© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-09 vom 04. April 2009

Er organisierte den Bombenterror der RAF
Vor 25 Jahren starb der Oberkommandierende des britischen Bomber Command im Zweiten Weltkrieg, Sir Arthur Harris

Gerade in Deutschland hat man Anlaß, der 25. Wiederkehr des Todestages eines Mannes zu gedenken, durch dessen Handlungen im Zweiten Weltkrieg 570000 Zivilisten (wenn man dem Statistischen Bundesamt trauen kann) ums Leben kamen, von ihnen etwa 77000 Kinder.

Am 5. April 1964 starb Sir Arthur Travor Harris, Bomber-Harris, von seinen Soldaten aber „Butcher“, das heißt Schlachter, genannt. Der Oberkommandierende des Bomber Command der Royal Air Force (RAF) während des Zweiten Weltkrieges war der Überzeugung, Großbritannien könne den Krieg gewinnen, wenn seine viermotorigen Langstreckenbomber die deutschen Städte in Schutt und Asche legen und dabei so viele Zivilisten wie möglich töten würden. So machte er sich ans Werk.

Der vor allem durch seine Bücher über den Luftkrieg bekannt gewordene Autor Jörg Friedrich schreibt, daß Großbritannien „an der Trägerwaffe des Luftkrieges, dem viermotorigen Bomber, vor Ausbruch des Krieges 14 Jahre lang gearbeitet“ habe. Die „beste Konstruktion, die britische Lancaster, brauchte sechs Jahre“ bis zur Serienreife. Ohne solche schweren Bomber wäre es nicht möglich gewesen, mit Bombenteppichen die Wohnviertel des Gegners zu vernichten.

Großbritannien war das einzige Land, das nach dem Ersten Weltkrieg den Schluß gezogen hatte, ein zukünftiger Krieg werde durch die Bomberwaffe entschieden. Weder Frankreich noch das Deutsche Reich oder die Sowjetunion folgten dieser Idee. Für diese Länder war die Luftwaffe lediglich der auf dem Schlachtfeld einzusetzende verlängerte Arm der Artillerie. Daher verfügten sie auch nicht über Maschinen, die große Bombenlasten über weite Entfernungen transportieren konnten, um mit Bombenteppichen Wohnquartiere zu zerstören. Denn das war von Anfang an das Ziel Großbritanniens.

Politisch war Harris nicht verantwortlich für die völkerrechtswidrige Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung. Um noch einmal Friedrich zu zitieren: „Die Luftoffensive gegen Deutschland war Churchills Krieg.“ Aber Harris war sein williger Vollstrecker, und er tat sein Werk mit Überzeugung. Am 14. Februar 1942 erteilte das britische Kriegskabinett unter Premierminister Winston Churchill dem Bomberkommando den Befehl, „als Angriffsziele in Deutschland nicht Fabriken und sonstige militärische Objekte anzugreifen, sondern die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung, besonders der Industriearbeiterschaft“ zum Ziel zu wählen. „Wir wollen ,boches‘ unter den Trümmern ihrer Häuser begraben, ,boches‘ umbringen und ,boches‘ terrorisieren“, zitiert der englische Philosoph Anthony Clifford Grailing Oberbefehlshaber Harris in dem Buch „Die toten Städte“, wobei bemerkenswert für seine Gesinnung ist, daß Harris das aus dem Ersten Weltkrieg stammende Schimpfwort für die Deutschen „Boches“ verwendet. Derartige Zitate des Bomberchefs findet man in Hülle und Fülle; er hat offenkundig die Deutschen aus tiefster Seele gehaßt.

Daß er mit der gegen Zivilisten zielenden Kriegsführung gegen das internationale Kriegsvölkerrecht verstieß, also dezidiert Kriegsverbrechen beging, interessierte weder ihn noch seine Regierung. Dabei hatte das Vereinigte Königreich Ende des 19. Jahrhunderts die entsprechenden internationalen Gesetze in Den Haag unterschrieben, in denen sich die Staaten verpflichten, in einem Krieg die Zivilbevölkerung weitgehend zu schonen. Das war Großbritannien sehr wohl bewußt, klagte man doch in den Nürnberger Prozessen nach Kriegsende die deutsche Führung unter anderem der „mutwilligen Zerstörungen von Städten, Märkten, Dörfern“ an und beschuldigte sie, Verwüstungen angerichtet zu haben, die „nicht durch militärische Notwendigkeit gerechtfertigt waren“ (Artikel 6 des Statuts).

Die angestrebte „großflächige, umfassende und unterschiedslose Zerstörung der Wohnviertel“ sollte den Durchhaltewillen der deutschen Zivilbevölkerung brechen, wie offiziell, zunächst aber nicht öffentlich erklärt wurde. Harris erläuterte, sein Ziel sei es, in den Jahren 1943 und 1944 1,25 Millionen Tonnen Bomben auf Deutschland zu werfen und dadurch, so hoffte er, 900000 Deutsche zu töten und eine Million schwer zu verwunden, 25 Millionen Deutsche sollten obdachlos werden. Solche Ziele bezeichnet der britische Historiker John Terrain als „Rezept für Massaker“. Damit sei offiziell die klassische Auffassung, daß ein Krieg zwischen Kombattanten (Soldaten) geführt werde, aufgegeben worden. Arthur Harris erläuterte dem Luftfahrtministerium gegenüber im Oktober 1943: „Das Ziel der Combined Bomber Offensive … ist die Zerstörung deutscher Städte, die Tötung deutscher Arbeiter und die Zerschlagung des zivilisierten sozialen Lebens in ganz Deutschland.“

So fiel eine deutsche Stadt nach der anderen in Trümmer. Dabei träumte Bomber-Harris davon, über 30000 Bomber zu verfügen, um Deutschland total zu vernichten und den Krieg siegreich für die Alliierten zu beenden.

Waren zunächst Städte in West-, Nord- und Süddeutschland die Ziele der britischen Bomber, rück­ten mit dem Einsatz der schweren Langstreckenbomber immer häufiger auch mittel- und ostdeutsche Städte ins Visier. Im August 1944 griff die Royal Air Force in mehreren Nächten Königsberg an. In der ersten Nacht starben rund 1000 Menschen, in der übernächsten Nacht vom 29. auf den 30. August waren es 2400. Die gesamte Innenstadt wurde vernichtet. Alte historischen Erinnerungsstätten verbrannten: das Schloß, der Dom, die Alte und die Neue Universität, das Speicherviertel, die Altstadt, der Kneiphof sowie Löbenich. Im Februar 1945 war dann Dresden das Opfer.

Im April 1945 klagte Harris, es sei für ihn außerordentlich schwierig, in Deutschland noch geeignete Ziele zu finden. Aber er war dann doch erfolgreich. Um „der deutschen Bevölkerung das Gefühl völliger Hilflosigkeit zu vermitteln“, was sich nach dem nahe bevorstehenden Ende des Krieges „für die Sieger positiv auswirken würde“, so die Begründung der US-amerikanischen Psychologischen Kriegführung, griffen britische und US-amerikanische Bomberverbände von den Alliierten noch nicht besetzte Städte an. Besonders erfolgreich waren sie in Pforzheim; die Innenstadt bot wegen ihrer engen Bebauung „einen prima Feueranzünder“, um mit Harris’ Worten zu sprechen. Von den 65000 Einwohnern wurden am 23. Februar 1945 etwa 20000 getötet. Weitere Ziele waren in den letzten Kriegstagen Worms, Mainz, Würzburg, Hildesheim, Potsdam, Chemnitz, Halberstadt, Plauen, Zerbst, Pirna, Brandenburg und Nordhausen. Am 3. März 1945 bombardierten britische Flugzeuge den Hafen von Saßnitz, der von zahlreichen Flüchtlingsschiffen angefahren wurde.

Nach dem Kriege stellte der britische Historiker John Terrain fest: „Die Moral der deutschen Zivilbevölkerung und Armee blieb in einem nicht vorstellbaren Maße unerschütterlich.“ Harris’ Kalkulation war nicht aufgegangen.

Nach dem Krieg wurde er, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung nach den übrigen Generälen, in den Adelsstand erhoben. Am 30. Mai 1992 weihte die englische Königin-Mutter, welche die Deutschen stets nur mit dem Schimpfnamen „die Hunnen“ (the huns) bezeichnete, in London vor der Kirche St. Clement, der Traditionskirche der Royal Air Force, ein Denkmal für Harris ein. Zur selben Zeit legten in Hamburg die Bürgerschaftspräsidentin Elisabeth Kiausch (SPD) am Massengrab von etwa 30000 Opfern des „Unternehmens Gomorrha“ und in Dresden Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU) vor der Frauenkirche Kränze nieder.

Während in Großbritannien zunehmend zumindest Intellektuelle von Harris und seiner Art der Kriegführung abrücken, genießt er in Deutschland hohes Ansehen bei den Linksextremen. Vorzugsweise an Jahrestagen von britischen Großangriffen pflegen sie unter den Rufen „Bomber-Harris – do it again“ und „Deutschland verrecke“ durch die Straßen zu ziehen.  Hans-Joachim von Leesen

Foto: Bomber-Harris: Sein Land ehrte ihn (kleines Foto) mit der Erhebung in den Adelsstand und einem Denkmal.


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