© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-09 vom 28. März 2009

Der vierte von links
Klassenfotos waren schon immer willkommener Anlaß zur Freude

Ehrlicherweise muß eingestanden werden, daß manche Errungenschaft der Zivilisation meist nur mit einiger Verspätung das masurische Hinterland erreichte – jedoch, sie erreichte es! So geschah es etwa mit der Fotografie und den dazu benötigten Apparaten. Ein solcher hatte es seinerzeit bis nach Ulleschen geschafft, einem abgelegenen Dörfchen, nicht weit entfernt von der Grenze zu Polen. Und zwar war dieses bilderherstellende Gerät als Geburtstagsgeschenk in die Hände des 14jährigen Herbert Duscha gelangt. Bei diesem handelte es sich um den Sproß einer durchaus angesehenen Bauernfamilie, welcher eine bunte Quartanermütze zur Schau trug. Das allerdings nur in den Schulferien, ansonsten besuchte er das Gymnasium zu Hohenstein, wo er – wie es damals üblich war – Unterkunft wie Verpflegung von einer „Pensionsmutter“ bezog.

Selbstverständlich schrieb dieser Herbert Duscha ab und an einen Brief nach Hause. Die recht umfangreiche Familie wollte schließlich wissen, wie es ihm „in der Fremde“ erging und ob auch alles klappte mit der höheren Schule. Als wieder einmal ein solches Schreiben eintraf in Ulleschen, waren einige Bilderchen beigefügt, welche mit Hilfe des neuartigen „Fotografie-Apparates“ er-standen waren.

Auf einem davon war der berühmte Stinthengst von Nikolaiken zu sehen und auf einem anderen ein vollbesetztes Stakboot auf dem Fluß Krutinna. Diese Fotos waren angefertigt worden bei einem Schulausflug des Hohensteiner Pennals und wurden gehörig bestaunt. Am meisten interessierte die Familie Duscha freilich die Gruppenaufnahme der gesamten Klasse vor dem alten Ordensschloß des masurischen Städtchens, in welchem das Gymnasium seit der Gründung residierte.

„Wo is‘ er denn nu, unser Herbertchen?“ wollte Oma Karoline wissen und rückte die Brille zurecht. „Da, in der zweiten Reihe, der vierte von links“, gab Elsbethchen Auskunft, die jüngere Schwester des Herrn Scholaren.

„Aber woher denn?“ widersprach Vater Duscha, „ganz vorn steht er, direkt neben seinem Lehrer. Ich erkenn ihn an den karierten Knickerbocker!“

„Nei, nei“, meldete sich sein ihm angetrautes Eheweib zu Wort, „er hat die Hose ja garnich mitgenommen nach Hohenstein. Weil sie hat ein Loch am Knie und das soll ich erst flicken. Ich meine, er steht ganz hinten rechts, unser Herbert.“

Sofort mischte sich Tante Gertrud ein, die gerade zu Besuch weilte bei den Duschas in Ulleschen. „Stimmt alles nich‘, was ihr da erzählt“, verkündete sie resolut und deutete auf das Foto. „Das da ist er! Ich hab’ ihn gleich erkannt an seinen abstehenden Ohren.“

„Abstehende Ohren?“ entrüstete sich der Hausherr und stolze Vater des Gymnasiasten. „Wie kannst nur so was behaupten von unserem Jungchen? Wenigstens hat er keine O-Beine wie dein Lorbaß!“

„Mein Paulchen hat die geradesten Beine von der Welt“, empörte sich Tante Gertrud und bekam ein hochrotes Gesicht. „Und unser Herbert hat schöne anliegende Ohren“, trumpfte Mutter Duscha auf. Beide Frauen maßen sich mit giftigen Blicken. Kein Zweifel, es lag ein heftiges Familiengewitter in der Luft.

Doch da meldete sich Opa August zu Wort. Er hatte bisher friedlich seine Pfeife geschmaucht. Nun nahm er das Foto zur Hand und drehte es um. „Da steht was“, sagte er. „Hat wohl der Herbert geschrieben …“

Er wollte die paar Worte vorlesen, doch seine Enkelin Elsbeth kam ihm zuvor. Sie schnappte sich die Aufnahme und krähte mit vergnügter Stimme: „Er schreibt, daß er alle Bilder selbst gemacht hat. Weil sich sonst keiner auf diesem Gymnasium versteht auf die neumodische Fotografiererei, auch nicht sein Herr Lehrer.“Heinz Kurt Kays


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