© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-09 vom 04. April 2009

Ein Friedensengel
Manchmal schlauer als die Großen – Kinder

Herrlichster Sommer, der Himmel eine zartblaue Fläche mit leuchtend weißen, langsam dahinschwimmenden Wattetupfen, ein Wetter, um die Eltern zu treffen. So dachte mein Sohn wohl und packte seine kleine Familie ins Auto, um uns mit einem Besuch zu beglücken.

Eine Stunde später saßen wir denn auch alle zusammen in unserem grünen Reich, tranken nachträglich den Geburtstagssekt aus und unterhielten uns. Nikolai, der Neunjährige, schaukelte selbstvergessen bis in den Himmel, bekam aber alles mit, was wir redeten, leider auch unseren Streit, den Wortwechsel zwischen Mutter und Sohn. Wie immer ging es um Kleinigkeiten, aber die Worte, die hin- und herflogen wie harte Tennisbälle wurden immer heftiger.

Tja, unser Sohn kann manchmal sehr lieb sein, aber er hat auch das Zeug, einem seine Meinung um die Ohren zu hauen. Dieses Mal war ich der Gegenstand seines – sagen wir abmildernd – Unmuts. Auch ich geriet in Zorn und schleuderte ihm einige ,Wahrheiten’ um die Ohren. Schließlich wurde es mir zuviel. Ich sprang auf und ging ins Haus, setzte mich an meinen Computer und hämmerte irgendwelchen Unsinn auf die Tasten.

Niko, der Enkel kam mir sogleich nach. Kinder können Erwachsenenstreit nicht vertragen; das ging mir damals schon als Mädchen so. Traurig sah er mich an. „Oma, warum zankt ihr euch?“

Ich nahm ihn kurz in den Arm. „Du hast Recht, Kleiner, wir Großen sind manchmal ziemlich dumm. Ich komme jetzt wieder in den Garten!“

„Ehrlich?“ Er stob davon.

Nach ein paar Minuten überwand ich mich und setzte mich wieder zu meiner Familie. Und da wir Menschen unbelehrbar sind, begann unser Streit erneut. Ein Wort gab das andere. Mir standen schon die Tränen gefährlich hoch im Hals.

Da stellte sich der Kleine – die Hände in die Seiten gestützt – mit drohendem Blick zwischen uns auf, blitzte seinen Vater an und forderte: „Papa, jetzt entschuldigst du dich bei der Oma, und dann ist’s gut, okay!“

Unser Sohn stutzte. Sich entschuldigen? Auch noch bei der Mutter? Die konnte doch was vertragen! Die war doch immer schnell wieder gut. Also sowas aber auch! Für mich standen seine Gedanken auf der Stirn geschrieben.

Ich sah in die entsetzten Augen meines Enkels, sprang auf und sagte: „Nun, wenn dein Papa das nicht macht, mache ich es eben!“

Da stand auch er auf, der große Junge, wir gingen aufeinander zu, umarmten und küssten uns. Ich umhalste dann noch den kleinen Strops mit dem vorwurfsvollen Blick. „Siehst du, Schatz, nun vertragen wir uns wieder. Alles ist gut!“

Er atmete auf, nickte und ging wieder zur Schaukel. Beim Hin- und Herschwingen sang er vor sich hin, und ich dachte: Wenn doch auch bei uns Erwachsenen alles so schnell wieder gut wäre!

Aber liegt es nicht doch meist bei uns selbst, in Frieden mit den anderen zu leben?

Neulich las ich einen wunderbaren Spruch; er stammt vom alten Adenauer und lautet: „Nimm die Menschen wie sie sind; es gibt keine anderen!“

Beim Abschied bekam ich einen dicken Kuß von meinem kleinen Enkel, und auch einen von meinem Sohn. Na bitte, geht doch.   G. Lins


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