© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Von hohem Niveau
Ein Buch erinnert an die Fotografin Ruth Jacobi aus Posen

Ihre Bilder sind heute in vielen Museen der Welt und in bedeutenden Sammlungen zu finden“, las man vor fünf Jahren in der Preußischen Allgemeinen Zeitung über die Fotografin Lotte Jacobi (1896–1990) und ihr Werk. Albert Einstein, Lil Dagover und Heinrich George hatten sich von ihr ablichten lassen. „Manche (Fotografien) haben sich so sehr eingeprägt und die Zeit überdauert, daß sie das allgemeine Bild des Porträtierten geformt haben.“ Auch die jüngere Schwester Ruth (1899–1995) war eine begabte Fotografin, ihre Bilder jedoch sind erst vor kurzem in den Blick-punkt gerückt. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin präsentierte eine repräsentative Auswahl aus dem Nachlaß. Auch erinnert ein Begleitbuch weit über die Ausstellung hinaus an das Leben dieser außergewöhnlichen Frau.

Hineingeboren in eine Fotografenfamilie, die zunächst in Thorn, dann in Posen wirkte und sich in der vierten Generation diesem Metier widmete, stand Ruth immer im Schatten ihrer energischen und tonanagebenden Schwester Lotte. Von Ruth stammen wie von Lotte eindrucksvolle Porträtfotos, aber auch Pflanzen- und Landschaftsaufnahmen sowie einige Stilleben. „Hingucker“ ohne Zweifel sind Fotografien von dem Maler Max Pechstein mit seiner Familie (1927) oder dem Schriftsteller Leonhard Frank mit seinem Sohn (1931). Wenn Ruth Jacobi auch keine exponierte Vertreterin der Moderne war, so lassen ihre Fotografien dennoch aufmerken. Ihre Art, Gesichter im engen Bildausschnitt zu präsentieren, die bestechende Klarheit ihrer Pflanzenaufnahmen, die Stilleben, aber auch Reportagefotos wie Aufnahmen aus dem New York Ende der 1920er Jahre zeigen den hohen künstlerischen Anspruch der Posenerin. Immer hatte sie auch einen Blick für Begebenheiten am  Rande. „Was ihre Fotografie anging, legte sie jedenfalls nie eine vergleichbare Unverforenheit an den Tag wie jene, mit der ihre Schwester Unbekannte oder Prominente überredete, sich von ihr porträtieren zu lassen“, erinnert sich ihre Nichte Beatrice Trum Hunter. „Zweifellos führte ihr Mangel an Selbstvertrauen, der als Menschenscheu mißverstanden werden konnte, dazu, daß sie Gelegenheiten für gute Bilder verpaßte. Dennoch gelangen ihr kreative Fotografien von hohem Niveau. Ihr Stil unterschied sich deutlich von dem ihrer Schwester. Wo Ruth den Weichzeichner bevorzugte, arbeitete Lotte jede Warze, Falte und Pustel heraus.“

Neben vielen Fotografien und den Erinnerungen der Nichte finden sich auch Aufzeichnungen von Ruth Jacobi zur Familiengeschichte in dem Buch, das so einen historischen Rückblick auf die deutsch-jüdische Vergangenheit gestattet.             os

Aubrey Pomerance (Hrsg.): „Ruth Jacobi. Fotografien”, Nicolai Verlag, Berlin, 132 Seiten, 90 Abbildungen im Duotone, gebunden mit Schutzumschlag, 24,90 Euro


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren