© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-09 vom 21. März 2009

Zauber einer blühenden Landschaft
Seit dem Ende des Eisernen Vorhangs lockt die Rominter Heide wieder zahlreiche Besucher

Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd“ ist der Titel einer Kantante, die Johann Sebastian Bach anläßlich des 31. Geburtstags von Christian von Sachsen-Weißenfels komponierte und die am Abend nach einer ausgedehnten Jagdveranstaltung des Fürsten erklang. Heute erinnert in der Rominter Heide kaum noch etwas an die Zeiten der munteren Jagd preußischer Landesherren und festlicher Konzerte im kaiserlichen Jagdschloß.

Das riesige Wald- und Seengebiet im äußersten Osten Ostpreußens galt einst als bevorzugtes Rotwildrevier der Hohenzollern. Kaiser Wilhelm II. ließ hier Ende des 19. Jahrhunderts sämtliche Ländereien aufkaufen und am Ufer der Rominte, dem namensgebenden Fluß, ein Jagdhaus im skandinavischen Block­hausstil mit benachbarter Kapelle errichten. Später folgten der Anbau eines weiteren Seitenflügels sowie ein Teehäuschen am Hang. Dann kam der Erste Weltkrieg: Als 1914 die russischen Truppen in Ostpreußen einfielen, befahl Zar Nikolaus, das Schloß nicht zu zerstören, weil er sich das Gebiet als Urlaubsdomizil auserkoren hatte. Das Bett seiner Majestät ließen sie dann doch beim Rückzug mitgehen.

In der Weimarer Republik wurde das kaiserliche Hofjagdgebiet zum preußischen Staatsjagdrevier. Ministerpräsident Otto Braun (SPD) ging an diesem Ort häufig auf die Pirsch, bevor unter den Nationalsozialisten Hermann Göring das Areal in Beschlag nahm. Da sich der abgedankte Kaiser partout weigerte, ihm das Jagdschloß zu überlassen, ließ sich dieser 1936 zwei Kilometer nördlich davon eine eigene Residenz, den Reichsjägerhof, erbauen. Schwierig war auch das Verhältnis zwischen Göring und Forstmeister Hans Pauck­stadt, der schon mit Wilhelm II. gejagt hatte. Dem lebenslustigen Förster waren die Umgangsformen des Reichsjägermeisters zuwider, er hielt ihn für einen „Mann ohne Kultur“. Die Situation eskalierte, als eines Tages die braunen Machthaber verfügten, Pauckstadts beide behinderten Kinder in ein Sanatorium an einen unbekannten Ort zu bringen. Der Schmerz über das ungewisse Schicksal wurde für den Familienvater unerträglich. Am 18. Dezember 1936 erschoß er sich.

Während der folgenden Jahre gaben sich in dem gediegenen Ambiente mit Eisenleuchtern, Geweihen und Hirschgemälden Staatsgäste und Spitzen aus Politik, Wehrmacht, Luftwaffe und Industrie die Klinke in die Hand. Als Oberbefehlshaber der Luftwaffe koordinierte Göring von hier aus den Luftkrieg gegen England. Während des Rußlandfeldzugs zog er sich ganz auf das Anwesen zurück. Am 20. Oktober 1944 steckte die Wehrmacht auf seinen Befehl hin den Reichsjägerhof in Brand, ließ jedoch das Jagdschloß unversehrt. Tags darauf nahm die Rote Armee das Gelände ein.

Stalins „Schwerthieb“ durch Ostpreußen traf nach Kriegsende auch die Rominter Heide. Seitdem verläuft die Grenze zwischen Polen und Rußland mitten durch die Landschaft. In dem naturbelassenen Forst aus uralten Eichen, Kiefern und Fichten mit einsamen Seen und Mooren leben Rothirsche, Elche, Luchse, Wölfe und Fischotter, die andernorts in Europa längst verschwunden sind. Deutsche Töne hört man dagegen selten in den kleinen Dörfern und Gehöften rund um den Zauberwald. Aus preußischer Zeit sind nur die alten Backsteinhäuser, einige Brücken und unkrautüberwucherte Bahngleise geblieben. In der Ortschaft Großminten erinnert ein deutscher Gedenkstein mit einem eisernen Kreuz an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Von hier aus gelangt man über das alte, preußische Pflaster der Jagdbuder Straße zum ehemaligen Jagdhaus Rominten. Der Prachtsitz ist zum Geisterort verkommen. Den als Kulturhaus und Konzertsaal beliebten Kaiserflügel hatten die Sowjets 1949 fein säuberlich abmontiert und in den Königsberger Park von Luisenwahl (heute: Kulturpark Kalinin) versetzt. Lediglich seine Kellermauern aus Ziegeln und Felsstein luken noch bemoost aus dem Erdreich hervor. Auch von der Hubertuskapelle blieb nur das Fundament, und am Hang vermodern die Reste des einstigen Teehäuschens. Ein reicher Russe will jetzt das Jagdhaus wieder nach Rominten an seinen alten Standort bringen, um dort für betuchte Touristen ein Hotel zu eröffnen. Angesichts der Finanzkrise und der unrealistischen Planung erscheint dies jedoch eher fraglich.

Seit den Umbrüchen in Ostmitteleuropa und dem EU-Beitritt Polens lockt die Rominter Heide wieder zahlreiche Besucher, vor allem aus der Bundesrepublik Deutschland, an. Fernab des Massentourismus genießen sie die atemberaubende Naturlandschaft und regionale Spezialitäten, wie masurische Kartoffelkuchen und Wildgerichte aller Art. Die Baumkuchenherstellung hat in vielen Teilen Polens sowie in Ostpreußen eine lange Tradition. Auch der Jagdtourismus gewinnt zunehmend an Bedeutung. Viele Einwohner haben jedoch die Hoffnung auf bessere Zeiten verloren. Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung belasten die dünn besiedelte Region. Landwirtschaft und Waldarbeit bieten nur wenigen ein Auskommen und die Nachfrage nach Handwerkern im nahe gelegenen Goldap ist begrenzt. Kinder und Jugendliche fürchten eine ungewisse Zukunft, denn Ausbildungsplätze sind hier Mangelware und die staatliche Unterstützung ist kaum erwähnenswert. Der Zauber der blühenden Landschaft droht zu verblassen.       Sophia E. Gerber


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren