© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-09 vom 28. März 2009

Krise bedroht eigene vier Wände
Kurzarbeit bringt immer mehr Arbeitnehmer in finanzielle Bedrängnis

Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, hat sich bereits darauf eingestellt, im Jahr 2009 zum Überbringer schlechter Nachrichten zu werden. Inzwischen hält er vier Millionen Arbeitslose für dieses Jahr durchaus für möglich. Im Februar waren bereits 3,5 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet.

Massenentlassungen erwartet Weise, genau wie Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD), jedoch nicht. Zumal es so aussieht, als würden die Unternehmen das von Scholz auf 18 Monate ausgedehnte Kurzarbeitergeld nutzen. Im Januar hatten bundesweit 10600 Betriebe für insgesamt 290600 Arbeitnehmer Kurzarbeit aus konjunkturellen Gründen beantragt. Doch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet damit, daß die Zahl der Kurzarbeiter noch in diesem Jahr auf 450000 bis 510000 ansteigen wird.

Kurzarbeit klingt viel weniger dramatisch als Kündigung. Für die Unternehmen stellt sie auch eine Lösung dar, ohne Verlust ihres geschulten Personals auf eine kurzfristig schlechtere Auftragslage kostensparend zu reagieren. Das von der Bundesagentur für Arbeit finanziell unterstützte Unternehmen bezahlt nur die Arbeit, die wirklich vom Arbeitnehmer geleistet wird. Die Arbeitsagentur erstattet dem Arbeitnehmer 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohnes, bei Arbeitnehmern mit Kind(ern) 67 Prozent. Auch die Sozialbeiträge des Arbeitgebers werden bis zur Hälfte von der Arbeitsagentur übernommen. Gewährt das Unternehmen seinem Arbeitnehmer in der freien Arbeitszeit eine Weiterbildung, dann übernimmt das Arbeitsamt die Sozialbeiträge sogar zu 100 Prozent.

Was sich für den Arbeitgeber als sehr lohnend herausstellt, hat auch für den Arbeitnehmer den positiven Effekt, daß er seinen Arbeitsplatz behält. Kurzfristig muß er jedoch mit Gehaltseinbußen leben. Ein Familienvater mit 1192 Euro netto, der wegen Kurzarbeit nur noch 40 Prozent seiner 40 Stunden in der Woche arbeitet, bekommt nur noch 953 Euro ausgezahlt. Das sind zwar 190 Euro mehr als Arbeitslosengeld I (783 Euro), doch der Verdienstausfall von 239 Euro bringt die Haushaltsrechnung schnell durcheinander. Gerade Bezieher kleiner Einkommen rechnen mit jedem Euro und haben meist auch nur geringe Rücklagen, die sie in der Zeit der Kurzarbeit aufbrauchen können. Zwar ist Kurzarbeit grundsätzlich für einen überschaubaren Zeitraum von wenigen Wochen – allenfalls ein oder zwei Monaten – gedacht, doch da die Wirtschaftskrise ihre Auswirkungen noch bei weitem nicht voll entfaltet hat, kann keiner sagen, ob und wie viele Unternehmen die von Arbeitsminister Scholz in Aussicht gestellte Verlängerung der Kurzarbeit auf inzwischen sogar 24 Monate in Anspruch nehmen müssen.

Aber auch Bezieher mittlerer und höherer Einkommen können durch Kurzarbeit in Geldnöte geraten. Familien, deren Hausfinanzierung bis auf den letzten Cent durchkalkuliert ist – das sind in Deutschland immer mehr –, können ihre Raten nicht mehr zahlen.

„Wenn ein Immobilienbesitzer in so eine Notlage kommt, dann sollte er unmittelbar das Gespräch mit der Bank suchen“, rät Peter Dirk von der Verbraucherzentrale Berlin. „Da die Kurzarbeit ja zeitlich befristet ist, dürfte die Bank hier sicher einer Aussetzung der Tilgung zustimmen. Wenn man allerdings nur eine geringe Tilgung von einem Prozent gewählt hat und die Finanzierung sehr eng angelegt ist, dann ist mitunter nur mit einer Tilgungsaussetzung das Problem noch nicht zu bewältigen. Hier wird man dann eine Stundungsvereinbarung treffen müssen, dieses würde aber sicher eine Verschlechterung der Kunden zur Folge haben. Eine Bank wird wohl nicht auf ihre Zinsen verzichten. Wir gehen aber nicht unbedingt davon aus, daß eine Bank den Kunden in die Zwangsversteigerung treiben will. Bisher haben wir hier allerdings noch keinen Fall konkret in unserer Beratung gehabt.“

500 Euro Verdienstausfall bei einem Durchschnittsverdiener können im Fall von Kurzarbeit schnell Realität werden. Das bringt auch zahlreiche Konsumentenkredite in die Schieflage. „Es fängt an“, so Stefanie Laag von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, die die ersten Anfragen von in finanzielle Nöte geratenen Kurzarbeitern bekommen hat. Man müsse immer im Einzelfall prüfen, wo kurzfristig gespart werden kann. Miete und Strom seien jedoch „unantastbar“.         Rebecca Bellano


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