© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-09 vom 19. September 2009

Doch kein Weltwunder der Natur?
Eine polnische Zeitschrift zeichnet ein trübes Bild der sozialen und ökologischen Lage in Masuren

Mehrfach hat diese Zeitung darüber berichtet, dass die masurischen Seen womöglich zu einem der sieben neuen „Weltnaturwunder“ gewählt werden. Die polnische Zeitschrift „Angora“ setzt in ihrer Ausgabe vom 2. August allerdings ein Fragezeichen hinter diese positive Bewertung und zeichnet – wenn auch erkennbar satirisch zugespitzt – auch sonst ein eher trübes Bild der wirtschaftlichen und sozialen Situation im südlichen Ostpreußen.

Der Artikel „Cudotwórcy“ („Wundertäter“, Rubrik „Zwei Seiten der Medaille“) behandelt die aktuelle Lage in Masuren. Ausgangspunkt ist die für den Autor Maciej Misniowski komische Tatsache, dass die masurische Seenplatte im weltweiten Wettbewerb um die größten sieben Naturwunder der schweizerischen Vereinigung „New 7 Wonders Foundation“ den Einzug in die Finalrunde der letzten 28 Kandidaten geschafft hat. Denn die Seenplatte sei wohl nur noch aus der Vogelperspektive ein Weltwunder, ansonsten könne man über ihre Schönheit eher nur lachen.

So wird berichtet, dass es kaum mehr Fische in den Gewässern gebe, beispielsweise durch Fischen mit Elektrizität, über das eine Restaurantbesitzerin berichtet, oder weil die dortigen Kormorane die noch vorhandenen Fischbestände fressen. Auch gebe es kaum mehr Fische wegen der relativ „toten“ Seenböden, die mit bis zu sechs Meter dicken Schlammschichten bedeckt seien. So essen die Touristen keine einheimischen Fische in den Restaurants, sondern von Russen gekaufte Ware.

Dann geht es um die Abholzung der Alleebäume, welche die schönen Zufahrtsstraßen säumen, damit man breitere Straßen bauen kann. Oder man baut ganz neue Straßen. Allerdings müsse man überlegen, ob man das nicht lieber bleiben lassen sollte, um lieber einen Nationalpark in Masuren zu gründen. Das sei auch ein „gutes Business“. Dann hätten die ganzen Arbeitslosen wieder einen Job. Masuren hat als Region die wohl höchste Arbeitslosenquote ganz Polens, fast jeder fünfte Bewohner hat keine Arbeit, es ist auch die Woiwodschaft, die am meisten unter der Armut leidet. Weiter wörtlich:

„Herr Jan, ein Lehrer aus einer masurischen Gesamtschule hat hierzu nur eine Frage: Für wen? Für wen ist diese Arbeit wichtig? Ganz sicher nicht für die, mit denen der Herr Redakteur so viel Mitleid zeigt. Denen ist es scheißegal. Der Staat soll es richten und Punkt. Vor kurzem war ich in der „popegeerowskiej“ Ortschaft B. [= Ortschaften, die sich um eine PGR, das heißt einen staatlichen Landwirtschaftsbetrieb, entwickelt haben – Anm. d. Übers.], weil ich gesehen hatte, dass eine meiner Schülerinnen erhebliche Entwick­lungsprobleme hat und man mal mit den Eltern sprechen sollte. Diese waren nie so nett, sich in der Schule blicken zu lassen, also beschloss ich, mich zu ihnen zu bemühen. In dem Haus (Plattenbauten, von denen es nur so wimmelt in solchen Dörfern) musste ich den Hausflur entlang gehen, an all den Wohnungen vorbei. In jeder war die Eingangstür offen. In jeder Wohnung lag ein Erwachsener im Bett. Nicht weil er krank wäre, sondern weil es eine Art ist, seine Zeit zu verbringen. Liegen und Fernsehen. Alle liegen da in einem zerwühlten Bett mit der Fernbedienung in der Hand. Das Mädchen, das ich gesucht hatte, habe ich nicht gefunden. Zu dem Zeitpunkt wusste keiner, wo sie sei und wann sie wiederkäme. Man antwortete mir: Wenn sie wieder kommt, dann ist sie halt wieder da. Das Mädchen ist mir egal, die Eltern und deren Probleme. Sagen wir also, es ist mir so egal, wie es den Eltern egal ist.“

Im weiteren Text berichtet der Autor, dass alle aus den Dörfern dieses Schicksal teilten, dass sie ungelernte Arbeitskräfte seien und dass das im Sozialismus durchaus noch funktioniert hatte. Weiter wörtlich: „Dann bekommen sie im Sommer mal eine Anstellung in einem Luxushotel, wo sie spätestens nach der Beendigung der Saison rausfliegen, weil sie jammern, was das Zeug hält, also tun sie das, was sie schon immer getan haben, und niemand hatte ein Problem damit. Danach gehen sie zu einem anderen Hotel, wo sie das gleiche machen. Danach wieder zu einem anderen Hotel, bis das Angebot an Hotels erschöpft ist.“

Danach, so der Artikel weiter, trinken sie oder nehmen eine Aushilfstätigkeit als Gärtner an und arbeiten solange, bis es für eine Flasche reicht, danach hören sie auf zu arbeiten. Das Trinken sei ein sehr großes Problem in dieser Gegend, und es gebe kaum eine Ortschaft, wo nicht einmal einer einen anderen im Suff umgebracht hätte. (Die Übersetzung besorgte Anna Gaul.)  PAZ


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