© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-09 vom 27. Juni 2009

Kommerz statt Kunst
Stefanie Zweig mutiert zur lauen Vielschreiberin

Die Erfolgsautorin Stefanie Zweig („Nirgendwo in Afrika“) lebt und arbeitet in Frankfurt im Haus ihrer Eltern in der Rothschildallee in Frankfurt-Bornheim. Ihrem 2007 erschienenen, autobiographisch gefärbten Roman „Das Haus in der Rothschildallee“ hat sie kürzlich eine Fortsetzung folgen lassen, „Die Kinder der Rothschildallee“. Geboren wurde die Journalistin und Schriftstellerin 1932 als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in Leobschütz / Oberschlesien. 1938 wanderte ihre Familie nach Afrika aus, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. Ihr Vater, zuvor ein renommierter Rechtsanwalt und Notar, wurde Verwalter auf einer Farm in Kenia. 1947 kehrte die Familie nach Deutschland zurück und lebte seitdem in Frankfurt.

Die Handlung des Romans setzt 1926 ein und endet 1937, der zentrale Schauplatz der fiktiven Geschichte ist ihr eigenes Zuhause. In der assimilierten jüdischen Familie Sternberg hat sich nach dem Tod des ältesten Sohnes Otto, der im Ersten Weltkrieg fiel, die Stimmungslage eingetrübt. Beinahe wäre es zum Zerwürfnis der Eltern gekommen. Nach wie vor besitzt der Kaufmann Johann Isidor Sternberg mehrere gut gehende Posamenteriewaren-Geschäfte und hält sich für einen ganz normalen deutschen Bürger. Die beiden älteren Töchter und der Sohn Erwin ringen um Orientierung in ihrem Leben und entwickeln Vorstellungen, die ihren Eltern Unbehagen bereiten. Angesichts der immer stärker zutage tretenden antijüdischen Hetze begreifen die erwachsenen Kinder von Betsy und Johann Isidor eher als ihr Vater, daß sich für die Juden in Deutschland eine Ka-tastrophe ankündigt. 

Der stattliche Band erweckt den Eindruck, eine klassische Familiensaga von epischer Breite zu enthalten. Schlägt man ihn auf, erweist sich diese Vermutung angesichts des Großdrucks als abwegig. Ein weiteres ist anzumerken: Es gibt im Grunde keine fortgesetzte Handlung, sondern es werden einzelne Begebenheiten aneinander gereiht. Dabei klingt bei der Sprache der Romanfiguren allzu häufig der Ton der Erzählerin an. Es gelingt ihr, einige Personen wunderbar markant zu profilieren, während andere nicht besonders scharf hervortreten.

Begleitet wird diese Schau auf eine gutbürgerliche, gut situierte jüdische Familie für den Zeitraum seit 1933 durch fortlaufend eingefügte Mitteilungen der rasch aufeinander folgenden gesetzlichen Verordnungen, betreffend die Ausgrenzung und Diffamierung der jüdischen Bevölkerung. Wie wichtig eine derartige Unterfütterung der Handlung auch immer ist: Man kann erwarten, daß Rechercheergebnisse künstlerisch „verpackt“ werden. So aber erhält das Buch um so deutlicher den Charakter eines eigenen Genres, das als eine Mischung zwischen einer Erzählung und einer – im Medium Fernsehen üblichen – Dokumentation mit eingespielten Szenen zu bezeichnen wäre. Wirklich nahe kann man den handelnden Personen dabei nicht kommen.          Dagmar Jestrzemski

Stefanie Zweig: „Die Kinder der Rothschildallee“, F. A. Herbig, München 2009, geb., 384 Seiten, 19,95 Euro


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