© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-09 vom 28. März 2009

Die Kunst, schön zu wohnen
Maler und Dichter haben eine ganz eigene Einstellung zu ihrer Lebenswelt

Kaum etwas interessiert viele Menschen so sehr, wie die Lebensumstände anderer. Vor allem Stars von Film und Fernsehen oder aus der Musikbranche wissen ein Lied davon zu singen. Illustrierte widmen ganze Ausgaben diesen Fragen der Fans. Wie aber lebten einst die Großen der Literatur und der Kunst? Davon erzählt unter anderem eine Ausstellung in Delmenhorst.

„Mir das Leben leicht und bequem zu machen habe ich leider niemals verstanden. Eine Kunst aber ist mir immer zu Gebote gestanden: die Kunst, schön zu wohnen. Seit der Zeit, da ich meinen Wohnort mir selber wählen konnte, habe ich immer außerordentlich schön gewohnt, zuweilen primitiv und mit sehr wenig Komfort, aber immer habe ich eine charakteristische, große, weite Landschaft vor meinen Fenstern gehabt“, schrieb der Dichter Hermann Hesse in Erinnerung an seinen Wohnort im Tessin, an Montagnola, wo er 43 Jahre lang lebte und arbeitete. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zog Hesse 1919 in das Tessin, wo er seine Kriegserlebnisse nicht mehr nur in Worten, sondern vermehrt auch in seinen Bildern zu verarbeiten versuchte. Sein großes Interesse und das offensichtliche Talent brachten ihn jedoch schnell dazu, sich größeren malerischen Herausforderungen zu stellen. Bestärkt wurde Hesse in seiner Malerei vor allem durch seinen Freund Louis Moilliet, der 1914 gemeinsam mit den Malern August Macke und Paul Klee nach Tunis gereist war.

Werke von August Macke und seinem rheinischen Kreis stehen jetzt im Mittelpunkt einer Ausstellung der Städtischen Galerie Delmenhorst, die sich mit „Lebenswelten – Stilleben, Interieur und Kunsthandwerk im Expressionismus“ beschäftigt. Die Künstler reflektierten das eigene häusliche Lebensumfeld einerseits in ihren Werken, andererseits aber versuchten sie, dieses Umfeld auch praktisch zu gestalten. „In ihren Interieurdarstellungen inszenierten die Künstler ihr privates Ambiente und hinterfragten dabei nicht selten die bürgerliche Welt ihrer Herkunft“, erläutert Barbara Alms von der Städtischen Galerie.

Kunsthandwerkliche Objekte wie Vasen, Dosen, Schüsseln und Schmuck zeugen von dem künstlerischen Wirken. Selbst Möbel, Teppiche und Stoffe entstanden, etwa ein Kissenbezug in feinster Gobelinstickerei von August Macke. Der private Raum wurde zum Spiegel der eigenen Persönlichkeit. „Die Gattung des Stillebens diente zudem als ein vielfältiges Experimentierfeld für innovative Bildideen und neue stilistische Ansätze“, so Alms.

Nicht jeder Schriftsteller oder Dichter, nicht jeder Maler wird wie Hesse auf ein schönes Domizil Wert gelegt haben, auf eine schöne Aussicht gar. Manch einer war schon zufrieden, überhaupt ein Dach überm Kopf zu haben, ein stilles Kämmerchen, wo er (oder sie) ungestört arbeiten konnte.

Schon Johann Wolfgang von Goethe hat erkannt: „Wer den Dichter will verstehen / Muß in Dichters Lande gehen.“ Ein halbes Jahrhundert lebte und arbeitete Goethe in seinem Haus am Frauenplan in Weimar, das er 1782 bezog. „In meinem neuen Hause breite ich mich aus und alles kommt in die schönste Ordnung. Dabei rekapituliere ich mein Leben, vergleiche die Epochen.“ Auch Friedrich Schiller lebte für einige Zeit in Weimar. 1802 hatte er das Haus an der Esplanade kaufen können. Das war nicht selbstverständlich. „Ich habe dieser Tage endlich einen alten Wunsch realisiert, ein eigenes Haus zu besitzen. Denn ich habe nun alle Gedanken an das Wegziehen von Weimar aufgegeben und denke hier zu leben und zu sterben“, schrieb er. Es sollten nur drei kurze Jahre werden. Die grünen Tapeten in seinem Arbeitszimmer sollen dem Dichter zum Verhängnis geworden sein, vermuten Experten. Die Farbe war mit Arsen hergestellt worden und löste sich durch die Feuchtigkeit in den Mauern. Lähmungen, Krämpfe und Schmerzen waren die Folge. Solche Tapeten hatte Schiller auch schon in seinem Gartenhäuschen in Jena besessen...

Betrachtet man das Ambiente, in dem die Großen der deutschen Literatur lebten, dann ist es nach heutigen Maßstäben oft geradezu bürgerlich. Theodor Storm etwa las täglich um vier Uhr zum Tee im hellen Wohnzimmer seiner Familie vor, was er geschrieben hatte. Das Haus in der Husumer Wasserreihe 11 bot einen schönen Garten mit einer Lindenlaube. Sein Poetenstübchen hingegen mit der geschnitzten, eigens eingezogenen Eichendecke und den dunkelrot gestrichenen Wänden war düster. Jean Paul hielt sich in seiner Wohnung in der Bayreuther Friedrichstraße einen Laubfrosch, um das Wetter vorhersagen zu können. Am frühen Abend erzählte er seinen Kindern Märchen oder „sprach von Gott, von der Welt, dem Großvater und vielen herrlichen Dingen. Wir liefen um die Wette hinüber, ein jedes wollte das erste neben ihm auf dem langen Kanapee sein“, berichtete seine Tochter Emma.

Hier bürgerliche Häuslichkeit oder da der Dialog zwischen Kunst und Wohnen – so vielschichtig wie die einzelnen Charaktere, so unterschiedlich sind auch die Einstellungen zum häuslichen Umfeld. Viele der einstigen Wohnhäuser sind heute zu Museen oder Gedenkstätten umgewandelt worden. Wie etwa das Geburtshaus des Dichters Ernst Wiechert in Kleinort, Kreis Sensburg, oder das Haus, das die Dichterin Agnes Miegel nach dem Krieg in Bad Nenndorf bezog.

Silke Osman

Die Ausstellung „Lebenswelten – Stilleben, Interieur und Kunsthandwerk im Expressionismus“ in der Städtischen Galerie Delmenhorst, Fischstraße 30, ist bis zum 26. April dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr zu sehen, Eintritt 6 / 4 Euro.

Foto: Heinrich Nauen: Interieur (Aquarell, 1909, Kunstmuseum Bonn)


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren