© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-09 vom 27. Juni 2009

Den Wandel gespürt
Reportagen aus der DDR und der Wendezeit

Die jungen Menschen, die in der DDR während oder bald nach der Wende geboren wurden, stehen heute am Beginn eines Studiums oder sind bereits im Beruf, oft haben sie auch schon wieder eigene Familie und Kinder. Die DDR ist nur noch Geschichte, – wie übrigens auch für Gleichaltrige im Westen die deutsche Teilung überhaupt. Damals, im Herbst 1989 und in den folgenden Monaten, spürte man aber tatsächlich den vielzitierten „heißen Atem“ der Geschichte, übrigens ja nicht nur in Deutschland, sondern überall in Mittel- und Osteuropa.

Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen hatten damals ihre große Zeit. Von Live-Reportagen, Interviews und Hintergrundartikeln konnte man hüben wie drüben gar nicht genug kriegen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte schon ab 1987 gleich zwei hauptamtliche DDR-Korrespondenten „drüben“, Peter Jochen Winters und die sehr viel jüngere Monika Zimmermann. Beide konnten sich seit den dramatischen Ereignissen über besondere Themen nicht beklagen. Monika Zimmermann hatte 1990 die Chefredaktion der ehemaligen CDU-Zeitung in der DDR „Neue Zeit“ übernommen; die „FAZ“, die das Blatt kurz zuvor erworben hatte, hatte dann aber leider nicht den unerläßlich langen Atem, um auf Dauer eine anspruchsvolle Zeitung in der Mitte Deutschlands zu etablieren. Heute ist die Autorin Regierungssprecherin von Sachsen-Anhalt – schade eigentlich, denn dem Journalismus hierzulande ging damit eine gute Feder verloren.

Wie gut sie schreiben, wie genau sie beobachten kann, das zeigt dieser Band, in dem etwas mehr als 60 Beiträge, fast alle damals in der „Frankfurter Allgemeinen“, erschienen unter dem großen Thema „vor und nach der Wende“, zusammengefaßt sind. Als die Autorin im Jahr 1987 ihre Arbeit in Ost-Berlin begann, war noch (oder es schien doch so) normaler Alltag, der hier an einigen Beispielen geschildert wird und Absurditäten in Erinnerung ruft, die heute schlichtweg vergessen sind, etwa wenn Handwerker gebraucht  oder bestimmte Dinge benötigt wurden. Der Schwerpunkt des Buches liegt aber auf den Ereignissen ab Sommer 1989, als die Ausreisewelle über Ungarn einsetzte und urplötzlich das System ins Wanken brachte.

Fast ungläubig sieht Zimmermann die Risse, die sich im scheinbar so festgefügten System der DDR auftun, beobachtet die Brutalität der Staatssicherheit gegen Jugendliche, die am Rande der 40-Jahr-Feiern immer offener demonstrieren, und nimmt ebenso erstaunt, fast noch überrascht, wahr, wie schnell sich nach der großen friedlich verlaufenen Montagsdemonstration in Leipzig die Menschen von der alten Herrschaft lossagen. Dabei gefällt, wie es immer ihr wieder gelingt, an kleinen Gegebenheiten im Alltag den grundlegenden Wandel deutlich zu machen. Was heute nur noch blaß in Erinnerung ist, das spürt man hier unmittelbar, wie sehr das Land von den Umwälzungen erfaßt war.

Monika Zimmermann hatte die neuen Bürgerrechtsbewegungen von Anfang an beobachtet und deren politische Arbeit geschildert. Schon damals bemerkte sie den oft „spontanen“ Charakter der neuen, idealistischen und hochgestimmten Bewegungen: Es waren spontane Gruppenbildungen mit großem moralischen Anspruch, aber naturgemäß völlig unerfahren in Fragen politischer Organisation und langfristiger Arbeit. Mit der Volkskammerwahl vom März 1990 und der Regierung de Maiziére waren deren Wirksamkeit und Einfluß schon fast wieder vorbei; das Sagen hatten mehr und mehr die aus Bonn.             Dirk Klose     

Monika Zimmermann: „Honecker bläst zur Hasenjagd – Reportagen aus einem untergegangenem Land“, Hohenheim Verlag, Stuttgart 2009, 256 Seiten, 18 Euro


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