© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-09 vom 27. Juni 2009

Frühstücken wollte sie allein
Berühmte Paare der Kulturgeschichte: Katharina die Große und ihre Liebhaber – Es gab vier offizielle Favoriten

Namentlich dokumentiert sind 21 Bettgefährten und vier „offizielle“ Favoriten. Ob Katharina zu einem von ihnen Herzensneigung empfand, hielt sie keiner Notiz wert. Gut möglich, daß sie überhaupt nie liebte. Diese Frau wurde von Machtsucht beherrscht. Ihr Ehemann Peter war ihr gleichgültig: „Aber die Krone von Rußland war es mir nicht.“ Keinen Zweifel hegte sie, daß sie „früher oder später souveräne Kaiserin Rußlands werden würde, in eigener Machtvollkommenheit“. Sie wurde es und mit ihr Rußland zur Großmacht. Zur vielbeschworenen „russischen Seele“ fand sie keinen Zugang. Die passive, tatenunfreudige Mentalität blieb der arbeitseifrigen „Preußin“ zeitlebens fremd. Sophie Friederike, Prinzessin von Anhalt-Zerbst, 1729 in Stettin geboren, wuchs als unauffälliges, dürres Mädchen heran, dessen spätere, füllige Körperlichkeit sie am russischen Hof attraktiv machte.

Die kinderlose Zarin Elisabeth hatte 1742 ihren 14jährigen Neffen Peter von Holstein-Gottorp adoptiert und zum russischen Thronfolger bestimmt. Nun suchte sie für den Heiratsfähigen eine Frau. Ihre Wahl fiel – ein Vorschlag Friedrichs des Großen – auf die Zerbsterin. Der Heiratsantrag wurde angenommen. Sophie reiste nach Moskau. Die zukünftigen Eheleute wurden einander vorgestellt. Beide spürten Antipathie. Zarin Elisabeth, geübte Liebeskennerin, wußte augenblick-lich: Dieser Ehe blieb der Beischlaf versagt. Das war kein Hindernis; für das Fortbestehen der Dynastie traten Liebhaber in Aktion, in Rußland ein probates Hilfsmittel.

Im September 1745 fand die Vermählung statt. Sophie, jetzt „Katharina“ genannt, würde später als Kaiserin „die Große“ geheißen. Vorsorglich hatte Zarin Elisabeth den Geschmack Katharinas erforscht: Schlank, elegant, frisch gebadet mußte der Bettgenosse sein und in der Morgendämmerung verschwinden. Mit Appetit frühstücken wollte sie allein. Ihr erster Liebhaber wurde Graf Sergej Saltykow. Sie gebar den als „ehelich anerkannten“ Thronfolger Paul. Zarin Elisabeth gratulierte ihr und Rußland. Saltykow trennte sich bald von ihr. Die „Favoritenrolle“ wurde auf Dauer lästig.

Ihren zweiten Liebhaber wählte Katharina selbst. Es war der polnische Graf Stanislaw Poniatow-ski. Bestrickende Liebenswürdigkeit zeichnete ihn aus. Sie tranken aus Gläsern, in die Poniatowski ihrer beider Namen hatte gravieren lassen. Er mußte sie verlassen, um gewählter König von Polen zu werden. Katharina hatte ihn für die Königswürde nominiert.

Im Dezember 1761 starb Zarin Elisabeth. Katharinas Gatte bestieg als Zar Peter III. den Thron. Um diese Zeit wurde Graf Grigorij Orlow Katharinas Favorit. Ihre Wahl erwies sich als schick-salsbestimmender Glücksfall. Orlow spürte Plänen Peters nach, Katharina verbannen zu lassen. Der Hochadel traute aber Katharina die größere Kompetenz zu, Rußlands Weltansehen zu mehren. Eine Palastrevolution bahnte sich an, an deren Ende Katharina durch Orlows Einsatz zur Kaiserin proklamiert wurde.

Zar Peter, „das ewige Kind“, dankte widerstandslos ab. Er wurde auf Schloß Ropscha interniert und dort von Wachoffizieren ermordet. Ein in hinterlassenen Papieren Katharinas gefundener Brief des Alexej Orlow (Bruder von Grigorij) beweist, daß Katharina mit dem Mord nichts zu tun hatte; ungelegen kam er ihr nicht.  Katharina war am Ziel ihrer Wünsche. Der Preis, den sie dafür zahlen mußte, war die Rücknahme ihres wichtigsten Reformwerks: die Aufhebung der Leibeigenschaft.

Dankbar blieb sie 13 Jahre dem biederen „Tag- und Nachtlangweiler“ Orlow verbunden. Dabei entdeckte sie die Wohltat, hin und wieder allein zu schlafen. Davon wurde der Leibarzt unterrichtet: „Das ist ernst zu nehmen. Ich werde die Kaiserin konsultieren.“ Er traf Katharina beim Frühstück. Sie gabelte Lachs. Der unverhohlene Grund seines Kommens amüsierte sie: „Drei Nächte ohne warme Knochen neben mir. Herrlich!“ Der Arzt schluckte: „Warme Knochen können anregend sein.“ „Wie jetzt.“ Lachend beknabberte sie einen Hühnerschenkel. Der Arzt verabschiedete sich.

Vierter Favorit wurde Grigorij Potjomkin. Wie Katharina war er auf Macht erpicht. Ihm gelang die Erschließung des Wolgagebietes zur reichsten Region Rußlands. Auf Geheiß Katharinas hatte er Fremdsiedler angeworben; zu den Tüchtigsten zählten die „Wolgadeutschen“.

Auf der weiten Besichtigungsreise zeigte Potjomkin Katharina die am Wolgaufer funkelnden neuen Dörfer. Auf den ersten Blick erkannte sie die Attrappen. „Eine perfekte Inszenierung“ lobte Katharina. Unverblümt die Antwort: „Majestät, es war Schwerstarbeit.“

Stanislaw Poniatowski hatte gebeten, die Kaiserin auf ihrem Schiff besuchen zu dürfen. Er selbst kredenzte den Wein. Katharina erkannte die Gläser mit den eingravierten Namen. Leise sagte er: „Zur Erinnerung bewahrte ich sie auf. 30 Jahre lang.“ Blitzartig streifte Katharina der Gedanke: „Er war meine einzige wirkliche Liebe.“ Sie hoben die Gläser, Kaiserin und König tranken sich zu.

6. November 1796: Katharinas letzter „offizieller Liebhaber“, Platon Subow, hatte in grauer Morgenfrühe das Schlafzimmer verlassen. Gegen Mittag wurde das Personal unruhig. Die Frühstücksklingel ertönte nicht. Der Kammerherr faßte Mut, trat ins Zimmer. Die Kaiserin lag am Boden. Sie sah aus, als schliefe sie. Das tat sie auch – für immer.            Esther Knorr-Anders

Foto: Katharina die Große nach einem Gemälde von Fjodor Rokotow (1770) in der Eremitage St. Petersburg


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