© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-09 vom 28. März 2009

Das Ende der »Vossischen«
Vor 75 Jahren stellte Berlins älteste Zeitung ihr Erscheinen ein

Die Aufgabe eines Blattes vom Stil der Vossischen Zeitung ist nach unserer Ansicht beendet. So haben wir denn aus freien Stücken den schmerzlichen, aber folgerichtigen Entschluß gefaßt, die Vossische Zeitung aufzugeben und sie nach dem Ende des Monats nicht mehr erscheinen zu lassen.“ Mit diesen Worten kündigte Berlins älteste Zeitung vor 75 Jahren ihren Lesern ihr Ende an.

Alles begann im frühen 17. Jahrhundert in Cölln bei Berlin mit dem kurfürstlich-brandenburgischen Post- und Botenmeister Christoff Frischmann. Er sammelte die bei ihm einlaufenden Neuigkeiten, brachte diese handschriftlich zu Papier und verteilte diese schriftlichen Informationen. Frischmann systematisierte und professionalisierte mit seinem Bruder Veit diese Tätigkeit und gab ab 1617 eine gedruckte Zeitung heraus. Erst hieß diese „Avisen“, dann erhielt sie den aussagekräftigen Titel „Berliner Botenmeister Zeitung“. Die Zensur der katholischen Habsburger an dem proprotestantischen Blatt zermürbte Veit Frischmann, so daß er die Konzession 1655 seinem Drucker Christoph Runge überließ, der das Blatt in „Berliner einkommende Ordinar- und Postzeitungen“ umbenannte. Nach Runges Tod erwarb der Buchdrucker Johann Lorentzen die Zeitung 1704 von dessen Witwe und benannte sie in „Berlinische Ordinaire Zeitung“ um. Johann Andreas Rüdiger gelang es, den Soldatenkönig dazu zu bewegen, ihm 1721 Lorentzens Zeitungskonzession zu übertragen. Nun hieß das Blatt „Berlinische Privilegierte Zeitung“.

Im Jahre 1751 starb Rüdiger und sein Schwiegersohn, der Buchhändler Christian Friedrich Voss, übernahm die Zeitung. Bald hieß das Blatt bei den Berlinern gemeinhin die „Vossische“. Offiziell jedoch hieß sie ab 1785 „Königlich Privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen“. 1806 kam der Kopfvermerk „Im Verlage Vossische Erben“ hinzu. 1801 hatte nämlich Voss’ Tochter Marie Friederike die Zeitung übernommen. Da sie mit Gotthelf Lessing, einen Bruder des Dichters Gotthold Ephraim Lessing, verheiratet war, kam die Zeitung so in den Besitz der Familie Lessing.

In der Folgezeit wurden die Besitzverhältnisse komplizierter. Verschiedene Angehörige der Familien Lessing und Müller hielten nun Firmenanteile und verkauften diese dann teilweise an die Zeitungsunternehmer Rudolf Mosse beziehungsweise August Huck. Die komplizierten Besitzverhältnisse und Uneinigkeit zwischen den Eignern blockierten die technische und journalistische Entwicklung des Blattes. War die Zeitung noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Markt- und Meinungsführer in Berlin gewesen, so verlor sie in den folgenden Jahrzehnten diese Position.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges, am 2. August 1914, kaufte der Ullstein-Verlag die Zeitung. Mittlerweile hatte man dem Volksmund Rechnung getragen und das Blatt 1910 in „Vossische Zeitung“ umbenannt. Der bisherige Titel mit dem Hinweis auf das königliche Privileg war zum Untertitel geworden. Nach dem Ende der Monarchie in Preußen war dieser Hinweis gegenstandslos geworden, und der Untertitel verschwand ersatzlos. Das war die letzte der zahllosen Titeländerungen des Blattes.

Der Ullstein Verlag war 1877 vom deutschen Verleger jüdischen Glaubens Leopold Ullstein gegründet worden. Dieser hatte seinen Verlag zum Sprachrohr der Bismarckkritiker ausgebaut. Nach seinem Tode setzten seine Söhne sein politisches Erbe fort. Der von Ullstein eingesetzte neue Chefredakteur Georg Bernhard machte die „Vossische Zeitung“ zu einem linksliberalen Organ. Wie die anderen Blätter des Ullstein Verlages sprach sich auch die „Vossische Zeitung“ nach der Novemberrevolution für die aus dieser hervorgegangenen Weimarer Republik aus. Angesichts dieser politischen Ausrichtung und der Besitzverhältnisse nimmt es nicht wunder, daß nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten für die Zeitung schwere Zeiten anbrachen. Am 31. März 1934 stellte die „Vossische Zeitung“ ihr Erscheinen ein. Wenige Wochen später wurde der Ullstein Verlag arisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Familie Ullstein ihren Verlag zurück. Aber zu einer Renaissance der „Vossischen Zeitung“ kam es nicht. Sie blieb Geschichte.    M. Ruoff


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