© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-09 vom 28. März 2009

Zaungast einer Tragödie
Geerbte Tonbänder offenbaren Familiengeheimnis

Bisher war Jonathan Coe der Leserwelt als Autor bissig-ironischer Gesellschaftsporträts wie zum Beispiel „Klassentreffen“ oder „Allein mit Shirley“ bekannt. Mit seinem neuen Roman „Der Regen, bevor er fällt“ beschreitet der Autor jedoch ganz neue Pfade.

Als Gills Großtante, die 73jährige Rosamond, stirbt, findet Gill eine Handvoll Fotos und vier selbst besprochene Kassetten mit der Bitte, Imogen, die verschollene Enkelin von Rosamonds Cousine Beatrix, ausfindig zu machen, um ihr diese Tonbänder auszuhändigen.

Gills Bemühungen, Imogen aufzuspüren, bleiben jedoch vergebens, und so setzt sie sich mit ihren zwei Töchtern Elizabeth und Catharine zusammen um der Erzählung der verstorbenen Rosamond zu lauschen.

„Es war die Stimme von Rosamond, die allein im Wohnzimmer ihres Bungalows in Shropshire saß und in das Mikrofon sprach, nur wenige Tage vor ihrem Tod. Die Stimme sagte: Ich hoffe, Imogen, daß du diejenige bist, die mir jetzt zuhört. Ich fürchte, ich kann mir dessen nicht sicher sein, denn es hat den Anschein, als wärst du verschwunden … Ich möchte dir, mehr als alles andere, Imogen, eine Vorstellung von deiner Geschichte vermitteln. Du sollst ein Gefühl dafür bekommen, wo du herkommst und welches die Kräfte waren, die dich hervorgebracht haben.“

Und an dieser Stelle beginnt die Geschichte, die nicht nur Gill und ihre Töchter, sondern auch den Leser den gesamten Roman über in Atem halten wird.

Jonathan Coe verfolgt Mutter-Tochter-Verhältnisse über drei Generationen, wobei sich die Frage stellt, ob eine Mutter ihr Kind aus ganzem Herzen lieben kann, wenn sie selbst nie Mutterliebe erfahren hat.

Doch welche Rolle hat Rosamond in diesem schicksalsschweren Drama gespielt? Sie beginnt ihre Erzählung an der Stelle, als sie als Kind zu ihrer Tante Ivy und deren Tochter Beatrix reist. Zunächst fällt ihr nichts Besonderes zwischen Mutter und Tochter auf, bis Rosamond Zeuge einer nicht für ihre Ohren bestimmten Situation wird.

„Was ich zu hören bekam, traf mich sehr. Es waren nicht die Worte, die mich so durcheinander brachten – tatsächlich konnte ich kaum etwas verstehen –, sondern der Ton von Ivys Stimme … Ich habe nie die kontrollierte, tödliche Schärfe in Ivys Stimme vergessen … Am Ende von Ivys Monolog gab es ein komisches Geräusch. Kein Klatschen, mehr ein plötzliches Zischen, gefolgt von einem Knacken, als wäre ein Knochen ausgerenkt worden, und dann ein markerschütternder Schrei von Beatrix.“

Nicht weiter verwunderlich, daß Beatrix zu einer mehr oder minder chaotischen jungen Frau heranwächst. Stets jedoch ist Rosamond zur Stelle, wenn Beatrix Hilfe benötigt, die eigenen Bedürfnisse immer hintenan stellend. Beatrix Tochter Thea, wächst in dem Wissen auf ein „Unfall“ gewesen zu sein und so wird Rosamond unglücklicher Zaungast einer Familientragödie, die sich unweigerlich nach und nach anbahnt, und als Thea Mutter wird, schließlich eskaliert.

Ein mitreißender Roman, der durch die Vorstellung, daß die Erzählerin, als Gill und ihre Töchter die Kassetten hören, bereits verstorben ist, und nur die auf Tonband gesprochene Geschichte dieser Familientragödie zurückgelassen hat, ein ganz besonderes Gesicht erhält.       A. Ney

Jonathan Coe: „Der Regen, bevor er fällt“, DVA, geb., 298 Seiten, 18,95 Euro


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