© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-09 vom 28. Februar 2009

Suche nach dem Bruder
Neuer Krimi von Mary Higgins Clark

„Seit Lucrezia Borgia bin ich die Frau, die am meisten Menschen umgebracht hat, allerdings mit der Schreibmaschine.“ Dieses Zitat von Agatha Christie könnte auch für Mary Higgins Clark, die Grande Dame des amerikanischen Thrillers, zutreffen. Die rastlose 81jährige verfaßt immer noch Kriminalromane für ein großes Publikum und plant nicht, demnächst den Stift aus der Hand zu legen. Auch in ihrem neuesten Thriller „Warte, bis du schläfst“ lockt Clark den Leser in gewohnter Weise mit unterhaltsamen Charakteren und einer gut durchdachten Story.

An einem ganz gewöhnlichen Tag verläßt Mack MacKenzie sein Studentenappartement mitten in Manhattan und kehrt daraufhin nicht mehr zurück. Einziges Lebenszeichen sind seine alljährlichen Kurzanrufe am Muttertag, die die Familie mit Fragen über sein Schicksal quälen und langsam in den Wahnsinn treiben. Nie gab es Anhaltspunkte für ein Verbrechen, nie wurde Lösegeld gefordert, und auch private Probleme, Drogen oder Spielschulden können Macks spurloses Verschwinden nicht erklären. Nach zehn Jahren dieses unerträglichen Zustands beschließt seine Schwester Carolyn, ihn endlich aufzuspüren. Obwohl ihr Bruder sie in einer Nachricht warnt, nicht weiter nach ihm zu suchen, führt Carolyn mit Feuereifer die Ermittlungen fort. Dabei stößt sie auf eine Mauer des Schweigens, denn jeder in Macks Umfeld scheint, etwas verbergen zu wollen. Carolyn läßt sich in ihren Nachforschungen nicht einmal von der eigenen Mutter Olivia abhalten. Diese glaubt, Mack habe sich bewußt für sein Abtauchen entschieden. Aus Gram über den Verlust ihres einzigen Sohnes und über den frühen Tod ihres Mannes flüchtet sich Olivia in die Arme von Elliot, einem alten Freund der Familie. Immer tiefer dringt Carolyn in die Vergangenheit ihres Bruders ein und deckt ein Netz aus lang gehüteten Geheimnissen auf.

Der wahre Alptraum beginnt jedoch erst, als Lesley Andrews entführt wird. Die junge Frau aus Manhattan nimmt ausgerechnet am Muttertag telefonisch mit ihrem verzweifelten Vater Kontakt auf und bittet ihn, die Suche nach ihr einzustellen. Der Zusammenhang zu Macks Verschwinden ist offensichtlich. Das bunte Karussell der Verdächtigen dreht sich immer schneller.

Obwohl die Autorin ihre falschen Spuren geschickt zu legen vermag, erscheint „Warte, bis du schläfst“ an vielen Stellen langatmig und spannungsarm. Anstelle ihre Hinweise nach und nach einzustreuen und den Leser mitfiebern zu lassen, hebt sich Clark alle Verdachtsmomente und Enthüllungen bis zum Schluß auf. Der lang erwartete Showdown geht dann allzu schnell über die Bühne, um noch Platz für Überraschungen zu lassen. Trotz des soliden Plots, der vielschichtigen Protagonisten und des sicheren Erzählstils hätte man sich mehr Bemühen um Originalität gewünscht. Aus der beabsichtigten schlafraubenden Unterhaltung ist eine nette Einschlaflektüre geworden.   Sophia E. Gerber

Mary Higgins Clark: „Warte, bis du schläfst“, Heyne, München 2008. 400 Seiten, 19,90 Euro


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