© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Ihre Werke bleiben
Zum Tod der Künstlerin Erika-Maria Wiegand

Der Ring eines Künstlerlebens hat sich geschlossen. Am 26. April 2009 starb – trotz ihrer 87 Lebensjahre unerwartet – die Bildhauerin Erika-Maria Wiegand geb. Lindner in Kassel, wo einige ihrer bronzenen Märchenfiguren als Denkmale aufgestellt sind und wo sie selbst kurz vor ihrer Ernennung zur Ehrenbürgerin stand. Kassel war nach dem Krieg ihre zweite Heimat geworden, aber ihre wahre Heimat ist stets Ostpreußen und besonders Allenstein geblieben.

Sie wurde am 5. Dezember 1921 in Fischhausen im Samland geboren, kam aber mit fünf Jahren nach Allenstein, wo ihr Vater Josef Lindner zum Direktor der Allgemeinen Ortskrankenkasse berufen wurde. Hier besuchte sie nach der Volksschule die Luisenschule und machte an diesem Lyzeum 1940 ihr Abitur. Ihre katholische Erziehung und ihre Wertschätzung des Bischofs von Ermland, Maximilian Kaller, wirkte sich auch zeitlebens auf ihre künstlerische Tätigkeit aus, die nach dem Abitur mit dem Studium der Bildhauerei bei Professor Hans Wissel an der Kunstakademie in Königsberg begann. 1943 heiratete sie in der Allensteiner St. Jakobikirche den späteren Architekten Gerhard Wiegand, Sohn des stadtbekannten Architekten August Wiegand. Aber der Ehemann mußte zurück in den Kriegsdienst, während Frau Wiegand Anfang 1945 auf die Flucht mußte und zunächst nach Haldensleben bei Magdeburg kam. Hier wurden auch der Sohn Christoph und nach der Heimkehr des Ehemannes aus der Kriegsgefangenschaft auch die Töchter Beate und Angelika geboren. 1952 kam die Familie Wiegand nach Kassel, wo sich Frau Erika-Maria als freie Künstlerin mit ihren bronzenen Märchenfiguren, monumentalen Plastiken, Reliefs und verschiedenen Kirchenwerken bald einen Namen machte.

Ihr bekanntestes Werk ist sicherlich das lebensgroße Denkmal der Gebrüder Grimm, das seit 1984 in Kassel steht, während von den Märchenfiguren „Dornröschen“, „Der gestiefelte Kater“ (1998 in Baunatal aufgestellt), „Das Rumpelstilzchen“ (eine Brunnenfigur seit 2002 in Helsa) und „Das tapfere Schneiderlein“ (2004) am bekanntesten sind. In vielen Kirchen von Kassel bis Magdeburg sind ihre Reliefs, Krippen, Kreuzwegstationen und meterhohen Altarkreuze zu finden. Kreuze sind auch aus Terrakotta geformt, welches Material sie neben Bronze bevorzugte. Aus Terrakotta ist auch die Originalbüste des von ihr verehrten Bischofs von Ermland Maximilian Kaller, die im Ermlandhaus in Münster steht. In Bronze stehen diese Büsten an verschiedenen Wirkungsstätten des Bischofs wie in Bergen auf Rügen, in St. Michael in Berlin und in Frauenburg. Besonders am Herzen lag ihr die Aufstellung in ihrer alten St. Jakobikirche in Allenstein, die 1998 in ihrem Beisein im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes erfolgte.

Ihre Verbundenheit mit Allenstein zeigte sich auch durch ihre Teilnahme an vielen Heimattreffen der Stadtgemeinschaft Allenstein sowohl in Gelsenkirchen als auch in Allenstein. Hier prangt im Kopernikus-Haus, dem Sitz der Deutschen Minderheit, auch ein Relief des großen Astronomen, der einige Jahre auch in Allenstein als Landprobst residierte. Ihr Allensteiner Ehemann Gerhard Wiegand starb leider schon im Jahre 1993 kurz nach ihrer Goldenen Hochzeit. Ein verwitweter Freund der Familie war in der Trauer und danach ein verständnisvoller und lieber Wegbegleiter, dessen Tod vor vier Jahren sie schmerzlich und merklich berührte.

Mit einer Aufzählung von Namen und Daten wird man aber dem Wesen der Künstlerin und dem Menschen Erika-Maria Wiegand nicht gerecht. Sie wollte ihren Werken ja auch nicht nur Gestalt und Namen, sondern ein lebendiges, charakteristisches Gesicht geben. „Der Künstler muß sich in das darzustellende Geschehen hinein fühlen und versuchen, diese Empfindungen durch den Druck der eigenen Hand dem noch weichen Tonmaterial einzuprägen. Nur so kann das Kunstwerk davon künden, was es ausdrücken und vermitteln soll.“ Das hat sie einmal von sich und ihren Werken gesagt. Daß ihr dies in hervorragender Weise gelungen ist, haben viele Menschen bestätigt und ihr dafür gedankt. Diesen Dank möchte auch die Stadtgemeinschaft Allenstein mit der Versicherung bleibenden Gedenkens auf den letzten Weg der Allensteiner Künstlerin mitgeben. Ernst Jahnke

Foto: Märchenfiguren als Leidenschaft: Erika-Maria Wiegand neben einer ihrer Arbeiten.


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