© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-09 vom 13. Juni 2009

Wahrnehmungsstörung als Prinzip?
Das Wiener Belvedere präsentiert Werke von Lovis Corinth und fragt nach den Auswirkungen seines Schlaganfalls

Corinth war ein Maler, der das Sinnliche feierte, ein Künstler von geradezu explosiver Lebensbejahung“, schreibt Stephan Koja in der Einführung zu dem Katalog der Ausstellung „Lovis Corinth − Ein Fest der Malerei“, zu sehen derzeit im Wiener Belvedere. In seiner neuen Ausstellungsserie „Meisterwerke im Fokus“ werden ausgewählte Werke der hochkarätigen Sammlung präsentiert. Den Anfang macht eine Schau mit zwölf Gemälden und zwei Graphiken des Ostpreußen Corinth (1858−1925). Das Wiener Museum besitzt Werke aus allen entscheidenden Schaffensphasen des Künstlers, so daß die Entwick-lung seiner expressiven Malerei anschaulich nachvollzogen werden kann. Die Ausstellung ist in einem eigenen Raum innerhalb der Sammlung zu sehen.

Stephan Koja, Kurator der Ausstellung, hat sich eingehend mit dem Werk des Malers befaßt. In dem Katalogbuch erläutert er einfühlsam die einzelnen Schaffensphasen des Künstlers, geht aber vor allem auf dessen Spätwerk ein. „Was sich in diesen Bildern“ (gemeint sind die ab 1919 entstandenen Walchenseebilder, d. Red.) „manifestiert, ist dieselbe große Gier nach Leben, die schon das ganze Werk dominiert hat − aber nun auf einer anderen Ebene ... so wirken die Bilder Corinths wie ein Anmalen gegen die Zeit, gegen das Vergehen, auch gegen die eigene Sterblichkeit. Mit einem letzten, unheimlichen Kraftakt wirft Corinth Bild um Bild aus sich heraus, um die sterbliche Wirklichkeit durch die Verwandlung seines Geistes und künstlerischen Genies in unsterbliche Kunst ihrer Endlichkeit zu entreißen.“

Corinth war nach Aussagen seiner Frau Charlotte nicht nur „das Arbeitstier“, als das man ihn kennt, sondern auch ein Mann, der oft von starken Selbstzweifeln gequält wurde. Schrecklich war sein Zustand, als er 1911 einen Schlaganfall erlitt. „Während der ersten Jahre unserer Liebe“, so Charlotte, „überstrahlte ein triumphales Hochgefühl alle Melancholie. In glücklicher Unbeschwertheit schuf Corinth Bild um Bild. Doch dieser Zustand beseligter Daseinsfreude blieb nicht lange ungetrübt. Schon lasteten hie und da wieder Depressionen auf ihm. Nach dem Schlaganfall verstärkten sie sich in bedrohlichem Maß. Corinth war oft auf eine ans Herz greifende Weise gequält, und zugleich – und trotzdem – war er dem Irdischen merkwürdig entrückt. Die späten Selbstbildnisse machen sie evident. Es ist, als hätten diese Augen bereits das andere Ufer erblickt.“

Die Kunsthistoriker haben sich immer wieder damit beschäftigt, ob der Schlaganfall Corinths Schaffen entscheidend geändert habe. Ein Maltechniker und ein Mediziner untersuchten für den Katalog diese Frage. Und so kommt der Neurologe Hansjörg Bäzner zu der interessanten Erkenntnis, daß Corinth vom Schlaganfall einen sogenannten „Neglect“ zurückbehalten habe, eine linksseitige Störung der Wahrnehmung. Diese habe er allmählich kompensiert und schließlich zum künstlerischen Prinzip erklärt − „Zeichnen heißt auslassen“. Auch Corinths Maxime „die wahre Kunst ist Unwirklichkeit üben“ sei auf diese Wahrnehmungsstörung zurückzuführen. Thesen, die jetzt die Kunsthistoriker erneut beschäftigen dürften.           Silke Osman

Die Ausstellung im Oberen Belvedere, Prinz-Eugen-Straße 27, ist täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen, Eintritt 9,50 Euro, Katalog aus dem Prestel Verlag, 144 Seiten, gebunden, 19 Euro.

Foto: Lovis Corinth in der Wiener Ausstellung: Werke aus allen entscheidenden Phasen seines Schaffens geben einen Einblick in die Vielfältigkeit des Œuvres.


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