© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Nationaler Verlust und nationales Erbe
Die Landesgruppe Nordrhein-Westfalen der Landsmannschaft Ostpreußen feierte ihr 60jähriges Bestehen

„Gedenkstunde“ war die Veranstaltung zum 60jährigen Bestehen der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen genannt worden, die in Düsseldorf im Gerhart-Hauptmann-Haus stattfand. Vor der Bezeichnung „Feierstunde“ war man zurückgeschreckt. Der Verlust der Heimat bleibt, und das kann man nicht feiern.

Der stellvertretende Vorsitzende Prof. Dr. Ulrich Penski konnte zahlreiche Ehrengäste begrüßen: den Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, den Vorsitzenden des BdV-Landesverbandes NRW, Hans-Günther Parplies, den Beauftragten für Heimatvertriebene und Aussiedler, den Landtagsabgeordneten Horst Westkämper, den Ehrenvorsitzenden der Landesgruppe Dr. Dr. Ehrenfried Mathiak, den Leiter des Museums Königsberg, Lorenz Grimoni und von den Westpreußen Herrn Jürgen Schultz.

Prof. Dr. Penski würdigte die Leistung der Landesgruppe und hob einige besonders verdienstvolle Landsleute namentlich hervor:

Erich Grimoni, den Ersten Vorsitzenden von 1949 bis 1963, Hans-Werner Heincke, Harry Poley, Alfred Mikoleit. Dann wies er darauf hin, daß die Angelegenheiten der Vertriebenen, die Rechtsfragen und die Zukunft noch nicht erledigt seien. Er bedauerte, daß die Geistesgrößen aus dem Osten vergessen werden, ein Aspekt, den die nachfolgenden Redner noch vertiefen sollten.

In seinem Grußwort sprach Wilhelm v. Gottberg ungeschönt von dem Untergang des Deutschtums im Osten. Die Bildung der landsmannschaftlichen Gruppen, der Kreis- und Schulgemeinschaften im Westen hob er lobend hervor. Sie geben den Landsleuten ein Stück Heimat und Lebensqualität. Er dankte der Landesgruppe für den Einsatz für die Eigentumsproblematik und nannte als wichtigste Zukunftsaufgabe das Bekenntnis zur historischen Wahrheit. Die deutsche Geschichte Ostpreußens muß im Bewußtsein erhalten werden, und eine Aufrechnung der Vertreibung als Folge der Nazi-Verbrechen ist nicht zu vertreten.

Der Landtagsabgeordnete Horst Westkämper hob zu Beginn seines Grußwortes die enge Verbindung zwischen Westfalen und Ostpreußen hervor. Ein Viertel der Bevölkerung in NRW hat seine Wurzeln im Osten. Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung müsse zugelassen werden, so Westkämper, sonst entstehe der Verlust der Identität. Die Aktualität von Flucht und Vertreibung in den Medien sei auch das Verdienst der Vertriebenen, denen für die Charta gedankt werden müsse und die heute die Brückenbauer zum Osten seien.

Hans-Günther Parplies betonte dagegen, daß das Ziel des BdV, die Rückgabe des Landes, das bis 1990 auch ein Staatsziel der BRD war, nicht erreicht worden sei. Er beklagte die Unfähigkeit der Mitbürger, den Verlust des deutschen Ostens als Verlust der ganzen Nation anzusehen. Den landsmannschaftlichen Gruppen dankte er für die Hilfe in der Not nach Kriegsende und für die Wahrung der ostdeutschen Kultur und für den Einsatz für das Heimatrecht. Grüße von den Westpreußen und von den Danzigern bestellte Jürgen Schultz. Er machte Mut, trotz abnehmender Mitgliederzahl weiter zu arbeiten, damit der Gedanke an Ostdeutschland erhalten bleibt. „Ostpreußen bleibt Erbe und Auftrag!“ – diese Worte stellte der Erste Vorsitzende Jürgen Zauner in den Mittelpunkt seines „Rückblicks“, der auf das Totengedenken folgte, das der stellvertretende Vorsitzende und Schatzmeister Alfred Nehrenheim durchführte. „Im Zeichen der Elchschaufel wurde 60 Jahre für Ostpreußen gearbeitet“, so Zauner. Der Rechtsanspruch auf Heimat und Selbstbestimmung sei nie aufgegeben worden. Der Krieg war wohl der Anlaß der Vertreibung, aber nicht die einzige Ursache. Die Vertriebenen dürften zu Recht finanzielle Unterstützung erwarten, da sie für ein gesamtdeutsches Erbe arbeiten.

Den Hauptvortrag „Die Zukunft der Vertriebenen“ hielt Prof. Dr. Wolfgang Stribrny. „Eine Zukunft kann es nur geben, wenn man sich auf die Geschichte besinnt“, begann der Redner und gab einen Überblick über die deutsche Geschichte, die Preußens und des Reiches. Ein bahnbrechendes Ereignis war die Reformation, die Preußen als erster Staat einführte. Am Vorabend der Krönung des ersten preußischen Königs am 18. Januar 1701 erfolgte mit der Einführung des Schwarzen Adlerordens („Suum cuique“) die Grundsteinlegung für Recht und Toleranz. Preußen war ein Staat der religiösen Toleranz, wofür die katholische Hedwigskirche mitten in Berlin Zeugnis ablegte, und der Bildung, der bereits 1750 die allgemeine Schulpflicht einführte, was in England und Frankreich erst über hundert Jahre später geschah. Die Gründung der Berliner Universität unter Friedrich Wilhelm III. erfolgte 1810, weil nach der Niederlage gegen Napoleon materielle Verluste durch geistige Kräfte ersetzt werden sollten. Und immer war Ostpreußen eine wichtige Provinz und ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte, gingen doch mit der Reformation und der Aufklärung Kants Impulse von ihr aus, die die Welt veränderten.

Der Verlust der Ostprovinzen, so der Referent, war ein Aderlaß für die ganze Nation. Der Rückgang der deutschen Sprache in den verlorenen Gebieten war nicht aufzuhalten, dennoch wurden, sobald es politisch möglich war, deutschsprachige Zentren errichtet wie das „Kopernikus-Haus“ in Allenstein und die Hermann-Sudermann-Schule in Memel.

Das alles geschah mit Hilfe der Vertriebenen aus dem Westen. Positiv hob der Referent die gute Beziehung der Vertriebenen zu den heutigen Bewohnern ihrer Heimat und deren bemerkenswertes Interesse an der deutschen Geschichte und Kultur hervor. Darin sah er eine gute Basis für die zukünftige Arbeit und für den Kulturaustausch. Wenn auch die bisherigen Strukturen der Landsmannschaften vielleicht nicht mehr zu halten sein werden, so werden doch die Inhalte gleich bleiben. Kulturpflege und der Einsatz für die deutsche Geschichte werden weiterhin erforderlich sein.        Bärbel Beutner

Foto: Ostpreußen mit Engagement: Jochen Zauner (Mitte) konnte viele prominente Gäste begrüßen. Der Sprecher der LO, Wilhelm v. Gottberg (l.), sprach das Grußwort.


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