© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-09 vom 27. Juni 2009

Freitod der Großeltern
Enkelin versucht zu verstehen

Die 1971 in Stockholm geborene „FAZ“-Redakteurin Johanna Adorján hat den Tod ihrer Großeltern nie verwunden. Am 13. Oktober 1991 schieden die beiden ungarischen Juden Hand in Hand gemeinsam aus dem Leben. Auf dem Nachttisch ihres Hauses in Kopenhagen lag das Buch „Final Exit“, eine Anleitung für Selbstmordwillige des US-Autors Derek Humphry. Auch ein Zettel mit Notizen in der akkuraten Handschrift ihrer Großmutter fand sich: „18.30 Uhr leichter Tee und Toast; 19 Uhr Antibrechmittel (normale Dosis); 19.30 Uhr Tabletten, Schlafmittel.“

Adorján versucht in ihrem Buch „Eine exklusive Liebe“ zu ergründen, was ihre Großeltern zu dieser Tat trieb. Wieso nahmen sie sich selbst das Leben, um das sie in der NS-Zeit hatten kämpfen müssen? Großmutter Vera hatte im Versteck das Ende des Krieges abgewartet, während Großvater István zu den wenigen KZ-Überlebenden zählt. 1956 floh das Paar dann aus dem kommunistischen Ungarn nach Dänemark.

Adorján rekonstruiert den letzten Tag im Leben ihrer Großeltern väterlicherseits. Immer wieder unterbricht sie diese Rekonstruktion durch Berichte über ihre Recherchen. So sprach sie mit vielen Bekannten und Freunden von Vera und István. Erfährt, wie schwer krank der 81jährige István 1991 war und daß ihre zehn Jahre jüngere Großmutter bereits 1945 mit dem Gedanken gespielt hatte, sich das Leben zu nehmen, falls ihr geliebter Mann nicht aus dem KZ nach Budapest heimkehrt: Ein Leben ohne ihn konnte sie sich nicht vorstellen. Das war auch gut 40 Jahre später nicht anders. Zu sehr war das Ehepaar aufeinander eingespielt. Schrullig und voller Marotten wirkte das sich bis zum Schluß siezende Paar auf Außenstehende. Der Arzt und die Krankengymnastin hatten sich eine eigene Welt geschaffen.

Die Autorin scheut sich auch nicht, ihre eigenen Emotionen dem Leser zu präsentieren. Genau wie die elegante, schöne Vera wurde sie stets von der Angst gepeinigt, daß niemand sie lieben würde. Daher verstehe sie ein Stück den Selbstmord ihrer 1991 vollkommen gesunden, selbst Fitnesskurse für Senioren gebenden Großmutter.

Anfangs schafft die Autorin ihre Leser zu fesseln, zu spektakulär ist der finale Schritt der Großeltern. Leider hält die Autorin nicht die Spannung, zu persönlich sind manchmal die Recherchen über die Vergangenheit und den Cha-rakter der Großeltern, zu schnell sind ihre Motive nachvollziehbar. Außerdem verdrängt die eigene Identitätssuche der Autorin manchmal die Geschichte von Vera und István in den Hintergrund. Dies hätte spannend sein können, wenn Adorján – deren Urgroßvater noch Samuel Adler hieß, seinen Namen aber in Sandor Adorján ungarisierte, um seinen jüdischen Hintergrund zu verwischen – weniger weinerlich gewesen wäre.          Rebecca Bellano

Johanna Adorján: „Eine exklusive Liebe“, Luchterhand, Köln 2009, geb., 185 Seiten, 17,95 Euro


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