© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Ukraine würdigt die Opfer
In zwei Jahren 400 Denkmäler stalinistischer Verbrecher beseitigt

Das Ukrainische hat die Sprachen der Welt um den Begriff „Golodomor“ bereichert: Völkermord durch inszenierte Hungerkatastrophen und blutigen Terror, wie Stalin 1932/33 und später mit der Ukraine verfuhr. Schätzungen besagen, daß der Golodomor mindestens 2,2, eventuell auch fünf Millionen Ukrainer das Leben kostete. Bislang wurden in der Ukraine 18 Felder mit Massengräbern entdeckt, jedes mit bis zu 150000 Toten. Seit 2007 ist in der Ukraine der dritte Sonntag im Mai Gedenktag für die Terroropfer, und vor wenigen Tagen ordnete Präsident Juschtschenko an, das Land von Denkmälern und allen Spuren der einstigen sowjetischen Unterdrücker zu säubern.

Juschtschenko verkündete seinen Entschluß bei der Gedenkfeier auf dem größten Gräberfeld, in Bykivnja am Stadtrand von Kiew. Von 1937 bis 1940 wurden hier allnächtlich bis zu 150 Menschen umgebracht und verscharrt. Im Zweiten Weltkrieg war Kiew von deutschen Truppen besetzt, die die Toten von Bykivnja bald entdeck-ten. Damalige deutsche Presseberichte wurden Jahrzehnte später Ausgangspunkte ukrainischer Aufarbeitung eigener Leidensgeschichte. Nach dem Krieg bebauten die Behörden die ukrainischen Gräberfelder mit Kaufhäusern, „Kulturpalästen“, Straßen etc., aber das Geschehene ließ sich nicht verbergen. Ab 1971 arbeiteten nacheinander drei Untersuchungskommissionen in Bykivnja, die zum erwünschten Schluß kamen: Die Mörder waren die „faschistischen Besatzer“, also Deutsche. So besagte es ab Frühjahr 1988 eine Gedenktafel.

Ab April 1989 nahm die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft Exhumierungen vor, worauf bald unzweifelhaft war: Die ungezählten Toten waren Stalin-Opfer aus den 1930er Jahren. Premier Viktor Juschtschenko, seit 2004 ukrainischer Präsident, ließ im Mai 2001 das Nationale Mahnmal „Gräber von Bykivnja“ einrichten. Einen Monat später wurde es von Papst Johannes Paul II. besucht, der der hier ermordeten Polen gedachte. In der Kiewer „Lipsker Straße“ Nr. 12, einst das Hauptquartier von Stalins Mördern, residiert heute das „Institut des nationalen Gedenkens“, das in Kontakt mit ausländischen Organisationen, darunter deutschen, akribische Arbeit leistet. Allein für Bykivnja hat es erneut 14 191 Opfernamen verifiziert, womit sich die Zahl der identifizierten Toten auf knapp 30000 erhöhte. Wichtiger noch ist, daß ihre Mörder verbannt werden, wie der Präsident ankündigte: „Die Ukraine muß sich restlos von den Symbolen eines Regimes befreien, das Millionen unschuldige Menschen vernichtete. 2007/08 wurden in der Ukraine über 400 Denkmäler kommunistischer Funktionäre – Organisatoren des Golodomor und der politischen Morde 1937 bis 1941 − demontiert und über 3000 geographische Namen geändert, die an sie erinnerten. Und diese Arbeit wird bis zum Ende fortgesetzt.“

Was sagt Rußland dazu? Es wirft Juschtschenko Geschichtsklitterung vor und wäscht sogar Verbrecher wie Stalin rein, den es als Symbol einstiger Größe und historischer „Siege“ rehabilitiert. Außer kopfschüttelndem Entsetzen bei Nachbarn kann es damit nichts erreichen. Wolf Oschlies


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