© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-09 vom 04. April 2009

Das Leid der Mütter
Arbeiten von Ulrich Fox und Gisela Fox-Düvell erinnern an Flucht und Vertreibung

Eine Ausstellung im Ostpreußischen Landesmuseum mit Gemälden und Collagen von Gisela Fox-Düvell sowie Holz-skulpturen, Handzeichnungen und Farbholzschnitte von Ulrich Fox widmet sich dem Leid der Mütter dieser Welt, die vor Krieg und Zerstörung fliehen müssen.

In den Kriegen der Welt erleben wir immer wieder neues Leid durch Tod, Flucht und Verfolgung. Lebenswelten werden zerstört, Grundrechte der Menschen werden mit Füßen getreten. In allen Fällen sind die schwächsten, schutzbedürftigsten Mitglieder der Gemeinschaft am schlimmsten betroffen. Um für diese himmelschreienden Probleme einen Ausdruck zu finden, schuf das Künstlerehepaar Gisela Fox-Düvell und Ulrich Fox Gemälde, Skulpturen und Grafiken, die zu einer Ausstellung unter dem Titel „Wohin“ zusammengefaßt wurden. Dieses Wort, zugleich Frage und Aufschrei, faßt alles Leid, alle Anklage aufrüttelnd zusammen. Der Untertitel zeigt die Parteinahme der Künstler in der Widmung „Hommage an Flüchtlingsmütter“.

Ausgangspunkt für die Arbeiten von Ulrich Fox waren die Fluchtberichte von zwei Müttern, ein Tagebuch und eine Erinnerungsschrift. Die Frauen hatten mit ihren Kindern im Winter 1945 in Ostpreußen die Flucht antreten müssen. Der Künstler, 1944 im ermländischen Mehlsack geboren, war  damals selbst von dem Geschehen betroffen. Durch die Schilderungen wurden viele persönlichen Nöte und das Erlittene nachempfindbar.

In Handzeichnungen, deren Kompositionen später in Farbholzschnitten weitere Ausgestaltung fanden, hielt der Ostpreuße die Emotionen fest. In kräftigen Holzskulpturen, seinem ureigensten Ausdrucksmittel, fand Ulrich Fox weitere Formen für die Flüchtenden.

Die Skulpturen und Reliefs sprechen für sich, sie tragen Ortsnamen der Fluchtroute aus Ostpreußen nach Schleswig-Holstein: Braunsberg, Mehlsack, über Danzig, Zoppot bis Bad Oldesloe und Flensburg.

Eine große Pietà als eine der zentralen Gestaltungen der Ausstellung gibt den allbekannten Ausdruck für menschliches Leid, das in seiner Größe an göttliche Dimensionen heranreichen mag.

Die ungegenständlichen Gemälde und Collagen von Gisela Fox-Düvell führen in starken Farbkontrasten und sparsamen Formen die Eindrücke weiter. Da kann sich der Betrachter schon an Fensterhöhlen erinnert fühlen, hinter denen Feuer lodert, an kahle Mauerbögen, die aus Ruinenlandschaften ragen. Doch Trümmer und Zerstörung machen eben gestaltlos. Und so passen die vielen, oft sehr fremd, manchmal leider aus den Nachrichten traurig vertraut klingenden Ortsnamen sehr gut dazu. Es sind Orte weltweit, in denen bis heute Flucht, Vertreibung und Zerstörung immer wieder stattfinden. Die Künstlerin arbeitet dazu stets mit dunklem Grund und erreicht in den Farbkompositionen Ausdrücke von stumpfem Leiden, Assoziationen von Blutlache bis zu grellem Schmerz- und (An)Klageschrei.

Auf einer Stellwand finden sich in 100 kleinen Collagen und Zeitungsausrissen über Flucht und Elend gesammelte Berichte, wie eine individuelle Chronik des weltweiten Flüchtlingsleids.

Da diese Erfahrungen immer ganz persönlich sind, ist mit der stark abstrahierenden Gestaltung in der Ausstellung eine offene Form gewählt, zu der jeder Betrachter Zugang haben kann, ganz gleich, ob er selbst einmal vom Leid der Flucht betroffen war oder das Glück hat, ein ruhiges Leben in gesicherten Bahnen führen zu können. Dennoch ist es wichtig, daß mit der Begleitbroschüre Ausschnitte der beiden ostpreußischen Fluchtberichte vorliegen. Ergänzt werden sie durch Abbildungen einiger Handzeichnungen von Ulrich Fox. Hier wird noch einmal der

Rückbezug in die deutsche und europäische Geschichte des kriegerischen 20. Jahrhunderts deutlich.    Jörn Barfod

Die Ausstellung „Wohin. Hommage an Flüchtlingsmütter“ im Ostpreußischen Landesmuseum, Ritterstraße 10, Lüneburg ist bis 3. Mai dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen, Eintritt 3 / 2 Euro.

Foto: Flucht und Vertreibung thematisiert: Blick in die Ausstellung im Ostpreußischen Landesmuseum


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