© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Sensationen aus der Kaiserzeit
Reporter Hugo Friedländer berichtete aus dem Gerichtssaal

Von 1908 bis 1920 veröffentlichte der langjährige Gerichtsreporter Hugo Friedlaender unter dem Titel „Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung“ eine zwölfbändige Buchreihe mit Gerichtsreportagen auf mehr als 3000 Druckseiten. Einige der dargestellten Fälle, die zwischen 1872 und 1906 verhandelt worden waren und seinerzeit erhebliches Aufsehen erregt hatten, gingen in den Bestand der deutschen Gedächtniskultur ein, etwa „Der Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner vor dem Leipziger Bezirksschwurgericht (1872)“. Auch dem aufsehenerregenden Prozeß gegen den „falschen Hauptmann von Köpenick, Wilhelm Voigt (1906)“ hatte der Publizist der Prozeßliteratur selbst beigewohnt. Seit kurzem liegen sämtliche Bände als CD vor und sind von der Staatsbibliothek zu Berlin in vollem Umfang ins Internet gestellt worden. Im „Verlag für Berlin-Brandenburg“ ist zugleich ein Auswahlband mit zehn Gerichtsreportagen aus Friedlaenders Reihe unter dem Titel „Mörder, Verräter, Attentäter“ erschienen. Die Herausgeber Gideon Botsch und Christoph Kopke, Mitarbeiter des Moses Mendelssohn Zentrums in Berlin, weisen in ihrer Einleitung darauf hin, daß von Hugo Friedlaender, der immerhin mehr als 40 Jahre für renommierte, überwiegend liberal ausgerichtete Zeitungen schrieb, erstaunlicherweise kaum eine biographische Einzelheit sicher nachgewiesen ist. Selbst seine Lebensdaten sind unsicher. Daß er Sozialdemokrat war, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen.

Desweiteren werfen die Herausgeber einen Blick auf die zeitgenössischen Reaktionen am Vor-abend des Ersten Weltkriegs. Obwohl der gemäßigt liberal eingestellte Justizrat und Reichstagsabgeordnete Erich Sello bis zu seinem Tod im Jahre 1912 ein ausgewogenes Vorwort zu den ersten drei Prozeß-Bänden beisteuerte, wurden diese mit harscher Kritik überzogen, zumeist von monarchistisch-konservativer Seite. Man warf Friedlaender die kommentarlose Präsentation der Verbrechen und des geschilderten, von der sittlichen Norm abweichenden Verhaltens vor.

Im Zusammenhang damit wurde auch auf dessen jüdische Herkunft hingewiesen. Kurt Tucholsky verdächtigte Friedlaender 1925  des Sensationsjournalismus, was aufgrund der knappen Erläuterungen und Zusammenfassungen, die mit den Verhörprotokollen und Pläydoyers abwechseln, kaum nachvollziehbar ist.

Romane wie „Der Untertan“ von Heinrich Mann und „Der Hauptmann von Köpenick“ beschreiben das breite Spektrum der sozialen Verhältnisse im Kaiserreich literarisch. Dieselbe Bandbreite an politischen Meinungen und Parteien, Beleidigungen, Dekadenz und Okkultismus, Militarismus, antisemitischen Verdächtigungen und Propaganda, Mißhandlungen von Schutzbefohlenen und der sozialen Not der ungewollt Schwangeren tritt in den Darstellungen der Kriminalfälle in Erscheinung.

Einem der im vorliegenden Buch veröffentlichten Prozesse liegt das fehlgeschlagene Dynamit-Attentat bei der Enthüllungsfeier des Niederwald-Denkmals am 28. September 1883 in Rüdesheim zugrunde. Das Denkmal war zur Erinnerung an den Sieg über Frankreich 1870/71 und die Gründung des deutschen Kaiserreichs geschaffen worden. Drei Anarchisten aus Elberfeld hatten entlang dem Zufahrtsweg zum Denkmal Dynamitpatronen versteckt, die jedoch, vermutlich wegen des vorangegangenen starken Regens, nicht explodierten. Ein anschließender Versuch, die Festtagshalle, in der ein Konzert stattfand, in die Luft zu sprengen, mißlang ebenfalls.

Die deutsche Geschichte wäre wohl anders verlaufen, wenn der Anschlag gelungen wäre.

Bei der Enthüllung des Denkmals waren nämlich neben Kaiser Wilhelm I., dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem späteren Deutschen Kaiser Friedrich III., und dem Prinzen Wilhelm, dem späteren Deutschen Kaiser Wilhelm II., sämtliche königlichen Prinzen anwesend, außerdem sämtliche deutsche Bundesfürsten, fast alle preußischen Minister und Bundesratsmitglieder sowie die Botschafter und Gesandten fremder Staaten am Berliner Hof.                        Dagmar Jestrzemski

Hugo Friedlaender: „Mörder, Verräter, Attentäter – Gerichtsreportagen aus dem Kaiserreich“, Verlag für Berlin-Brandenburg. Berlin 2008, geb., 449 Seiten, 22,95 Euro


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