© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-09 vom 14. November 2009

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

der November ist nun einmal der Monat, an dem die Gedanken stärker als sonst zu denen gehen, die nicht mehr unter uns weilen. An die Menschen, an deren Gräbern wir nicht stehen können, weil es sie nicht gibt. Da bleibt oft nur ein Bild, und manchmal auch nicht einmal das, weil alles verloren ging – damals auf dem großen Fluchtweg. Aber so lange wir an sie denken, sind sie nicht vergessen. Und es tut gut zu hören, dass es Menschen gibt, die dieses Gedenken nicht nur an die Verstorbenen aus dem eigenen Lebenskreis pflegen. Da trat auf dem letzten Ostpreußentreffen in Berlin eine Ostpreußin an mich heran und zeigte mir einige Fotos von einem geschmückten Grab. Sie sagte: „Darüber müssen Sie einmal schreiben.“ Es war laut und voll in der Halle, viele Menschen drängten sich an unserem Stand, so dass ich nur einen kurzen Blick auf die Bilder werfen konnte und den Namen auf dem Grabstein las: Fritz Skowronnek. Ich fragte: „Der Schriftsteller?“, und sie nickte. „Und wo liegt er begraben?“ „In Oranienburg. Und wir Lycker pflegen sein Grab …“ sie wies auf eine Granittafel unterhalb des Steines „… für den Heimatdichter aus Lyck/Ost­preu­ßen.“ Ich versprach Frau Renate Lohs, dass ich mich um die Angelegenheit kümmern würde. Eigentlich wäre der 70. Todestag des Dichters am 7. Juli dieses Jahres ein guter Anlass gewesen, aber dann wäre bei der Würdigung seines reichen Lebenswerkes dieses sichtbare Gedenken zu kurz gekommen. Und so erscheinen mir diese stillen Tage, die den Verstorbenen gelten, als der richtige Zeitpunkt und unsere Familien-Kolumne als der richtige Platz, um darüber zu berichten.

Es begann damit, dass sich im März 2007 die Stadt Oranienburg an die Kreisgemeinschaft Lyck wandte mit dem Angebot, ihr die Grabstelle Dr. Fritz Skowronnek auf dem Städtischen Friedhof zur weiteren Pflege zu überlassen. Das stieß bei der Kreisgemeinschaft, vor allem bei Herrn Peter Dziengel, auf großes Interesse, denn er hatte sich schon lange bemüht, den hinterlassenen Spuren des masurischen Dichters nachzugehen. Fritz Skowronnek hatte zwar 1858 im Forsthaus Schuiken in der Rominter Heide das Licht der Welt erblickt, aber nach der Geburt des vier Jahre jüngeren Bruders Richard übernahm der Vater die Försterstelle in Sybba bei Lyck. Und diese schöne masurische Stadt wurde für den ältesten Sohn des Försters Adam Skowronnek, der wie seine Brüder das renommierte Lycker Gymnasium besuchte, zur Vaterstadt, wie er sie selber bezeichnete. Die Brüder Fritz und Richard schöpften als Schriftsteller ihr Leben lang aus dem Reichtum der masurischen Landschaft und der Wesensart ihrer Menschen und brachten die bis dahin kaum entdeckte Schönheit und Eigenart Masurens in die deutsche Literatur ein. Sie spiegelt sich in ihren Romanen, Novellen und Dramen wider, vor allem aber in den Naturschilderungen des Fritz Skowronnek, basierend auf den Eindrücken aus seiner Jugend in der Wälder -und Seenweite um Lyck, die für sein ganzes Leben und Wirken bestimmend wurden. Peter Dziengel besitzt mehr als 30 Bücher des Dichters, hatte auch schon über ihn geschrieben, als noch der Eiserne Vorhang ein Forschen nach seiner Grabstelle verhinderte. Die letzte Lebensstation des Masuren war Oranienburg gewesen, wo der 81jährige kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verstarb.

Nun war nicht nur der Gang zu seiner letzten Ruhestätte frei, man wollte den Lyckern auch die Pflege übertragen. Sie fanden bei einer ersten Besichtigung eine trotz Krieg und DDR-Zeit gut erhaltene Grabstelle mit Gedenkstein und Grabeinfassung vor. Die Kreisgemeinschaft übernahm die Pflege gerne. Auflage vonseiten der Stadt im Wortlaut: Solange die Grabstelle gepflegt und verkehrssicher ist, sollte sie nicht geräumt werden! Die Inschrift auf dem Grabstein wirkt nach der Instandsetzung wie neu: „Dr. Fritz Skowronnek, Schriftsteller, * 20.8.1858, † 7.7.1939“, und darunter der Spruch: „Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie Du.“ Das besagte viel über die Heimatverbundenheit des Dichters – nur nichts über diese Heimat. Und so kam es, dass sich um Peter Dziengel ein Kreis von Anhängern des masurischen Dichters bildete, die beschlossen, dass seine, ihre Heimat auf der Grabstelle auch sichtbar werden sollte. Die Stadt Oranienburg erteilte die Genehmigung für eine zusätzliche Steintafel mit der Inschrift „Fritz Skowronnek Heimatdichter aus Lyck/Ostpreußen“. Eine großzügige Lyckerin übernahm die – nicht unerheblichen – Kosten für die Steinmetzarbeit, weitere Spenden aus dem Freundeskreis kamen hinzu, so dass jetzt die Tafel „sichtbar für die Nachwelt“, wie Frau Lohs sagt, die Heimat des Dichters dokumentiert. Und darüber hinaus ist jetzt auch vertraglich die Pflege der Grabstelle für 30 weitere Jahre gesichert! Das wäre bis zum 100. Todestag des Dichters im Jahre 2039! Fritz Skowronnek, der seiner masurischen Heimat die Sprache gab, bleibt noch lange unvergessen, Herrn Dziengel und dem Freundeskreis sei Dank!

Die Sprache seiner masurischen Heimat bewahrt hat auch der Schriftsteller Max Bialluch aus Gollingen im Kreis Sensburg. Ich habe ihn als liebenswürdigen, humorvollen Menschen gekannt, der auch im Rundfunk seine Geschichten und Anekdoten vortrug, die er vor allem in seinem Buch „Das lachende Dorf“ zusammengefasst hatte. Ich habe in den letzten Jahren oft und gerne aus unserem „Königsberger Dichterkreis“ – offiziell „Sektion Ostpreußen der Reichsschriftumskammer“, aber unter und über uns nie so genannt – berichtet und aus den Werken der damaligen Mitglieder vorgelesen, um das Bild des reichen Literaturlebens Ostpreußens aufzufächern. Und so trage ich auch gerne die kleine Geschichte „Der Soldatenrock“ von Max Bialluch vor, eine um den preußischen König Friedrich Wilhelm I. spielende Anekdote aus Masuren. Die hat nun Herrn Rolf W. Krause aus Velbert angeregt, das Leben und Wirken von Max Bialluch zu durchleuchten, weil er dessen Biographie im Sensburger Heimatbrief bringen will. Sicherlich wird es Landsleute geben, die Max Bialluch gekannt haben und die über den später in Königsberg wohnenden Schriftsteller berichten können. Vor allem aus seiner Jugendzeit und den Anfängen seiner schriftstellerischen Arbeit in der Heimat. Herr Krause hat schon eine weitere Geschichte, „Der Schießprügel“, gefunden, sie stammt aus dem „Lachenden Dorf“. Er möchte natürlich gerne das Buch besitzen, ist an weiteren Arbeiten und vor allem an einem Foto von Max Bialluch interessiert. Mit Sicherheit sind seine Geschichten in älteren Anthologien, Heimatbüchern und Kalendern zu finden. Vielleicht werden ja Leserinnen und Leser aus unsrem Familienkreis fündig! (Rolf W. Krause, Nierenhof, Alte Poststraße 12 in 42555 Velbert, Telefon 02052/1309)

Hatte ich schon von der blitzschnellen Aufklärung des – nun als Labiau identifizierten – Ortes auf der alten Luftaufnahme berichtet, zu der immer noch Zuschriften kommen, so konnte die Geschwindigkeit noch getoppt werden durch die Reaktion auf die Abbildung des unbekannten Denkmals auf dem Suchbild in Folge 44. Sie erfolgte umgehend, und zwar in solchem Ausmaß, wie wir es nicht erwartet hatten, zumal es sich ja um ein Bauwerk handelt, das sich nicht in Ost- oder Westpreußen befindet, sondern in Schlesien. Das Ehepaar Wiedenfeld aus Kanada, das den turmartigen Bau auf einer Europareise entdeckte und uns nach dem ihm unbekannten Objekt befragte, kann mit der Antwort mehr als zufrieden sein – wir aber auch, denn es zeichnete sich in der Breite und Intensität der Antworten ab, dass wir auf dieses Thema näher eingehen müssen. Da dies in unserer Kolumne nicht möglich ist, werden wir es gesondert behandeln, zumal wir durch die Vielfalt der Informationen, die oft auf persönlichen Eindrücken beruhen, die Geschichte dieses Denkmals von seiner Planung über Errichtung und Zerstörung bis zu seinem jetzigen Zustand genau aufzeichnen können.

Es handelt sich um das Mausoleum des Generalfeldmarshalls Gerhard Leberecht Fürst Blücher von Wahlstatt, der sich als „Marschall Vorwärts“ in die deutsche Geschichte eingeschrieben hat. Im Jahre 1813 befreite der bereits 70-Jährige in der berühmten Schlacht an der Katzbach Schlesien von der napoleonischen Herrschaft und entschied zwei Jahre später bei Belle-Alliance das Schicksal des selbsternannten Welteroberers. Der aus einem Mecklenburger Adelsgeschlecht stammende, viel besungene Volksheld der Befreiungskriege erhielt von König Friedrich Wilhelm III. das schlesische Gut Krieblowitz als Ruhesitz, den er aber nicht lange als solchen genießen konnte, denn er verstarb am 12. September 1819. Auf Wunsch von König Friedrich Wilhelm IV. entstand auf der Lindenhöhe nordwestlich des Schlosses eine würdige Begräbnisstätte, das von dem Berliner Architekten Johann Heinrich Strack geschaffene Blücher-Mausoleum. Es ist das turmartige Gebäude, das von den Eheleuten Wiedenfeld entdeckt wurde und über das sie leider vor Ort keine Erklärung bekamen. Sie waren nur betroffen über den Zustand des massiven Bauwerks, das die Spuren starker Zerstörung aufwies. Das Relief unter dem Turmkranz war als Halbbüste des Feldmarschalls von Christian Daniel Rauch geschaffen worden. Der Kopf wurde von den russischen „Befreiern“ bei ihrem Einmarsch 1945 abgeschlagen, das Mausoleum aufgebrochen, die Särge Blüchers und seiner Frau zerstört. Die ersten deutschen Zeugen dieser Vernichtungswut fanden die Gruft in einem kaum beschreibbaren Zustand – auch darüber werden wir ausführlich berichten wie über die Bemühungen, wenigstens die Stätte als solche zu erhalten, obgleich sie kein Mausoleum mehr ist. Die irdischen Reste Blüchers sind nicht mehr auffindbar. Als in den 90er Jahren die Gedenkstätte etwas aufgeräumt wurde, hat man die dabei gefundenen Knochen in dem dahinter liegenden Gebäude eingemauert. Immerhin ist es tröstlich, dass ein später Nachfahre Blüchers das Schloss Krieblowitz, das 1937 den Namen „Blüchersruh“ erhielt, gekauft hat und es zum Hotel umbauen ließ. Er soll auch das Mausoleum wieder in einen würdigen Zustand versetzt haben, wie uns Herr Heinz Csallner mitteilt, der uns dazu alte Postkarten übersandte, die den Rundbau im gepflegten, unversehrten Zustand zeigen. Danke dafür, auch im Namen des Ehepaars Wiedenfeld, ebenso allen anderen, die uns eine Fülle von Material übermittelt haben, darunter einen uns von Herrn Manfred Kehlert überlassenen Artikel, der die Geschichte des Blücher-Denkmals bis in den letzten Winkel durchleuchtet. Herr Prof. Wolfgang Stribrny weist in seinem Schreiben darauf hin, dass auf seinen Vorschlag die deutschen und polnischen Teilnehmer der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft zur preußischen Geschichte e. V. vor einem Jahr auch in Krieblowitz gewesen sind. Die Arbeitsgemeinschaft will ein deutsch-polnisches Hinweisschild auf den Generalfeldmarschall am Blücher-Mausoleum aufstellen. Wir sehen, es tut sich etwas. Hinweise für Interessierte: Das etwa 15 Kilometer südwestlich von Breslau gelegene Krieblowitz gehört zur Gemeinde Kanth (polnisch Kary) wo sich auch die Autobahn-Anschlussstelle befindet.

Eure Ruth Geede

Foto: Fritz Skowronneks Grab: Eine Zusatztafel verweist jetzt auf die masurische Heimat des Schriftstellers.


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