© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Famienfreunde,

es gibt Themen, die sprechen unsere Leser und Leserinnen besonders an, das merkt man nicht nur an der Zahl der Zuschriften, sondern auch an der Eindrück­lichkeit, mit der sie aufgenommen und behandelt werden. Oft wird seitenlang zu der – manchmal nur mit wenigen Worten in den Raum gestellten – Frage Stellung genommen und eigenes Erleben mit eingebracht. Und gerade das macht viele Antworten so wertvoll, selbst wenn sie zur Lösung der Frage nicht direkt beitragen. Sie machen die Vergangenheit transparent wie die Zuschrift einer unserer treuesten Mithelferinnen, Frau Ilse Bannick aus Husum, beweist. Sie bezieht sich auf die Suche nach den Schwestern Charlotte und Hertha Bajohr aus Korschen, die wir in Folge 20 veröffentlichten. Vom Kirchlichen Suchdienst wurde den Angehörigen mitgeteilt, daß Ende 1947 die damals 21jährige Hertha Bajohr von Schleswig-Holstein nach Rußland verzogen sei, was die Familie nicht glauben wollte. Daß dies durchaus möglich war, kann Ilse Bannick geborene Doebler am eigenen Beispiel beweisen. Die in 1926 in Heselicht, Kreis Osterode geborene, in Groß Gnie, Kreis Gerdauen, wohnende Ilse Doebler kam im Juli 1944 als Arbeitsmaid in das Reichsarbeitsdienstlager Mühlengarten, Kreis Ebenrode, floh dann vor den Russen nach Austinshof, wo sie zur Luftwaffe eingezogen und im Kampf um Berlin als Flakhelferin eingesetzt wurde. Nach der Kapitulation kam dann der Russenbefehl, daß sie in ihren Heimatort Groß Gnie zurück müsse. Sie erhielt eine vom Bezirksbürgermeister des Verwaltungsbezirks Mitte der Reichshauptstadt Berlin am 5. Juni 1945 (!) ausgestellte Bescheinigung, sie ungehindert reisen zu lassen. Dieser „Passagierschein“ in deutsch wurde in russisch von der Kommandantur in Lauenburg/Pommern beglaubigt. So kehrte die 21jährige nach Groß Gnie zurück, wo sie ihre Mutter in einem Vorwerk fand, vor dem die Russen mit aufgesetztem Bajonett standen. Mit Stacheldraht umwickelt waren dann auch die Viehwaggons, mit denen Mutter und Tochter nach viereinhalb bösen Jahren von den Russen aus Litauen und Ostpreußen gen Westen abtransportiert wurden. Schon allein diese kurze Schilderung von Frau Bannick beweist, daß also Ostpreußen in ihre Heimat zurückkehren mußten. Aber sie besitzt auch einen untrüglichen Beleg: den erwähnten Passierschein, gerettet durch alle bösen und besseren Zeiten. Zwar vergilbt und zerfetzt, aber deutlich lesbar ist die darin enthaltene Begründung der Rückkehr: „Auf Grund der Anordnung, daß alle Personen an den für sie (am) 31.8.1939 zuständigen Wohnsitz zurückkehren müssen, befindet sich … auf dem Wege nach …“ Es hat also diese Anordnung gegeben, was die angezweifelte Auskunft des Kirchlichen Suchdienstes glaubhaft macht. Ich danke Frau Bannick sehr für diese Belege, zu denen übrigens auch die noch ebenfalls aufbewahrte Fahrkarte von Klein Gnie nach Ebenrode gehört, als sie zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen wurde.

Immer ist der ehemalige Rundfunkredakteur Manfred Böttcher aus Bremen ein hervorragender Informant, er hat schon zur Klärung vieler Fragen beigetragen, und so nimmt er sich jetzt des Themas „Heiligenbeiler Kessel“ an, das durch die Frage von Horst Doerfer nach dem Schick­­sal seines vermißten Vaters Kurt Doerfer in Folge 21 erneut aufgeworfen wurde. Und das wird nicht nur den Fragesteller, sondern auch viele Leserinnen und Leser interessieren, denn es sollen in der Endphase des Kampfes um unsere Heimat 800000 Menschen über Heiligenbeil geflohen sein. Manfred Böttcher, der aus Groß Bahnau, Kreis Heiligenbeil stammt, schreibt dazu: „Heiligenbeil war fast das einzige Nadelöhr, das zur Flucht blieb. Die Kreisstadt war völlig überfüllt mit vielen Tausenden von Flüchtlingen und somit auch mit zahlreichen kranken Zivilisten und verwundeten Soldaten. Das Kreiskrankenhaus war ständig überbelegt. Um Platz für nachrückende schwerkranke Patienten zu schaffen, ließ sein Leiter Dr. Kurt Riedel transportfähige Kranke nach und nach über den Heiligenbeiler Hafen und das Frische Haff nach Pillau verlegen, von wo sie dann nach Westen transportiert werden konnten. Als selbst das Heiligenbeiler Krankenhaus von Granaten- und Fliegerbeschuß betroffen war, räumte Dr. Riedel das Hospital und verlegte es nach Fischhausen. Er war schon zuvor vom Regierungspräsidenten beauftragt worden, sich um die ärztliche Versorgung im Samland zu kümmern. Noch bevor Fischhausen am 16. April in Schutt und Asche versank, verlegte Dr. Riedel die Reste des Heiligenbeiler Krankenhauses nach Palmnicken, wo es ein altes Bergwerkskrankenhaus gab. Nach eineinhalb Jahren Arbeit mußte Dr. Riedel nach Cranz umsiedeln, wo er auch wieder ein kleines Krankenhaus einrichtete. Dort verstarb der verdiente Arzt Anfang 1948. Seine Frau Susanne, die in jenem Jahr mit der Belegschaft nach Westen ausreisen konnte, verstarb 1990 im Alter von 100 Jahren.“

Und wie ging es in Heiligenbeil weiter? Mit dem Näherrücken der Front war nach dort ein größeres Feldlazarett verlegt worden, das über die ganze Stadt verteilt in Schulen, Kirchen, in Kaserne, Amtsgericht und Häusern von Privatunternehmen eingerichtet wurde. Darunter muß auch das „Krankenhaus Schröder“ gewesen sein, in dem sich Ende Februar der schwer herzkranke, an Erfrierungen leidende Kurt Doerfer befand. Die Wehrmacht schickte Truppen von Leichtverwundeten zu Fuß nach Rosenberg und damit weiter nach Pillau. In den letzten Kriegstagen wurden erkrankte Flüchtlinge von Wehrmachtsärzten betreut, die auch abtransportiert wurden, ehe Heiligenbeil am 25. März 1945 fiel. Ob der vermißte Kurt Doerfer über Rosenberg nach Pillau gebracht wurde, ob er in Heiligenbeil oder anderswo umgekommen ist, dürfte sich wohl nicht mehr feststellen lassen. Daß den Sohn die quälende Ungewißheit über das Schicksal seines Vaters nicht losläßt, kann Herr Böttcher sehr gut nachvollziehen, da er jahrelang erfolglos nach seinem seit Mitte April 1945 in Pillau beim Volkssturm vermißten Vater geforscht hat, selbst in Königsberger Archiven. Und die Zahl der Zeitzeugen, die das Inferno überlebt haben, ist im Laufe der Jahrzehnte immer geringer geworden, leider. Ich möchte jedenfalls Herrn Manfred Böttcher sehr für seinen informativen Kurzbericht über den „Heiligenbeiler Kessel“ danken.

Manchmal genügt ein kurzer Blick in unsere Kolumne und plötzlich denkt man: Da war doch noch was! Und da war auch was, als unser Leser Gerhard H. Lompa aus Braunschweig in Folge 8 die Suchfrage nach der Königsbergerin Steffi Hörning fand, deren Vater Musiker gewesen war. An die genannten Personen konnte sich Herr Lompa zwar nicht erinnern, aber ihm fiel ein, daß sich im Familienbesitz noch ein Foto befand, das über Flucht und Internierung gerettet wurde. Für Herrn Lompa hat es einen hohen Erinnerungswert, weil es seinen Vater inmitten des von ihm mitgegründeten Königsberger Orchesters „Viola“ zeigt. Viktor Lompa war zwar kein Berufsmusiker, aber in seiner Freizeit auf musikalischem Gebiet sehr aktiv. Sein 1937 geborener Sohn Gerhard hat keine Erinnerungen mehr an die Auftritte des Orchesters, aber er weiß von seiner 1968 verstorbenen Mutter Frida Lompa, daß dieses Mandolinenorchester auch im Königsberger Rundfunk gespielt hat. Für ihn hat das Foto mehr persönlichen Wert, weil sein Vater bereits 1946 in Nikolajew/Mykolajiw, das in der heutigen Südukraine liegt, verstarb. Gerhard und seiner Mutter gelang die Flucht aus Königberg, wo die Familie in der Marienstraße 7 gewohnt hat, im Februar 1945 über See nach Dänemark. Auf dem Bild, das am 16. August 1931 aufgenommen wurde, steht der damals 27jährige Viktor Lompa in der Mitte der obersten Reihe. Der Mann mit der schwarzen Krawatte und Taktstock in der untersten Reihe ist der Leiter des Orchesters Hans Rückert. Herr Lompa möchte mit der Veröffentlichung erreichen, daß er Informationen über das Orchester und dessen Auftritte erhält – es könnte aber auch sein, daß jemand aus unserer Leserschaft ein Familienmitglied unter den abgebildeten Musikern entdeckt, so daß die Aufnahme also für weitere Personen Erinnerungswert hat. Falls sich informative Zuschriften ergeben, würde Herr Lompa dieses Foto in die Ausstellung „Königsberger Musikleben“ (25. September 2009 – 31. März 2010) mit einbringen. Und da ist noch eine Frage, die Herrn Lompa am Herzen liegt: Wer kannte seine Großmutter Martha Lompa, die in Königsberg verblieb und deren Schicksal unbekannt ist? (Gerhard H. Lompa, Birkenweg 55 in 38104 Braunschweig, Telefon 0531 / 360937.)

Eure Ruth Geede

Foto: Das Königsberger Mandolinenorchester „Viola“ am 16. August 1931: Wer Informationen über das Orchester, dessen Auftritte oder einen der abgebildeten Musiker hat, wende sich an Gerhard H. Lompa, Birkenweg 55 in 38104 Braunschweig, Telefon (0531) 360937.


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