© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-09 vom 04. April 2009

Von Schuld gezeichnet
Kempowski-Biographie

„Die Biographie ist ein literarischer Tribut, den ein kleiner Mann einem großen zollt.“ So lautet ein Bonmot des US-Journalisten und Schriftstellers Ambrose Bierce. Ganz so klein und unbedeutend ist der Autor der Biographie „Da mal nachhaken: Näheres über Walter Kempowski“ nicht. Gerhard Henschel, Jahrgang 1962, war Redakteur des Satire-Magazins „Titanic“ und wurde der Öffentlichkeit bekannt durch seine Polemiken gegen die „Bild“-Zeitung und ihren Chefredakteur. Sein neuestes Werk widmet er einem der großen deutschen Autoren der Gegenwart, der im Literaturbetrieb lange Zeit als Außenseiter galt. Die Rede ist von Walter Kempowski, mit dem Henschel persönlich befreundet war und der in wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden wäre.

Zu Lebzeiten wagte sich schon einmal Kempowskis jahrelanger Mitarbeiter Dirk Hempel an die bewegte Vita des gebürtigen Rostockers („Walter Kempowski – Eine bürgerliche Biographie“, btb 2004). Henschel nennt Hempels Biographie eine „Pionierleistung“ und einen „soliden Leitfaden“ und hält es für überflüssig, „all das mit anderen Worten zu wiederholen“. Stattdessen lädt er den Leser auf eine Entdeckungsreise durch Kempowskis Privatarchive ein und läßt ihn an Gesprächen mit Zeitzeugen, persönlichen Erinnerungen und Lektüreerlebnissen teilhaben. So entsteht ein facettenreiches Porträt, in dem wir Kempowski bald als einfallsreichen Überlebenskünstler in Bautzen, bald als passionierten Dorfschullehrer, bald als eigenbrötlerischen Workaholic, bald als polarisierenden Humoristen jenseits linker und rechter Schemen, bald als gastfreundlichen Hausherren in seinem Haus Kreienhoop im niedersächsischen Nartum kennenlernen.

Tiefe Einblicke in das Seelenleben des Schriftstellers gewährt das Kapitel „Schuld“. 1948 verurteilte ein sowjetisches Militärgericht Kempowski und seinen Bruder wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager. Sie wollten Frachtpapiere aus der väterlichen Reederei an die Amerikaner weiterleiten, aus denen der Abtransport größerer Mengen an Demontagegütern aus Deutschland nach Rußland hervorging. Unter Folter bestätigte der 19jährige Walter die Mitwisserschaft seiner Mutter Margarethe, die daraufhin zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Die Denunziation seiner Mutter belastete Kempowski ein Leben lang.

Die Gefängniserlebnisse verarbeitete er nach seiner vorzeitigen Entlassung im Jahre 1957 in dem Buch „Im Block“, das sich nach eigener Aussage allerdings nicht mehr als 1000mal verkaufte. Erst mit dem Roman „Tadellöser & Wolff“, in dem Kempowski seine Jugend während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs beschreibt, schaffte er Anfang der 70er Jahre den literarischen Durchbruch. Internationale Anerkennung erlangte seine in den 80er Jahren begonnene Mammutcollage „Echolot“, in welcher der Autor Tagebuchaufzeichnungen, Fluchtberichte, Briefe und Fotos aus den Kriegsjahren 1943 bis 1945 sammelte. Sein letztes großes Buch „Alles umsonst“, das 2006 erschien, handelt von der dramatischen Flucht aus Ostpreußen im Kriegswinter 1945.

Allen denjenigen, die hinter die Kulissen einer bürgerlichen Biographie schauen und das Werk eines Ausnahmetalents neu entdecken wollen, sei Henschels Buch wärmstens empfohlen. S. E. Gerber

Gerhard Henschel: „Da mal nachhaken: Näheres über Walter Kempowski“, dtv München 2009, broschiert, 237 Seiten, 14,90 Euro


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