© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Bodenständiger Dichter
Er füllt ein kleines Buch mit seinen großen Sprüchen

Was haben Heinz Erhardt, Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner und Eugen Roth miteinander gemeinsam? Sie erfreuten mit ihren Gedichten und ihrem Sprachwitz Millionen Menschen. Und sie sind allesamt tot. Das sind sie sogar in zweifacher Hinsicht, meint Günter B. Merkel. Er reimt:

„Ob Kästner, Erhardt, Eugen Roth; / Sie sind im Grunde doppelt tot, / Denn Jurys mögen nur noch Prosa / Von der linken Haus-Frau Rosa / Und von fremden Licht-Gestalten, / Die Roth für eine Farbe halten. / Ringelnatz und Busch – längst stumm – / Drehen sich im Grab herum!“

Doch sie brauchten sich nicht zu drehen, denn es gibt noch Dichter in unserem Land! Merkel selbst ist angetreten, ihre Ehre zu retten – mit Erfolg. Seine Gedichte und Sinnsprüche brauchen sich neben denen der genannten Dichtergrößen nicht zu verstecken. Sie sind präzise verfaßt mit reinem Endreim und mit zahlreichen Enjambements (Zeilensprüngen) ausgestattet. So verwundert es nicht, daß die Anhänger Merkels ihm bereits den Titel „Reimkanzler“ antrugen.

Trotz freiwilliger Selbstbeschränkung auf den reinen Reim sprühen seine Gedichte vor Witz. Dem genialen Verseschmied gelingt ein kleines Meisterwerk nach dem anderen, zum Beispiel: „Was mäkelt ihr am Stroh herum? / Nicht das Stroh, der Mensch ist dumm!“ Oder: „Ihr könnt machen, was ihr wollt, / Sofern ihr das tut, was ihr sollt!“ Und: „Der Seitensprung – ein Sprung zur Seite – / Erst sucht man Liebe, dann das Weite.“

Die großartige dichterische Leistung schlägt sich allerdings immer noch nicht gebührend in den Medien nieder. Für die Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen ist der bodenständige Merkel offenbar nicht abgehoben genug. Was nützt es da, daß der bekannte Kritiker Hellmuth Karasek ihn als zweiten Eugen Roth bezeichnet? Daß der Schriftsteller Martin Walser die „herzhaft festen Gedichte“ lobt? Tucholsky müßte man eben heißen!

Mit den satirischen „Gegengedichten“, mit denen Merkel Vorzeigedichter wie Bertolt Brecht, Johann Wolfgang Goethe oder Günter Grass aufs Korn nimmt, fand er eine einzigartige lyrische Form. Gegen die „Letzten Tänze“ des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass hat er gleich ein ganzes Gegen-Buch geschrieben. Merkel wirft Grass nicht nur „dilettantische Poesie“ und „gruselige Zeichnungen“ vor, sondern auch Selbstüberschätzung. Zu Grass’ Gedicht „Heftige Stöße“ fällt Merkel ein: „Stoß für Stoß genießt der Grass; / Beim Stoßen hat er seinen Spaß, / Und um dies allen mitzuteilen, / Verfaßt er seine geilen Zeilen; / Gedichte, die er Lyrik nennt, / Die man als solche kaum erkennt.“ Günter entpuppt sich als begnadeter Dichter. Doch sein Nachname lautet nicht Grass, sondern Merkel. Die „Großen Sprüche vom gnadenlosen Dichter“ bieten einen idealen Einstieg in das Werk, das inzwischen acht Bücher und ein Hörbuch umfaßt.            Thomas Paulwitz

Günter B. Merkel: „Große Sprüche vom gnadenlosen Dichter“, SWP, Wilhelmsfeld, geb., 128 Seiten, 9,50 Euro, Bestellung unter (06220) 6310, www.merkel-gedichte.de     


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