshafen hat 1945 unter polnischer Aufsicht in Scheune verstorbene Flüchtlinge und Soldaten aus dem Zug holen müssen. Über diese Toten sollen Listen angefertigt worden sein. Leider sind diese nicht mehr auffindbar.“

Nun ist die Frage, ob Agathe Freundt auch in Neumark beerdigt wurde? Gibt es noch Zeitzeugen, die damals auch in dem Flüchtlingszug aus dem südlichen Ostpreußen waren oder die über die erwähnten Listen Auskunft geben können. „Vielleicht lerne ich über diesen Weg (die Ostpreußische Familie) Menschen kennen, die mir Auskunft geben können“, hofft der gebürtige Wartenburger. (Alexander Littner, Karl-Marx-Straße 11 b in 17419 Garz, Telefon 038376/20269.)

Um einen Adoptionsfall geht es auch bei der nächsten Frage. Aber während Alexander Littner seine Vorfahren auflisten kann – wenn auch spät –, sieht es bei Frau Maria Blümke anders aus. Sie erfuhr erst bei ihrer Hochzeit den Namen ihrer leiblichen Mutter Hedwig Rafael. Als das Ehepaar Johann und Maria Pawlowski aus Goldap das Kind aus einem Königsberger Heim holte, war es erst sechs Wochen alt. Die Pflegeeltern schwiegen beharrlich über die Herkunft des Mädchens, die Pflegemutter blockte jede Frage ab, bis sie notgedrungen beim Aufgebot den Namen der leiblichen Mutter preisgeben mußte, da keine Geburtsurkunde vorhanden war. Frau Blümke weiß nicht einmal, wie der Name geschrieben wird: Rafael – Raphael – Raffael? Geburtsdatum und -ort stehen fest: Maria Marlene wurde am 22. Juni 1942 in Königsberg geboren, wahrscheinlich in einer Klinik oder einem Entbindungsheim. Die Mutter Hedwig Anna Rafael muß zu der Zeit in Königsberg gewohnt haben, wahrscheinlich stammte sie aus Goldap, denn auch dort hat sie gelebt. Ob und in welchem Verhältnis sie zu den Goldaper Pflegeeltern stand, ist unbekannt. Ebenso fehlen alle Angaben zur Person der Mutter wie Geburtsort und -datum. Angeblich soll sie vor der Tochter schon mehrere Geburten gehabt haben, so daß Maria Blümke geborene Rafael Geschwister haben könnte. Sie hat erst spät Anstrengungen unternommen, etwas über ihre Herkunft zu erfahren, in der DDR war es ja auch kaum möglich, aber nun „komme ich immer weniger zur Ruhe“, wie sie sagt. Da der Suchweg über unsere Ostpreußische Familie ihr anscheinend nicht bekannt war, hat sich dankenswerterweise unsere Leserin – und Goldaperin – Anita Eßer geborene Kutz der Sache angenommen und sich an mich gewandt. Deshalb sind auch alle Zuschriften an ihre Anschrift zu richten. (Anita Eßer, Fichtenweg 10 in 41372 Niederkrüchten, Telefon 02163/81952, E-Mail: ruaessen@t-online.de)

So, nun wollen wir es aber etwas leichter angehen lassen, denn da hat sich so allerhand angesammelt. Einiges bei unserem – begeisterten – Leser Werner Schlenter aus Essen, der in seinem Schreiben ausführlich auf das Thema Heimatstuben eingeht. Er hat in den letzten Jahren mehrere Haushalte mit auflösen müssen, und dabei kamen mitunter kleine Dinge zum Vorschein, die achtlos auf dem Sperrmüll gelandet wären, wenn er sie nicht für eine unserer Heimatstuben gerettet hätte. Seine Vorfahren kommen aus Ost- oder Westpreußen, er ist oft dort gewesen, und hat deshalb einen Blick für die echten Relikte aus unserer Heimat. So entdeckte er ein Schnaps­pinchen aus Pr. Eylau, einen metallenen Schuhanzieher mit der Aufschrift „Oskar Droska, der Schuhfachmann, Neidenburg, Mercedes Alleinverkauf“ – mit eingravierten Äffchen – und zuletzt ein altes Ölbild im Goldrahmen, 60 mal 50 Zentimeter, das mit großer Wahrscheinlichkeit ein masurisches Motiv zeigt: ein strohgedecktes Bauernhaus mit Ziehbrunnen, an dem ein alter Mann hantiert. Das Bild ist mit Frd. Glas signiert. Wer kennt diesen Namen und weiß, wo der Maler gelebt hat? Leider ist das beigelegte Foto von dem Bild mit Rahmen nicht für einen Abdruck geeignet, aber es ist ein sehr anheimelndes, die Ruhe der einsamen Landschaft ausstrahlendes Bild – das fortgeworfen werden sollte! Nun wird es eine Heimatstube bereichern, und es wäre schön, wenn man mehr über den Maler wüßte, dann könnte man es vielleicht auch örtlich bestimmen. Herr Schlenter nimmt seine Funde zum Anlaß, an unsere ältere Leserschaft zu appellieren, die Gegenstände, die mit der Heimat in Verbindung zu bringen sind, sehr zeitig zu spenden. Es sind nur winzige Spuren mitunter, die aber in Heimatstuben sichtbar zur Geltung kommen, meint Herr Schlenter und schlägt vor, die Anschriften der ost- und westpreußischen Heimatstuben aufzulisten. Wir werden diesen Vorschlag weiter verfolgen. (Werner Schlenter, Koopmanns Hude 13 in 45326 Essen.)

Eure Ruth Geede

Foto: Familie Freundt (von links nach rechts): Agathe (* 5. Februar 1914 in Wartenburg, † 6. Oktober 1945), Alexius (* 6. Juli 1941) und Eugen (* 30. September 1913 in Allenstein, † 3. April 1944 in Bukarest)


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