© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-09 vom 04. April 2009

Plötzlich blieb die Zeitung aus
Die Wirtschaftskrise hat die Medien in Ostpreußen erreicht – Anzeigengeschäft weggebrochen

Die Königsberger Presse steckt wegen der Wirtschaftskrise in ernsthaften Schwierigkeiten. Wenn diese nicht bald überwunden werden, könnte dies die Zeitungslandschaft der Region nachhaltig umkrempeln.

Die Schwierigkeiten treten vor aller Augen zutage. War die Lage Ende letzten Jahres noch stabil, so bekamen Anfang Januar sowohl Fernseh- und Radiosender als auch Zeitungsverlage die Krise zu spüren. Bis zu Beginn des Jahres hatten Werbeverträge noch ihre Gültigkeit, die schon einige Monate zuvor abgeschlossen worden waren und für die die Auftraggeber schon bezahlt hatten. Doch zu Beginn des neuen Jahres entschieden sich viele Auftraggeber, an der Werbung zu sparen. In der Folge verloren die Zeitungen ihre Haupteinnahmequelle. Die Lage verschlimmerte sich noch, weil viele Verleger Schulden hatten.

So kam es – für viele völlig unerwartet – daß zum ersten Mal seit dem 9. Dezember 1946 die Sonnabendausgabe der ersten Nachkriegszeitung der Region, der „Kaliningradskaja Prawda“, nicht erschienen ist. Wie sich die Älteren noch erinnern können, gab es so etwas seitdem noch nie. Selbst in den Tagen des Ausnahmezustands im August 1991 erschien die Zeitung ohne Unterbrechung, obwohl die Auflage anschließend beschlagnahmt worden war.

Am Sonnabend, dem 7. Januar, fanden die Leser der Tageszeitung „Kaliningradskaja Prawda“ nirgends eine neue Ausgabe im Verkauf. In der Stadt verbreitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht, die Journalisten hätten gestreikt, um gegen die Antikrisenmaßnahmen ihrer Verlagsleitung zu protestieren.

Sofort verbreiteten sich widersprüchliche Informationen über die wirklichen Gründe. Anfang der Woche fand eine Mitarbeiterversammlung der „Kaliningradskaja Prawda“ statt, auf der erklärt wurde, daß das Nichterscheinen ausschließlich mit technischen Problemen zu tun gehabt habe. Tatsächlich ist die Stimmung unter den Mitarbeitern der „Kaliningradskaja Prawda“ zur Zeit ausgeglichen. Bislang gab es noch keine Entlassungen oder Gehaltskürzungen.

Doch gibt es auch Gerüchte über völlig andere Gründe für den Ausfall der Ausgabe. Die Mitarbeiter der Zeitung sollen unzufrieden sein darüber, daß die „Kaliningradskaja Prawda“ an die russische Medien-Holding „Westliche Presse“ verkauft werden soll, in der auch die „Komsomolskaja Prawda in Kaliningrad“ aufgehen wird. Ausgangspunkt ist ein Streit zwischen der Medien-Holding und der „Kaliningradskaja Prawda“ über die Verteilung von Geldern der Gebietsregierung. Den Zuschlag für das Recht auf die Veröffentlichung amtlicher Bekanntmachungen, für die es Geld aus dem Gebietshaushalt gibt, erhielt die „Komsomolskaja Prawda“. Nachdem die „Kaliningradskaja Prawda“ um diese Einnahmequelle gebracht war, habe Walerij Atamanow, einer der Hauptaktionäre der Zeitung, entschieden, diese an die Medien-Holding „Westliche Presse“ zu verkaufen.

Mit der finanziellen Lage der Medien-Holding steht es derzeit allerdings auch nicht zum besten, weil die Holding vor über einem Jahr hohe Kredite für den Kauf neuer drucktechnischer Ausrüstung aufgenommen hatte. Gerüchten zufolge ist der Axel-Springer-Konzern daran interessiert, die „Westliche Presse“ zu übernehmen. Springer gibt in Rußland bereits das „Forbes-Magazine“ heraus. Zur Zeit betätigt der Konzern sich in großem Umfang in Polen, wo er bereits viele Ortszeitungen und Journale aufgekauft hat. In der Russischen Föderation interessiert Springer vor allem das Königsberger Gebiet.

Zur Zeit sind in der Medienholding „Westliche Presse“ 26 Printmedien und Firmen vereinigt. Außerdem betreibt die Holding ein Netz von Kiosken zum Vertrieb der Druckproduktion (ungefähr 60 verschiedene Objekte) sowie 300 Verkaufsstellen, an denen ihre Druckerzeugnisse verkauft werden. Die durchschnittliche monatliche Gesamtauflage beträgt zirka 2,5 Millionen Exemplare.

In sowjetischer Zeit hatte die „Kaliningradskaja Prawda“ eine Auflage von über 150000 Exemplaren am Tag. Bis dahin war sie die einzige Zeitung in der Region mit Vollredaktion. Heute beträgt die Auflage nur noch knapp über 15000. Insgesamt gab es zur Sowjetzeit nur drei Zeitungen im ganzen Gebiet, während heute über 500 Zeitungen, Journale und andere Medien registriert sind. Dabei ist die Einwohnerzahl des Königsberger Gebiets geringer als beispielsweise die der Stadt Hamburg.

Die Sonnabendausgabe erschien schließlich mit Verspätung doch noch, hauptsächlich deshalb, weil die Abonnenten ständig in der Redaktion anriefen, um nachzufragen, warum sie ihre Zeitung nicht erhalten hatten. Sie hoffen, daß „ihre Zeitung“ die Krise überstehen wird.   Jurij Tschernyschew

Foto: Von 1946 bis 6. Januar 2009 ununterbrochen erschienen: Die „Kaliningradskaja Prawda“


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