© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-09 vom 28. März 2009

Schwieriges Ausmisten
Siemens bekämpft die Korruption – Kosten in Milliardenhöhe

Er war der „Mann mit dem Koffer“. Einer von denen, die dafür sorgten, daß die dicken Aufträge möglichst nicht bei der Konkurrenz landeten, sondern bei der eigenen Firma. Da reichte es nicht immer, der bessere oder der preisgünstigere zu sein. Da mußte man bei der Wahrheitsfindung auch schon mal etwas direkter nachhelfen, nach dem bewährten Motto „Nur Bares ist Wahres“.

Die eigene Firma, das war im Falle von Ernst G. (Name von der Redaktion geändert) die Siemens-Tochter KWU. Der Name stand für Qualität; in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts galt das in Erlangen, Offenbach, Mülheim und Berlin agierende Unternehmen als Weltmarktführer in Sachen nukleare Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Ernst G. erinnert sich: In Deutschland, wo sich früher als in anderen Ländern ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken entwickelt hatte, hatte die Konkurrenz keine Chance, auch nicht über den Preis. Das sieht man noch heute: Alle 17 derzeit in Betrieb befindlichen kommerziellen Atomreaktoren sind KWU-Konstruktionen.

Flog G. aber beispielsweise nach Bagdad oder Brasilia, um lukrative Aufträge an Land zu ziehen, konnte er mit der Trumpfkarte „Sicherheit“ kaum noch punkten. Gerade die sogenannten Schwellenländer – nicht mehr „Dritte“ und noch nicht „Erste Welt“ – wollten nur eins: So schnell und so billig wie möglich jene Energiepotentiale aufbauen, die sie als Basis zweistelliger Wachstumsraten brauchten.

Daß ausgerechnet in diesen Regionen der Einsatz von Schmiergeldern keineswegs verpönt ist, sondern als ganz normales Geschäftsgebaren gilt, machte die Auftragsbeschaffung für G. weder einfacher noch billiger. Da gingen gern mal sechsstellige Dollarbeträge über den Tisch. Angeführt wurde die Bestechungsgeld-Hitliste übrigens, wie wir keineswegs staunend erfahren, vom damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein und seinem Familienclan.

Richtig teuer wurden die Schmiergeldzahlungen aber erst, als die Münchner Staatsanwaltschaft sie aktenkundig machte. Es stellte sich heraus, daß der Weltkonzern auch im In- und Ausland und quer über alle Geschäftsbereiche ein dichtes Netz der Korruption gewoben hatte. Gegen 300 Mitarbeiter wurden Ermittlungen aufgenommen, insgesamt geht es um 1,4 Milliarden Euro Bestechungs- und Schwarzgelder. Allein 70 Millionen sollen seit dem Jahr 2000 an Regierungen und Geschäftspartner in mehr als 60 Staaten geflossen sein.

Inzwischen hat der Konzern die Flucht nach vorn ergriffen und ist intensiv bemüht, den Wandel zum „Musterknaben“ in Sachen Korruptionsbekämpfung glaubhaft zu machen. Dies allerdings zu einem hohen Preis: Rund zweieinhalb Milliarden Euro hat Siemens die Affäre bislang gekostet. Nicht mitgerechnet die Verluste im Auslandsgeschäft. Denn daß in vielen Volkswirtschaften dieser Welt nach wie vor das große Geschäft nur „wie geschmiert“ oder gar nicht läuft – daran wird auch die neue Sauberkeit im Hause Siemens nichts ändern.         H.J.M.


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