© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Licht ins Dunkel
Lehrer löst Dorfgeheimnis

Der Schweizer Autor Charles Lewinsky ist in seiner Heimat längst eine bekannte Größe. In Deutschland ist er erst seit dem im Jahre 2000 erschienen Roman „Johannistag“ aus seinem Schattendasein herausgetreten. Weitere Erfolge wie „Melnitz“ und „Ein ganz gewöhnlicher Jude“, in der Verfilmung mit Ben Becker in der Hauptrolle, folgten.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) hat nun Lewinskys preisgekröntes Werk „Johannistag“ als Taschenbuch neu aufgelegt. Die Geschichte spielt in Courtillon, einem verschlafenen südfranzösischen Dorf, wie es im Buche steht. Doch so verträumt, um nicht zu sagen eintönig, wie Lewinsky das Leben dort auch beschreibt, so ist dort ein düsteres Ereignis aus der Vergangenheit kurz davor, ans Tageslicht zu kommen.

Und eben zu dieser Zeit verschlägt es Lewinskys Hauptfigur, einen unfreiwillig frühpensionierter Lehrer, nach Courtillon. Als eher passiver Beobachter beschreibt er das Leben und die Bewohner des kleinen Ortes. Der Leser sieht den pensionierten Richter Monsieur Deschamps, den alle nur „le juge“ nennen, in seinen abgewetzten Pullovern bald vor seinem inneren Auge. Ebenso den „Dorfidioten“ Jojo, die alte, im Rollstuhl sitzende Madame Millotte oder die verrückte Frau, die den ganzen Tag sinnlose Worte vor sich hinmurmelnd ihre rabenschwarzen Hühner füttert.

In Courtillon scheint alles wie immer, alles geht geordnet seinen Gang, bis der Lehrer eine Entdeckung macht. „Da stand ich also im Regen. Monsieur Deschamps hatte sein Beamtengesicht aufgesetzt unter dem plastiküberzogenen Kepi, und der fette Pfarrer keuchte mir ins Gesicht, eine Bulldogge, die von ihrer Kette erwürgt wird. Eine Erklärung sollte ich ihnen liefern, sofort, und wußte doch nichts zu sagen, als daß es nicht so gewesen war, wie es jetzt aussah.“

Der Lehrer ahnt, daß im Dorf etwas vor sich geht. Und er soll recht behalten, denn nicht nur der Scheiterhaufen fürs traditionelle Johannisfeuer beginnt am Johannistag lichterloh zu brennen: Geschichten von Treue und Verrat, Ehebruch und Kindsmißbrauch werden offenbar.

So beliebt und lustig Lewinskys Sitcoms in der Schweiz auch sein mögen, im Roman „Johannistag“ gilt eher das Motto „Eile mit Weile“. Die Handlung zieht sich die ersten 100 Seiten so träge und geduldig dahin, wie eine hundert Jahre alte Schildkröte sich bewegt, bis der Leser überhaupt erfährt, worum es geht und was den pensionierten Lehrer nach Frankreich und im Speziellen nach Courtillon verschlagen hat. Auch dauert es seine Zeit, bis Lewinsky dem Leser die Information zuspielt, wem der Lehrer die ganze Zeit die in Tagebuchform geschriebenen Briefe schickt.

Über Kunst kann man bekanntlich streiten, und auch das Schreiben eines guten Romans ist ohne Frage eine Kunst. So werden die einen die ersten hundert Seiten dieses Kriminalromans aus literarischer Sicht sicherlich genießen und die anderen möglichst schnell drüber weg lesen, um zum spannenden Teil des Buchs vorzudringen.             A. Ney

Charles Lewinsky: „Johannistag“, dtv, München 2009, broschiert, 315 Seiten, 9,90 Euro


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