© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-09 vom 27. Juni 2009

Bühnentanz als Alternative zu anderen Sportarten
In Dortmund gibt es die Möglichkeit für Kinder, nicht nur tanzen zu lernen, sondern auch vor Publikum aufzutreten

Der Auftritt vor Publikum ist für junge Tänzerinnen und Tänzer die Krönung ihres Trainings. Doch die Möglichkeiten sind rar. In Dortmund ist ein Modell entstanden, das die jungen Künstler weit über das Übliche hinaus motiviert.

21 Kinder wirbeln durcheinander. Das Lampenfieber hat die Tanzkompanie voll erfaßt. Während sich Tänzer im Alter zwischen acht und zwölf Jahren hinter den Kulissen auf ihre Darbietung des Musicals „Starlight Express“ vorbereiten, füllen sich die Sitzreihen vor der Bühne. Publikum – das ist es, wofür die Kinder seit Wochen üben. Sie brennen darauf, ihre Schrittfolgen nicht nur mühsam einzustudieren, sondern  das Gelernte anzuwenden, es möglichst vielen Menschen vorzuführen und diesen damit eine Freude zu bereiten. „Tanz ohne Aufführung wäre künstlerische Freiheitsberaubung“, stellt Tanzpädagoge Berry Doddema klar, „wenn ich mich dauernd damit beschäftige, wie ich etwas ausdrücken kann, dann möchte ich auch, daß irgendwann jemand da ist, der es wahrnimmt.“ Für den Leiter des Modern Dance Center in Dortmund Grund genug, sich nicht, wie in vielen Studios üblich, auf einen Aufführungstermin im Jahr zu beschränken. Gegründet wurden drei Kindertanzkompanien – ein Unterfangen, das in seiner Größe und Vielseitigkeit deutschlandweit seinesgleichen sucht.

Die Tanzkompanien sind Hort für alle Tanzschüler, die sich über das normale Tanztraining hinaus weiter entwickeln und auf professioneller Ebene erste Erfahrungen sammeln möchten. Zum obligatorischen Tanztraining, das nach wie vor ein- bis dreimal in der Woche absolviert wird, kommt jede Woche ein einstündiges Probetraining hinzu, ergänzt um Work-shops am Wochenende oder in den Ferien. Vorbereitung für die Bühne, das beinhaltet zum einen die tänzerische Aufbereitung eines Stückes. Zum anderen geht es darum, gemeinsam ein Bühnenbild zu gestalten, verschiedene Beleuchtungen auszutesten, das Schminken zu lernen, Kostüme zu entwerfen und zu nähen. „Wichtig ist uns, daß die Kinder lernen, im Team zu arbeiten“, hebt Doddema hervor, „sie sollen die Erfahrung machen, wie es ist, sich auf andere verlassen zu können.“

Drei Kompanien, das heißt auch drei Tanzrichtungen: klassisches Ballett, Modern Dance und Jazz Dance. Das in Dortmund initiierte Modell garantiert Programmvielfalt und bietet den jungen Tänzerinnen und Tänzern eine individuelle, ihren Talenten und Neigungen entsprechende Ausrichtung ihres Engagements. Jede Tanzkompanie ist auf 20 bis 30 Schüler ausgelegt, aufgeteilt in zwei Altersgruppen: von acht bis zehn Jahren und von zehn bis zwölf Jahren. Leistungsunterschiede werden über die Vergabe der Rollen ausgeglichen.

„Unser Ziel ist es, daß die Kinder ab acht Jahren häufiger als sonst üblich auftreten können“, betont Doddema, „das ist unsere Chance, den Bühnentanz als attraktive Alternative zu Sportarten zu gestalten. Wer Fußball spielt, hat jeden Sonnabend sein Turnier, genauso wie Leichtathleten regelmäßig ihre Läufe und Wettkämpfe haben.“ Was für die einen Tore, Punkte und Meisterschaften sind, ist für die anderen der Applaus. „Unsere Leistungen bewertet kein Schiri, sondern das Publikum – unmittelbar, oft subjektiv und doch meist mit viel Wohlwollen“, schmunzelt Doddema.

Um ein Gefühl für die künstlerische Arbeit zu entwickeln, gehen die Tanzkompanien auf die Bühne: Das Modern Dance Center selbst verfügt – eine Seltenheit in diesem Metier – über ein komplett ausgestattetes hauseigenes Theater. Bretter, die die Welt bedeuten. Und die Tanzkompanien gehen raus: Sie tanzen in Kirchen, zum Weltkindertag im Westfalenpark in Dortmund, im U-Bahnhof.

Das Konzept, auf professioneller Ebene zu lernen, beinhaltet auch, daß sich die Tanzkompanien buchen lassen. Von Firmen, Organisationen und Privatpersonen in Dortmund und der näheren Umgebung.

„Wir bieten mit den Tanzkompanien einen Augenschmaus für Veranstaltungen, der so nur selten zu erleben ist“, betont Tanzpädagoge Doddema, „eine perfekte Kombination von kindlichem Engagement und Kultur.“ Basis ist ein breites Repertoire an Stücken, vom „Geistertanz“ über „The Fairy Queen“ nach der Musik von Henry Purcell bis hin zu Auszügen aus den Musicals „Starlight Express“ und „Oliver!“, frei nach Charles Dickens Roman „Oliver Twist“.

Der Auftraggeber sucht aus, was er seinen Gästen präsentieren möchte, Länge und Plazierung der Darbietungen werden dem Ablauf der Veranstaltung angepaßt, die Technik im Zweifel mitgebracht. Die Erlöse aus den Vorstellungen sind eine wichtige Tragsäule der Tanzkompanien. Sie finanzieren große Teile der aufwendigen Projektarbeit.

Drei Kompanien, ein Konzept. „Die Kinder genießen es, auf der Bühne zu stehen. Das ist für sie Triebfeder, weiter an sich zu arbeiten“, weiß Doddema, „und natürlich haben wir alle zusammen während der Proben, die sicherlich auch manchmal anstrengend sind, ganz viel Spaß.“       Uwe Rieder

Modern Dance Center, Westenhellweg 60–62, 44137 Dortmund, Telefon (0231) 145392, Informationen auch im Internet unter www.moderndancecenter.de

Foto: Mit Begeisterung dabei: Die Mädchen studieren konzentriert die Tänze ein, um sie später auf der Bühne oder bei Veranstaltungen vorzuführen.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren