© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-09 vom 04. April 2009

Magisch und sinnverwirrend
Nicht nur Narren tragen Masken, auch der Tod verbarg sein Gesicht hinter einer Larve

Der Karneval mit seinem örtlich begrenzten Maskenspuk ist vor-über. In Darmstadt wird auf der Mathildenhöhe dem Objekt der Verhüllung und Verwandlung allerdings noch gehuldigt. Eine Ausstellung zeigt Masken und ihre Auswirkung auf die Kunst.

Die in Zusammenarbeit mit dem Musée d’Orsay, Paris, und der Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen, groß angelegte Themenausstellung „Masken − Metamorphosen des Gesichts von Rodin bis Picasso“ rückt zum ersten Mal überhaupt die Maske als Gegenstand und Motiv der Kunst in den Mittelpunkt einer Ausstellung. Bedeutende Leihgaben aus ganz Europa – allen voran Meisterwerke von Arnold Böcklin, Jean Carriès, Jean Cocteau, Paul Gauguin, Emil Nolde und Auguste Rodin – dokumentieren gemeinsam mit zahlreichen Neuentdeckungen im historischen Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe die Blütezeit der Maskenkunst zwischen 1860 und 1930 mit historischen Rückblicken bis hin zur Antike.

„Die Maske ist nicht nur seit Menschengedenken ein Faszinosum in Kult und Theater. Sie ist zugleich das Gründungselement moderner Skulptur bei Rodin sowie der Geburtshelfer moderner Malerei bei Picasso“, erläutert Dr. Ralf Beil, Direktor des Instituts Mathildenhöhe. „Mit unserer Schau beleuchten wir nun erstmals dieses ebenso bedeutende wie spannende Kapitel der Kunst- und Kulturgeschichte.“

In nahezu allen Kulturen spielt die Maske eine zentrale Rolle. Als Gegenstand der Kunst wurde sie jedoch noch nicht untersucht. 200 Exponate aus allen Gattungen der Kunst lassen in Darmstadt nun eine Galerie realer Porträts sowie imaginärer Gesichter entstehen und zeigen so die Begeisterung namhafter Künstler für die Maske, von der schon der Dichter Oscar Wilde (1854−1900) meinte, sie verrate mehr als ein Gesicht. „Weil sie enthüllt, indem sie verbirgt, und verbirgt, indem sie sich zeigt, rührt die Maske an die Wurzeln des Menschlichen und des Lebens überhaupt“, so Beil. In der Antike einst ein religiöser Kultgegenstand und auch Theaterrequisit erlebte die Maske im 19. Jahrhundert eine Renaissance. Künstler erkennen in ihr ein eigenständiges Gebiet der Plastik. „Diese Maske hat meine ganze künftige Arbeit bestimmt. Sie ist die erste gute Skulptur, die ich geschaffen habe“, sagte Auguste Rodin (1840− 1917) über seine Plastik „L’homme au nez cassé“ (Mann mit gebrochener Nase). Auch Pablo Picasso (1881−1973) war fasziniert von Masken: „… ich begriff, daß etwas Entscheidendes vor sich ging. Es widerfuhr mir etwas. Die Masken waren nicht Skulpturen wie die anderen auch. Keineswegs. Es waren magische Dinge.“

Der Maske ist auch eine Publikation aus dem Regensburger Verlag Schnell und Steiner gewidmet: „Narren − Masken − Karneval“ beschäftigt sich mit Meisterwerken von Dürer bis Kubin aus der Düsseldorfer Graphiksammlung „Mensch und Tod“. Das Sammlungsmotto zeigt schon, daß es sich hier nicht um Narretei und wildes Treiben dreht, sondern um Sterben, Tod und Totentanz. Die zentrale Figur des Karnevals, der Narr, war wegen der Worte des 53. Psalms, in dem zu lesen ist: „Der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott“, eng mit der Sünde verbunden. Narrheit galt einst als Synonym für Sündhaftigkeit und wurde durch die Verknüpfung von Sünde und Tod zugleich zum Sinnbild der Vergänglichkeit. Die Düsseldorfer Graphiksammlung gilt als die umfassendste und qualitativ hochwertigste zu diesem Thema. 70 ausgewählte Werke, die sich auf den Karneval beziehen, werden in dem Buch vorgestellt und erstmals systematisch unter kunst-, literatur-, medizin- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen untersucht sowie in ihren künstlerischen Ausformungen verfolgt. Darüber hinaus ist es eine länderübergreifende Untersuchung zum Auftreten des Narren in den frühen Totentänzen.

Wie sehr Karneval und Schwermut schließlich zusammengehören, macht ein Blick aus dem Foyer des Kölner Gürzenich, der Hochburg rheinischen Karnevals, deutlich. In direkter Nachbarschaft steht die vom Krieg arg in Mitleidenschaft gezogene Kirche St. Alban. Dort befindet sich seit 50 Jahren ein Mahnmal gegen den Krieg: „Trauernde Eltern“ sind vergrößerte Kopien der Skulpturen, die Käthe Kollwitz 1932 nach dem Soldatentod ihres Sohnes Peter im Jahre 1914 fertigstellte.   S. Osman

Die Masken-Ausstellung auf der Mathildenhöhe Darmstadt ist bis 7. Juni 2009 Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr; Donnerstag bis 21 Uhr zu sehen, Eintritt 8 / 6 Euro; vom 6. August bis 25. Oktober ist die Ausstellung in der Ny Carlsberg Glyptotek Kopenhagen zu sehen.

Stefanie terwerke von Dürer bis Kubin aus deaphiksammlung Mensch und Tod“, Schnell und Steiner, Regensburg 2009, 182 Seiten, zehn Farb- und 75 Schwarzweißabbildungen, gebunden, 34,90 Euro.

Foto: Johann Heinrich Tischbein d. Ä.: Maskenszene mit Kasseler Persönlichkeiten (Öl, 1780—1785)


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