© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-09 vom 27. Juni 2009

Ein Mann des frühen Widerstandes
Vor 75 Jahren wurde der Chefredakteur und Herausgeber des »Geraden Weges« Fritz Gerlach im KZ Dachau erschossen

Hetzer, Verbrecher und Geistesverwirrte“, „Gefängnis für die Führer“ und „Hitler, der Bankrotteur“: Diese Schlagzeilen der Wochenzeitung „Der gerade Weg“ brachten die Nationalsozialisten ab 1931 immer wieder zur Weißglut. Ihr Haß richtete sich auf den Herausgeber und Leitartikler der Zeitung, den gebürtigen Stettiner Fritz Gerlich. Er bezahlte vor 75 Jahren seinen mutigen und scharfsinnigen Widerstand gegen den aufkommenden Nationalsozialismus nach 15 Monaten sogenannter Schutzhaft mit dem Leben. Gerlich wurde am 1. Juli 1934 im KZ Dachau erschossen.

1883 in Stettin geboren, besuchte er dort – obwohl Calvinist – das katholische Marienstiftsgymnasium. Der Vater starb früh, die Familie war nicht sonderlich wohlhabend, dennoch reichte es, auch dank einer Freistelle, für diese angesehene Schule. 1901 ging es zum Studium nach München, der Stadt, die ihn bis zu seinem Tod nicht mehr loslassen sollte. Nur kurz folgte er dem Wunsch seiner Mutter und studierte ein Semester in Leipzig, ehe es ihn vorzeitig wieder in die bayerische Metropole zurückzog. Gerlich schloß seine Studien mit einer Promotion ab.

Von den bestehenden Studentenverbindungen aufgrund der Vermögensverhältnisse ausgeschlossen, beteiligte er sich an der Gründung der „Freien Studentenschaft“. Als Archivar beim Königlich-Allgemeinen Reichsarchiv verfaßte er nebenher etliche Schriften, so zum Beispiel 1913 die „Geschichte und Theorie des Kapitalismus“. Auf sein Betreiben hin wurde 1917 die politische Wochenschrift „Die Wirklichkeit“ gegründet: Gerlich, ein Macher?

Das politische Engagement Gerlichs ist nicht immer leicht verdaulich: 1914 hielt er es mit den Alldeutschen und warb für umfangreiche Gebietserweiterungen, darunter auch Grenzverschiebungen in Ostpreußen. 1916 stand er als Mitglied beim „Volksausschuß für rasche Niederkämpfung Englands” für umfangreiche Kriegsziele und einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen Großbritannien. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie in Bayern kämpfte er gegen Bolschewismus, Marxismus, Kommunismus und Antisemitismus.

Vor allem seine antimarxistische Haltung war 1920 ausschlaggebend bei der Berufung zum Hauptschriftleiter der „Münchner Neuesten Nachrichten“ („MNN“), dem Vorgängerblatt der „Süddeutschen Zeitung“. Damit gehörte er zu den bedeutendsten Publizisten im Land. Dies erkannte auch Adolf Hitler, der Gerlich für seine Zwecke einspannen wollte. Es kam 1923 zu einem Gespräch in der Privatwohnung des Chefredakteurs, an dessen Ende Gerlich Hitler die Tür wies. Spätestens ab dem gescheiterten Hitlerputsch vom 9. November gleichen Jahres ist Gerlich entschiedener Gegner Hitlers. Er gehört damit zu den ersten Hitler-Gegnern.

Die größte Wende im Leben des Publizisten verursacht die stigmatisierte Therese Neumann aus Konnersreuth, einem 250 Kilometer von München entfernt gelegenem Dorf. Nach ersten publizistisch äußerst erfolgreichen und weltweit nachgedruckten Berichten seines Blattes über die Visionen der Konnersreuther Resl macht Gerlich sich selbst auf den Weg. Er will „den Schwindel aufdecken“, kehrt aber völlig bestürzt nach München zurück. Er zweifelt nicht im Geringsten an dem, was er gesehen hat. Schon ein halbes Jahr später verläßt Gerlich nach heftig-deftigem Streit mit der Verlagsleitung, bei dem wohl auch ein Maßkrug geflogen ist, die „MNN“. Neben umfassendem Wissen und scharfer, schneidender Intelligenz schreibt der Gerlich-Experte Rudolf Morsey dem bisweilen isolierten Journalisten auch rechthaberische Züge bis hin zum Jähzorn zu.

Nach einem zweijährigen Intermezzo im Archiv beginnt Gerlich einen beispiellosen publizistischen Kampf gegen die immer mächtiger werdenden Nationalsozialisten. Fürst Erich Waldburg-Zeil finanziert ihm die Wochenzeitung „Der illustrierte Sonntag“. Gerlich baut das bislang recht billige Blättchen um in eine „Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht“, so der spätere Untertitel, und läßt es dabei durchaus krachen. „Hitler und Wilhelm II.“ titelt er am 12. Juli 1931 und vergleicht beide als größenwahnsinnige Politiker. Mit der roten Unterstreichung der Überschrift reizt er die Nationalsozialisten überdies: Dieses Gestaltungsmittel war charakteristisch für den „Völkischen Beobachter“.

Gerlich konvertiert zum Katholizimus, nach der Taufe wird er vom Münchner Kardinal Michael von Faulhaber persönlich gefirmt. Dessen stenografische Notizen der Predigt belegen, daß er in die Umbenennung der Zeitung in „Der gerade Weg“ – ein Bibelzitat – eingeweiht war. Später wird Faulhaber den Journalisten gegen innerkirchliche Angriffe in Schutz nehmen. „Der hiesige Klerus ist begeistert“, schreibt er einem Amtsbruder, der sich ob der schroffen Attacken Gerlichs beschwert hatte.

In den folgenden Jahren schreibt der bestens über innerparteiliche Vorgänge der NSDAP informierte Gerlich schonungslos gegen die braune Gefahr. Er brandmarkt den Nationalsozialismus als „geistige Pest“ und entlarvt Hitler mit dessen eigenen Worten aus „Mein Kampf“, wo es über den Deutschen heißt: „Er hat keine blasse Ahnung, wie man das Volk beschwindeln muß, wenn man Massenanhänger haben will.“

Neben den meist langen Leitartikeln werden die Leser auch mit bitterbösen Karikaturen über den „Führer“ amüsiert. Daran kann sich auch Papst Benedikt noch erinnern, dessen Vater den „Geraden Weg“ abonniert hatte. Bisweilen kommt auch beißende Satire zum Einsatz: „Vor mir flog Adolf, der einzige, der große Führer, der, wie ich jetzt feststellen konnte, der deutschen Erde sein Bestes gab“, schreibt der fiktive Reporter John Knochenpicker, „seine Seele, sein Inneres.“ Eine Zeichnung dazu zeigt, wie alles zu verstehen ist: Der unverkennbare Schnauzbärtchen-Träger übergibt sich vom offenen Propellerflieger aus.

Es verwundert also nicht, daß die Nazis getönt haben: „Den Gerlich bringen wir als ersten um.“ Dieser wiederum druckt eine anonyme Morddrohung, die mit „Heil Hitler – Blut und Tod allen Marxisten und Pfaffen!“ unterzeichnet ist, postwendend auf der Titelseite des „Geraden Weges“ ab. Am 9. März 1933, noch während der bayrische Ministerpräsident entmachtet wird, verwüsten SA-Horden die Redaktion und verhaften Gerlich. Im Zuge der später als „Röhmputsch“ propagandistisch verschleierten, ersten groß angelegten Ermordungswelle von Gegnern räumt das Regime auch Fritz Gerlich aus dem Weg. Georg Walser


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