© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-09 vom 05. September 2009

Historischer Kontext
Hartmut Saenger über den Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939

Vor 70 Jahren eskalierte die Auseinandersetzung des Deutschen Reiches mit Polen um Danzig und den Korridor zum Krieg. Der 1. September 1939 gilt als Beginn des Zweiten Weltkriegs und wird schon deshalb von Politik und Medien mit entsprechenden Reden und Bildern ins öffentliche Gedächtnis gerückt. Oft genug geschieht das unter Kurzformeln wie: „... der vom nationalsozialistischen Regime entfesselte Weltkrieg“.

Solche Kurzformeln werfen naturgemäß mehr Fragen auf als beantwortet werden. Stand für die damaligen Mächte in Europa, zumal den Diktaturen wie Sowjetrussland, Polen oder Italien das nationalsozialistische Regime im Fokus oder das wieder erstarkte Deutsche Reich? Gehören zum Entfesseln eines Krieges nicht Bündnisse? Und schließlich: Wie kann aus einem Streit um Zugangsrechte und eine Stadt wie Danzig, die damals völkerrechtlich weder zu Polen noch zum Deutschen Reich gehörte, ein Weltkrieg zwischen allen Großmächten entstehen?

Solche Fragen sind für Geschichtsinteressierte Grund genug, etwas genauer in den historischen Quellen nachzublättern.

Schlägt man beispielsweise das Buch von Gerd Schultze-Rhonhof auf („1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ Untertitel: „Der lange Anlauf zum Zweiten Weltkrieg“), dann zeigt sich das ganze Ausmaß ständiger Großmachtskämpfe, militärischer Aktionen und neuer Bündnisbemühungen in der Zwischenkriegszeit. Der historische Kontext zum Sommer 1939 weist bei allen europäischen Großmächten eine erstaunliche Bereitschaft zum Krieg aus, um staatliche Ziele durchzusetzen oder Bedrohungen durch Bündnisse abzuwehren.

Besonders kriegerisch führte sich Polen auf. Der 1918 wieder erstandene Staat schaffte es in der kurzen Zeit bis 1921 gleich mit vier Nachbarn durch militärische Besetzungen und Kriege in dauerhaftem Streit zu liegen. Im Deutschen Reich wurden Posen und Westpreußen besetzt, in Oberschlesien drei Aufstände angezettelt, um Volksabstimmungen zu beeinflussen. Gegenüber der Sowjetunion wurde die vom Völkerbund vorgeschlagene und ethnisch begründete Curzonlinie abgelehnt und Krieg um weißrussische und ukrainische Gebiete geführt. Mit der Annexion dieser Gebiete schaffte sich der polnische Staat neben der Feindschaft des sowjetischen Russlands auch noch ein großes Minderheitenproblem. Neben diesen Konflikten mit seinen großen Nachbarn im Westen wie im Osten leistete sich Polen noch die Besetzung des Wilnaer Gebietes in Litauen und war mit dem Einmarsch in das Teschener Land auch bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei dabei.

Das deutsch-polnische Konfliktpotential (Korridor, Danzig und die Repressalien gegen die deutsche Minderheit) war für England und Frankreich bestens geeignet, durch Beistands-pakte Polen gegenüber dem Deutschen Reich den Rücken zu stärken. Mit dieser Absicherung durch die starken Garantiemächte im Westen fiel es Polen leicht, jeden deutschen Vorschlag zu einer Danziglösung abzulehnen und sogar mit Krieg zu drohen. Im März 1939 machte Polen sogar gegen Deutschland mobil und gab damit Hitler die Möglichkeit der Aufkündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes von 1934.

Hitler suchte sich angesichts dieser drei seit Versailles gegen das Deutsche Reich operierenden Bündnispartner einen Verbündeten. Er fand ihn am 23. August 1939 in Stalin. Die Sowjetunion hatte seit der polnischen Gebietserweiterung 1921 eine offene Rechnung mit Polen. Der Hitler-Stalin-Pakt machte den Krieg der beiden großen Flügelmächte gegen Polen möglich. England und Frankreich setzten dieser Besetzung und Aufteilung Polens keinen Widerstand entgegen, weil es ihnen nicht um Polen ging, und um Danzig auch nicht.

Aber das Deutsche Reich war – zumal im Bündnis mit Rußland – für England in Europa zu stark geworden. Frankreich und England erklärten am 3. September 1939 dem Deutschen Reich den Krieg, nacheinander folgten die Commonwealthmächte von Australien bis Kanada. Erst England machte den Krieg um Danzig zu einem weltweit ausgetragenen Krieg, der dann durch den Kriegseintritt der USA wegen seiner Interessen am Pazifik zum globalen Krieg ausuferte.

Der Autor ist Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft. Der Artikel erschien am 29. August in der „Pommerschen Zeitung“, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Foto: Notfalls mit Sensen: Polnische Freiwillige im Krieg gegen die Sowjetunion 1920. Bild: Ullstein

 

Zeitzeugen

Józef Pilsudski – Der 1867 in Wilna geborene Sohn (†1935) eines polnischen Kleinadligen kämpfte verbissen für die Unabhängigkeit Polens. Dabei wechselte er als Marshall wie als Politiker regelmäßig seine Verbündeten. 1926 erkor er sich sogar die polnische Regierung unter Staatspräsident Wojciechowski zum Feind und putschte mit dem Militär. Zwar verzichtete er auf das Amt des Präsidenten, doch in verschiedenen Ministerämtern half er, die Opposition und Minderheiten zu bekämpfen.

 

Józef Beck – Erst als Verteidigungsminister und ab 1932 auf Drängen Pilsudskis als Außenminister bestimmte der Oberst mit über die polnische Politik. Seine Ablehnung der deutschen Forderungen bezüglich des polnischen Korridors und der freien Stadt Danzig dienten Hitler 1939 als Angriffsgrund.

 

Donald Tusk – Polens 1957 geborener Ministerpräsident stammt als Kaschube aus einer jahrhundertelang preußischen Familie. Vor einiger Zeit kam er innenpolitisch unter Druck, als bekannt wurde, dass sein „eingedeutschter“ Großvater in der Wehrmacht gedient hatte. Kürzlich wurde außerdem bekannt, dass eine Tante von Tusk bei der Versenkung der „Wilhelm Gustoff“ ums Leben kam. Deutschfreundlichkeit muss man deswegen von ihm nicht erwarten, eher im Gegenteil: Tusk muss seinen polnischen Patriotismus umso mehr beweisen.

 

Tomasz Lubienski – Der 1938 geborene polnische Historiker provoziert seine Kollegen immer wieder mit unkonventionellen Thesen. Scharf kritisiert er die Politik Polens in den Monaten vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Zudem kritisiert er alle polnischen Aufstände des 18. bis 20. Jahrhunderts. Lubienskis Onkel war übrigens Staatssekretär bei Außenminister Józef Beck.

 

Janusz Kurtyka – Der 1960 in Krakau geborene Historiker ist seit 2005 Präsident des polnischen Instituts für das Nationale Gedenken (IPN). Vor wenigen Tagen gab er in Warschau neue „amtliche“ Opferzahlen Polens im Zweiten Weltkrieg bekannt: Rund 5,7 Millionen Tote sollen es nun also gewesen sein. Es gibt Hinweise, dass selbst innerhalb des IPN nicht alle diese politische Zahl für bare Münze nehmen.


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