© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-09 vom 04. April 2009

Aufbruchstimmung in Oberschlesien
SKGD mit verjüngter Führung – Viele kleine Schulen sollen den Erhalt der deutschen Sprache sichern

Nach wie vor leben rund 300000 Deutsche und Deutschstämmige in Oberschlesien. Die Lage dieser Volksgruppe ist weiterhin prekär, doch es gibt auch Fortschritte. Seit kurzem gibt es die ersten offiziellen zweisprachigen Ortsschilder und Wegweiser, und zuletzt ist auch bildungspolitisch manches in Bewegung gekommen.

Schon seit Mitte 2008 ist unter den dortigen Deutschen eine Aufbruchstimmung und kulturpolitische Zuversicht zu spüren. Auslöser war die im April 2008 erfolgte Wahl von Norbert Rasch zum neuen Vorsitzenden der Bezirksversammlung der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen (SKGD) im Oppelner Schlesien. Dieser Erfolg des erst 37jährigen studierten Germanisten unterstrich den Willen einer kleinen, aber tatkräftigen Gruppe überwiegend jüngerer Delegierter, die Minderheit durch verstärkte deutschsprachige Bildungs- und Vereinsarbeit vor der schleichenden Assimilation (und damit letztlich dem Untergang) zu bewahren. Auch Martin Lippa, der ebenfalls noch junge SKGD-Vorsitzende im Bezirk Schlesien, äußerte sich wiederholt in dieser Richtung.

Seither sind eine Reihe symbolträchtiger minderheitenpolitischer Erfolge zu verzeichnen, allen voran die Errichtung etlicher zweisprachiger Ortsschilder in Oberschlesien. Der SKGD-Vorstand in Oppeln entwickelte ein neues Bildungskonzept, das vorsieht, mit vielen kleinen Schritten – angefangen bei den Kindergärten – den dauerhaften Erhalt beziehungsweise Ausbau des Deutschen als „Sprache des Herzens“ zu gewährleisten.

Doch die polnische Seite zeigt sich noch immer unwillig, bei der Schaffung entsprechender Strukturen fördernd mitzuwirken, obwohl entsprechende rechtliche Möglichkeiten bestehen und man über reichlich Erfahrungen bei der Einrichtung von eigenen „Minderheitenschulen“ etwa in Litauen verfügt. Dort stehen der polnischen Volksgruppe mit rund 250000 Personen und etwa 20000 polnischen Schülern immerhin 150 Schulen mit Polnisch als Unterrichtssprache zur Verfügung. Von einem solchen Angebot kann die zahlenmäßig eher stärkere deutsche Volksgruppe in (Ober-)Schlesien bisher nur träumen. Leider ist auch das bundesdeutsche Auswärtige Amt zu einer aktiven diplomatischen Unterstützung dieses Anliegens bislang nicht bereit, obwohl sowohl internationale Verträge als auch polnische Gesetze und der Geist der europäischen Zusammenarbeit für mehr zweisprachige Schulen sprechen.

Andererseits mehren sich einflußreiche Stimmen wie die des bundesdeutschen Minderheiten- und Aussiedlerbeauftragten Christoph Bergner oder des Oppelner Erzbischofs Alfons Nossol, die in genauer Kenntnis der Situation zum Handeln drängen. Sie wissen, daß der deutschen Volksgruppe in Oberschlesien womöglich nur noch einige wenige Jahre bleiben, in denen entweder deutliche Fortschritte erzielt werden oder die Zukunft dieser Gemeinschaft endgültig pessimistisch gesehen werden muß.

Das Sein oder Nichtsein der deutschen Oberschlesier wird sich auf längere Zeit gesehen an der Frage entscheiden, inwieweit es gelingt, flächendeckend durchgehend zweisprachige Schulen einzurichten. Noch gibt es in ganz Oberschlesien keine einzige Schule mit Deutsch als Unterrichtssprache. Da das Angebot an sogenanntem muttersprachlichen Deutschunterricht nur wenige Wochenstunden umfaßt, reicht es bei weitem nicht aus, um solche Schulen zu ersetzen. Doch Veränderungen kündigen sich an, sei es durch erste konkrete Vorhaben der neuen SKGD-Führungen oder der geplanten Gründung von privaten Schulen mit muttersprachlichem Unterricht. Ganz ohne politische und finanzielle Unterstützung aus der Bundesrepublik Deutschland wird diese Herausforderung allerdings nicht zu meistern sein. Natürlich stehen dabei auch der Bund der Vertriebenen und die beiden schlesischen Landsmannschaften in der Pflicht (siehe die Entschließung links), aber eben nicht nur sie. Martin Schmidt


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